Auswanderungswut

Dezember 10, 2018

Aus Thüringen wird unterm 14. April geschrieben: Die Auswanderung nimmt in allen Theilen unseres Landes auf eine unglaubliche Weise überhand und es dürften kaum Schiffe genug aufgebracht werden können, um alle die Europamüden an das seitige Gestade überzuschiffen. Es herrscht, so zu sagen, eine wahre Auswanderungswuth; Reich und Arm, Jung und Alt, Alles wälzt sich fort. Alte hochbetagte Leute, die vielleicht ihr Lebtag nicht an Auswanderung gedacht, suchen ihre sieben Sachen zu versilbern und wandern fort, indem man sie sagen hört: „Wir thun’s unsrer Kinder wegen.“

Dann ergreifen wieder solche den Wanderstab, die in wohlhabenden Verhältnissen sich befinden, die weder Kummer noch Sorge drückte, und fragt man bei ihnen nach dem Grund, dann heißt es: „Wir wollen uns fortmachen, ehe noch das Unglück über Deutschland hereinbricht.“ Kurz, im Hintergrunde der Seele eines jeden Auswanderers schlummert ahnungsvoll der Gedanke an ein verfallendes Deutschland.

Nicht von heute – aus dem Jahr 1850. (Schreibweise original)

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Ein 100. Geburtstag

Dezember 6, 2018

In der Regel werden hier die Toten hofiert, die Vergänglichkeit und die lieben Altvorderen – doch heute mögen die Lebenden geachtet werden. Es sind einige Stunden und Tage in das unendliche Zeitenmeer geflossen, seitdem ich über den 100. Geburtstag der Henriette Colino in Rothenburg an der Obra berichtet habe. Heute wurde mir selbst die Ehre zuteil, einer Dame zum 100. Geburtstag zu gratulieren – was freilich ein höchst besonderes Ereignis ist. Ein dreistelliges Lebensalter, welch eine bemerkenswerte Zahl! Ich kann nur erahnen, was diese Frau alles in ihrem Leben gesehen und erlebt hat; durch welche spannenden, interessanten und absurden Begebenheiten sie hindurch geschritten ist – die Strömungen des Lebens überwunden hat, um heute diesen einzigartigen Ehrentag zu begehen.

Das gnadenlose Raubtier der Zeit mag ihren Körper gebeugt und eingeschränkt haben – für den Geist gilt das mitnichten; welcher wahrscheinlich reger und aktiver als von manchen Jugendlichen heutzutage ist. Der heutige Feiertag fand und findet seine entsprechende Würdigung, wenngleich in einem leisen und ruhigen Rahmen – der oben verlinkte 100. Geburtstag vor 109 Jahren wurde „pompöser“ zelebriert, allein dies waren andere Zeiten. Ich wünsche der Jubilarin einen genußvollen Feiertag und möge sie in ihrer verbleibenden Lebenszeit der Gesundheit verbunden bleiben.

Generalversammlung des Kriegervereins Rothenburg an der Obra

Dezember 1, 2018

Rothenburg an der Obra. Der hiesige Kriegerverein hielt am vergangenen Sonntag im städtischen Gasthofe seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Bürgermeister Lieck, eröffnete diese mit einem Kaiserhoch. In den Vorstand wurden wiedergewählt: Vorsitzender Bürgermeister Lieck, stellvertretender Vorsitzender Eigentümer Krause, Schriftführer Kaufmann Rielke, stellver. Bauunternehmer Hahn, Rendant Töpfermeister Herkt, stellver. Ackerbürger Kernchen, Beisitzer Fleischermeister Bederke I und Kaufmann Raschke.

Der Verein zählt 113 Mitglieder. Verstorben sind im vergangenen Jahre 2, Zugang 5. Die Hinterbliebenen jeder verstorbenen Kameraden wurden 60 Mark Begräbnisbeihilfe gewährt. Die Einnahme des Vereins betrug im vergangenen Jahre 558,23 Mark, die Ausgabe 543,19 Mark so daß ein Bestand von 15,04 Mark übrig blieb. Die Feier des Geburtstages S. Majestät wird in der üblichen Weise durch Zapfenstreich, Wecken, Kirchgang mit anschließendem Frühschoppen und Ball gefeiert.

Rothenburg an der Obra im Januar 1911. (Schreibweise original)

Höhere Mädchenschule in Wollstein

November 27, 2018

Von Ostern dieses Jahres ab wird die von der Stadt Wollstein neu errichtete höhere Mädchenschule eröffnet. Die Anstalt wird nach dem Lehrplan des Lyceums unterrichten und nimmt Schülerinnen von 4. Schuljahr an auf. Das Schulgeld beträgt für die beiden oberen Klassen 100 Mark, für die unteren beiden Klassen 90 Mark pro Schülerin. Anmeldungen werden sofort an uns erbeten.

Es ist beabsichtigt, der Anstalt noch eine Unterklasse anzugliedern, so daß die Schülerinnen bereits vom 3. Schuljahr an Aufnahme finden können. Um feststellen zu können, ob die Durchführung dieses Vorhabens möglich ist, wird gebeten, auch für die Klasse Anmeldungen, die zu nichts verpflichten, zu machen.

Wollstein im März 1912. (Schreibweise original)

Der verlorene Reisepaß

November 23, 2018

Der Pferdemakler David Marcus aus Rostarzewo Bomster Kreises (Rothenburg an der Obra), hat den ihm von der dortigen Ortsbehörde vor ungefähr 2 Monaten ertheilten Reisepaß zwischen Berlinchen und Mückenberg verloren.

Der Marcus ist 42 Jahr alt, 5 Fuß 4 Zoll groß, hat schwarzgraue Haare, blaue Augen, schwarze Augenbraunen, eine lange starke Nase, einen gewöhnlichen Mund, fehlerhafte Zähne, ein rundes Kinn, ein längliches Gesicht von gesunder Farbe, an der rechten Seite des Kinns eine Narbe, und ist mittler Statur.

Um etwaigem Mißbrauche mit diesem Passe vorzubeugen, werden die Polizei-Behörden darauf aufmerksam gemacht.

Im Jahr 1819, (Schreibweise original)

Familiäre Vereinigung. Durch den Strom der Zeit.

November 20, 2018

Die Genealogie ähnelt doch sehr einem Puzzlespiel und wie ein Detektiv, welcher sich der Forschung verschrieben hat, kämpft man mit der unendlichen Vergangenheit, ringt gnadenlos mit ihr, um ihr verlorenes Wissen abzugewinnen. Und manchmal bedarf es Glück, um ein besonderes Steinchen zu finden, welches im Anschluß eine Lawine auslöst. Hier beziehe ich mich auf das nebulöse Gerücht, „irgendwann ist mal jemand ausgewandert“ – und dieser Legenden gibt es zwei in meiner Familie. In der einen Linie gelang es mir längst, dies zu bestätigen; die Familienbande wurde wiederbelebt und die Kontakte nach Australien intensiveren sich, tangieren mehr und mehr Nachfahren und selbst der persönliche Austausch wurde wiederholt ermöglicht.

So verdichteten sich die Hinweise, daß ein Bruder meines Urgroßvaters wieder nach Deutschland zurückkehrte und eine weitere Verwandte, welche in Australien geboren wurde – in der ehemaligen DDR verstarb. Welch ein Lebensweg! Und so nahm ich die konzentrierte Suche wieder auf, um ein wenig Licht in die finsteren Schatten der Vergangenheit zu tragen. Vor wenigen Tagen gelang mir der große Durchbruch in jenem Kontext und ich traf mich mit den Nachfahren dieser Familie. Wahrscheinlich war dies der erste Kontakt seit 130 Jahren zwischen den einzelnen Familienzweigen und entsprechend ausgeprägt war die Begeisterung bei allen Beteiligten. Obwohl wir uns das erste Mal begegneten, war unsere Zusammenkunft herzlicher Natur, ja, familiärer Art, was ich in dem Stil nicht erwartet hätte. Familie bleibt eben Familie und läßt sich auch durch den Strom der Zeit nicht leugnen.

Chronologie

125 Jahre Australien.

Familiäre Vereinigung.

Familiäre Vereinigung. Der Akt der Tränen.

Familiäre Vereinigung. Das Wiedersehen.

Symbolkraft.

Lebendige Genealogie.

Blutegelhandel in Rakwitz

November 14, 2018

Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts herrschte in unserm Orte ein schwungvoller Handel mit Blutegeln. In einem geographischen Werk aus jener Zeit (Verfasser Seminarlehrer Bäck aus Posen), das nach amtlichen Nachrichten bearbeitet ist, wird über den Blutegelhandel geschrieben: „Ein lebhafter Fang der Blutegel wird besonders in den Gewässern des Obrabruches betrieben. Die meisten Blutegelhändler wohnen im Bomster Kreise (Rakwitz).

Es waren im Jahre 1841 damit beschäftigt 2 Großhändler, 12 Kleinhändler und 115 Gehilfen und Fänger, überhaupt 129 Personen. Eingeführt wurden aus Ungarn und dem südlichen Rußland 2 ½ Millionen Blutegel, überwintert haben in den Teichen bei Rakwitz 1 Million Stück, so daß 3 ½ Millionen Blutegel zum Verkauf vorhanden waren.

Davon sind teils nach Hamburg, teils nach Berlin 2.100.000 Stück abgesetzt, der Ueberrest von 1.400.000 Stück aber ist in den Teichen zur Ueberwinterung zurückgehalten. Durchschnittlich sind pro Mille 30 Taler, also 63.000 Taler eingekommen. Die Kosten des Einkaufs, des Transports, die Reise- und sonstigen Kosten betrugen 42.000 Taler, und es ergibt sich daher ein Ueberschuß von 21.000 Taler. 1910, (Schreibweise original)

Ein Familiendrama

November 9, 2018

Zugegeben, temporär ist meine Wahrnehmung der Altvorderen latent romantisch verklärt oder auch das Bild der Familie idealisiert – durch den verzerrten Abstand der Jahrhunderte kann ich dem nicht wirklich entkommen. Dennoch ist mir bewußt, daß die damaligen Menschen genau wie wir heute waren und dementsprechend gab es den wahren Familienfrieden, geboren in Harmonie und Liebe wohl auch eher selten; indessen Zank und Zwistigkeiten wahrscheinlich keine Seltenheiten waren. Die nachfolgende Begebenheit offenbart dies auch eindrücklich und ist nur ein Beispiel von vielen aus jener Gegend.

Eines Tages brannte in Schussenze im Kreis Bomst auf dem Grundstück der Familie Herkt eine Scheune ab. Als später die Überreste begutachtet wurden, entdeckte man die verkohlten Leichen von Vater und Sohn Herkt. In der Nachbarschaft munkelte man, der Sohn hätte seinen Vater im Streit erschlagen, anschließend die Scheune angezündet und sodann sich erhängt. Woher diese relativ trefflichen Annahmen stammten, läßt sich nicht mehr ergründen. Im Zuge der Ermittlungen kamen aber neuerliche Details an das schmerzende Licht der Erkenntnis.

Vater Herkt galt als stolzer Veteran, der die Feldzüge 1866 und 1870 mitgemacht hatte – er war Invalide, dies galt auch für seinen Sohn, der nur ein Bein besaß und eine kleine Rente bezog. Die Ursache des Familienstreites resultierte in der Tatsache, daß der Sohn im Rahmen von Erbschaftsangelegenheiten gegenüber seinen Geschwistern zurückgesetzt wurde. Oder sich doch nur benachteiligt fühlte? In den Wochen vor der Tragödie kam es vermehrt zum Streit zwischen den Beteiligten und bei dem Sohn reifte der Gedanke, sich mörderisch zu rächen.

Er nahm also eine scharf geschliffene Axt, attackierte jählings seinen Vater und streckte ihn tödlich getroffen zu Boden. Nach der Tat begab er sich in die Scheune und setzte sein Leben mit einem Revolverschuß in den Kopf ein Ende. Vermutlich sind durch den Schuß die Heu- und Strohvorräte in Brand geraten, was wiederum zum vollständigen Niederbrennen der Scheune führte. So endete einst ein Familiendrama, welches – wie so oft und auch heute noch – durch einen banalen Erbschaftsstreit begründet wurde. Menschen. Wir ändern uns nicht und bleiben uns treu; über Jahrhunderte hinweg.

Volkszählung in Wollstein, Rothenburg an der Obra und Kiebel

November 5, 2018

Wollstein. Nach der Volkszählung betrug die Anzahl an Wohnstätten: 331, der Haushaltungen 907, der ortsanwesenden Bevölkerung 4513. Dem Bekenntnis nach sind 1656 evangelisch, 2666 katholisch, 190 jüdisch, 1 religionslos. Beim Standesamt wurden im Jahre 1910 beurkundet: 170 Geburten, 20 Eheschließungen, 98 Sterbefälle.

Rothenburg an der Obra. Bei der letzten Volkszählung wurden 1172 Einwohner, darunter 557 männliche und 615 weibliche Personen gezählt (gegen 1187 Personen bei der letzten Zählung im Jahre 1905). Beachtenswert ist, daß bei der diesjährigen Volkszählung sich gegen 100 männliche Personen außerhalb auf Saisonarbeit in Zuckerfabriken usw. aufhalten.

Bei der Viehzählung wurden gezählt: 92 Pferde, 213 Rinder und 416 Schweine, ein kleines Mehr gegen der Zählung im Vorjahre.

Kiebel. Bei der diesjährigen Volkszählung wurden am hiesigen Orte 697 männliche und 879 weibliche Personen, im ganzen 1576 Personen gezählt. Vorübergehend abwesend waren 184 Personen, sodaß die Gesamtseelenzahl hierselbst 1760 beträgt.

Das Resultat der Viehzählung ergab 139 viehbesitzende Haushaltungen mit 137 Pferden, 592 Stück Rindvieh und 624 Kälbern. 1910.

Zirkus „Olympia“ in Wollstein

Oktober 31, 2018

Für nur einen Tag und zum ersten Mal überhaupt gastierte der Zirkus „Olympia“ in der Stadt Wollstein, um alle Einwohner zu begeistern. Zuvor wurde bereits in der Umgebung darüber berichtet.

„Zweimaster-Zelt-Zirkus-Olympia. Den Berichten auswärtiger Blätter zufolge handelt es sich um ein zweifellos groß angelegtes Unternehmen, das erfreulicherweise auch nach hier seine Schritte lenkt. Ueber die Vorstellungen schreibt die „Ostd. Volksztg.“: Voll Vergnügen strömten am Sonnabend abend, zu der Eröffnungsvorstellung, Alt- und Jung-Insterburg in Scharen herbei. Der Zirkus war wohlgefüllt und tausend Augen warteten der Dinge, die da kommen sollten. Des gleichen Zuspruches erfreute sich der Zirkus an den beiden Vorstellungen am Sonntag. Aus dem reichen Repertoire von 52 Nummern kamen bei jeder Vorstellung gut die Hälfte an die Reihe.

Der Zirkus arbeitet mit guten Kräften und gediegenem Material, es waren unter alt bekannten und beliebten Sachen auch viele neue Tricks zu sehen. Wir erwähnen gerne das sichere Arbeiten der dressierten Pferde, die graziöse Kraft der jungen Reiter in den Jockeyakten, die elegante sichere Blitzvoltige der Mulattin Martha Jackson. Coko und Max, die kleinsten Pferde der Welt, wirken wie lebendig gewordene Schaukelpferdchen und ergötzten besonders das kleine Volk. Die Clownakte wurden herzlich belacht, die Akrobaten erregten viel Staunen und ebenso die athletischen Kraftproduktionen. Lieblich anzuschauen waren die reizenden Ballettakte. So wurde das reichhaltige Programm jedem Geschmack gerecht. Selbst der Musikfreund konnte sich ergötzen an einem musikalischen Akt, ausgeführt auf für gewöhnlich nicht gebräuchlichen Instrumenten, Schellen und Glocken.

Das „Meseritzer Kreisblatt“ schreibt von gestern: „Ueber den Zirkus Olympia, der hier am Montag und Dienstag Vorstellungen gab, ist zu berichten, daß man es mit einem guten artistischen Unternehmen zu tun hat. In den Freiheitsdressuren, den vier russischen Hengsten und dem Feuer- und Kanonenpferd Fanny, Freiheitsdressuren des Herrn Alfons und den kleinsten Pferden Max und Coko wurden Glanzleistungen auf dem Gebiete der Pferde-Dressur geboten. Erwähnenswert sind ferner die athletischen Kraftvorführungen der Geschwister Maximilian und Wilhelmine. Der Jongleur verbindet Komik und Kunstleistungen auf das trefflichste. Ebenso ist der Clown Sterndorf voll urwüchsiger Komik. Ein recht anmutiges Bild bietet das Ballett. Man sah etwas Gutes für sein Geld. Im Oktober 1910, (Schreibweise original)

Über das Bewahren

Oktober 27, 2018

Der Zufall führte mich einst in das weite Feld der Genealogie und es bedurfte nicht viel Zeit, um mich darin zu verlieren. Seit jenen Tagen sammele, verwalte, mehre und bewahre ich das Familienwissen und weit, weit darüber hinaus und in ausgewählten Momenten, wundere ich mich, wie viele Daten im Laufe der Jahre zusammen gekommen sind. Zu Beginn sicherte ich alles auf Diskette – auf eine einzelne wohlgemerkt. Mittlerweile handelt es sich um einen dreistelligen Gigabyte-Bereich und den einfachen Diskettentagen trauere ich wehmütig hinterdrein. Meine Familiendatenbank ist auf einen fünfstelligen Personenkreis angewachsen und addiere ich die allgemeine Datenbank hinzu, so komme ich auf einen sechsstelligen Bereich. Und dies ist lange nicht das Ende. Ganz zu schweigen von den unzähligen Kirchenbuch- und Standesamtsunterlagen usw.

Manche Informationen stammen von entfernt verwandten Forschern, die längst diese flüchtige Welt verlassen haben oder basieren auf Daten, die aus Kirchenbüchern stammen, die heute nicht mehr existieren. Oder anders formuliert, partielle Daten sind nicht mehr reproduzierbar, was ihnen einen besonderen Wert verleiht. Und so tritt temporär die Frage auf, wie bewahre ich meinen Datenschatz für die Zukunft? In meiner Familie bin ich die einzige Person, die sich derart intensiv mit der Familie beschäftigt und diese Thematik entsprechend wertschätzt. Wenn mich morgen beim Laufen im Wald ein Ast erschlägt, mich ein Auto überfährt oder das surreale Dasein höchstselbst mich sonst in irgendeiner Art und Weise aus dem Spiel des Lebens nimmt, so würde dies den Schlußpunkt meiner Forschung bedeuten und der Zugriff auf diese Informationen wären endgültig verloren, was durchaus betrüblich wäre.

Wohin also mit den Daten? Sie irgendwie öffentlich publizieren? Wo und wie? Wie den Zugriff gestalten? Sie an einen genealogischen Verein übergeben? Einen der bekanntesten Vereine und in meinem Fall ein wohl logischer Ansprechpartner scheidet allerdings aus; ich schrieb den Verein einst an und erhielt nie eine Antwort. So bleibt der Findungsprozeß einer nachhaltigen Lösung in dem Kontext des Bewahrens für die Zukunft also weiter offen und muß an dieser Stelle vertagt werden.

Zugunglück bei Belencin

Oktober 23, 2018

Ein Eisenbahnunglück ereignete sich heut vormittag gegen 8:30 Uhr auf der Strecke Lissa-Bentschen, kurz hinter Wollstein. Dort entgleiste auf Station Belencin der Güterzug 8271. Zwölf Wagen sprangen aus den Schienen und fielen auf eine Seite, wobei einzelne Wagen stark beschädigt wurden. Der Eisenbahnbremser König aus Lissa, Fraustädterstraße wohnhaft, geriet unter einen Wagen und wurde zerquetscht. Der Tod trat auf der Stelle ein. Die Leiche des Verunglückten, der erst seit zwei Jahren bei der Bahnbehörde angestellt ist und eine Frau mit zwei kleinen Kindern hinterläßt, ist bereits im Laufe des Vormittags nach Lissa geschafft worden.

Von Bentschen und Glogau waren sofort Hilfszüge an der Unglücksstelle eingetroffen. Der von Lissa um 9:12 Uhr früh abfahrende Personenzug mußte in Wollstein liegen bleiben und auf dem um 11 Uhr dort eintreffenden Schnellzug warten, mit dem zusammen er dann bis zur Unglücksstelle fuhr. Der Verkehr mußte darauf durch Umsteigen aufrecht erhalten werden. Es steht daher zu befürchten, daß die Reisenden den Anschluß nach Berlin nicht rechtzeitig erreicht haben. Weiter erfahren wir noch, daß die Entgleisung durch Vereisung der Gleisspuren am Wegeübergange kurz vor der Station Belencin hervorgerufen worden ist.

Zu dem Eisenbahnunglück bei Belencin erfahren wir noch folgendes: Der Güterzug Nr. 8271 verließ am Montag früh gegen 7:15 Uhr mit 68 Achsen die Station Bentschen auf der Fahrt nach Wollstein-Lissa. Nach der betriebstechnischen Vorschrift liefen hinter der Maschine die leeren Wagen, während die mit Gütern beladenen den Schluß des Zuges bildeten. Kurz vor der Station Belencin führt ein Fahrweg, die Straße nach Marianowo, über das Gleis. Dieser war stark benutzt und war infolge des vorangegangenen Schmutzwetters total vereist. Unmittelbar hinter diesem Wege zweigt das zweite Gleis ab, auf dem der Güterzug das Passieren des von Wollstein kommenden Personenzuges abzuwarten hatte. An der Weiche sprang nun die Lokomotive infolge Vereisung aus den Schienen und zog 11 von den folgenden Leerwagen nach sich; sie lief noch etwa 80 Meter weit, fiel dann an einer abschüssigen Stelle zur Seite und bohrte sich mit ihrem Vorderteil tief in den Erdboden.

Die nachfolgenden Wagen wurden durch die dahinter befindlichen beladenen Wagen, die auf dem Gleis geblieben waren, vollständig in einander geschoben, wobei der Bremser König seinen Tod fand. Dem Unglücklichen war die Kurbel der Bremse in die Brust gedrungen. Die Schienen des Nebengleises waren stellenweise mit samt den Schwellen aus der Erde gerissen worden. 1911. (Schreibweise original)

Feueralarm

Oktober 19, 2018

Rothenburg an der Obra. Feueralarm, bei welchem die neuen Feuermelder zum erstenmale in Anwendung kamen, durchhallte am Pfingstsonntage nachmittags 6 Uhr unsere Stadt. Bei dem Ackerbürger Robert Bederke war ein Stubenbrand ausgebrochen, der jedoch nach kurzer Zeit gelöscht wurde. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt.

Wollstein. Feueralarm ertönte Mittwoch vormittag gegen 11 Uhr in unserer Stadt. Auf dem Grundstück des Müllermeisters Hübner in der Unruhstraße, wo Dachdecker mit dem Teeren der Pappdächer beschäftigt waren, war der Teerkessel umgekippt und der ausgelaufene Teer in Brand geraten. Die Flammen wurden, ohne daß ein weiterer Schaden entstand, von den Hausbewohnern gelöscht; die Feuerwehr brauchte daher nicht in Aktion zu treten. 1911, (Schreibweise original)

Musterung im Kreis Bomst

Oktober 16, 2018

Das Musterungsgeschäft für den Kreis Bomst wird in diesem Jahre (1911) in den Tagen vom 06. bis 14. März abgehalten werden und zwar: Am

6. März vorm. 9 Uhr für die Mannschaften des Polizeidistrikts Altkloster ausschließlich Reklamanten im Klein´schen Gasthause in Altkloster.

7. März vorm. 9 Uhr für die Mannschaften des Polizeidistrikts Borui ausschließlich der Reklamanten im Rauch´schen Gasthause in Teichrode.

8. März vorm. 9:30 Uhr ab für die Mannschaften des Polizeidistrikts Unruhstadt ausschließlich Reklamanten im Grundmannschen Hotel in Unruhstadt.

9. März vorm. 9:30 Uhr für die Mannschaften der Städte Bomst, Kopnitz und Unruhstadt sowie Prüfung der Reklamationen dieser Städte und des Polizeidistrikts Unruhstadt im Grundmannschen Hotel in Unruhstadt.

10. März vorm. 9:30 Uhr für die Mannschaften des Polizeidistrikts Wollstein Nord ausschließlich der Reklamanten im Hoffmannschen Gasthause in Wollstein.

11. März vorm. 9 Uhr für die Mannschaften des Polizeidistrikts Wollstein Süd und der Stadt Rothenburg an der Obra ausschließlich Reklamanten im Hoffmannschen Gasthause in Wollstein.

13. März vorm. 9 Uhr für die Mannschaften der Stadt Wollstein und Prüfung der Reklamationen der Polizeidistrikte Altkloster, Borui, Wollstein Nord, Wollstein Süd und der Städte Rothenburg an der Obra und Wollstein im Hoffmannschen Gasthause in Wollstein.

14. März vorm. 9:30 Uhr für die Mannschaften des Polizeidistrikts und der Stadt Rakwitz sowie Prüfung der Reklamationen des Distrikts und der Stadt Rakwitz im Ernst Fuchsschen Lokal in Rakwitz.

Die Losung sämtlicher 20 jähriger der im Jahre 1891 geborenen Militärpflichtigen sowie die Nachgestellung findet am 14. März d. Js. in Rakwitz statt. Indem dies zur Kenntnis der militärpflichtigen Mannschaften gebracht wird, werden dieselben aufgefordert, an den betreffenden Tagen pünktlich vormittags 8 Uhr rein gewaschen und gekleidet, mit verschnittenen Haaren vor dem Geschäftslokale zu erscheinen.

Gegen diejenigen Militärpflichtigen, welche a) sich entweder garnicht oder nicht rechtzeitig in dem zu ihrer Musterung anberaumten Termine vor die Ersatzkommission gestellt, oder b) beim Aufrufen ihres Namens fehlen, wird auf Grund des Reichsmilitärgesetzes vom 2. Mai 1874 § 33 eine nach dem Grade ihres Verschuldens oder der bösen Absicht zu ermessende Strafe bis zu 30 M. oder verhältnismäßige Haftstrafe festgesetzt werden; außerdem können ihnen die Vorteile der Losung entzogen werden. (Schreibweise original)

Der Winter ist da

Oktober 14, 2018

Wollstein. Der Winter ist da! Wenn auch noch nicht kalendermäßig, so doch in seiner Eigenart, in seiner Schönheit, in der er sich heut morgen unseren Augen zeigte. In einer einzigen Nacht ist die Natur in eine herrliche Winterlandschaft verwandelt worden. Prächtig leuchtete heut früh der Schnee gleichmäßig auf dem feinen Geäder der Bäume, auf den Telephondrähten, auf den Zäunen und Häusern.

Im Laufe des Tages schneit es lustig weiter, doch wird der malerische Reiz, der uns gegenwärtig geboten wird, noch nicht von Dauer sein; der weiße Schleier wird zum Teil wieder verschwinden. Aber heute herrscht unter der Jugend froher Jubel und mit Rodelschlitten werden die Straßen belagert oder es wird dem nicht ganz einwandfreien Vergnügen des Schneeballens gefröhnt. Wie schön der Winter auch für einen Teil der Bevölkerung sein mag, ein anderer nimmt ihn seufzend hin. Manch armer Familienvater muß seine Arbeit niederlegen und seine Familie den härtesten Entbehrungen preisgeben.

Auch ein Teil der Tiere leidet bei dem schneereichen Winter und fällt dem Hungertode zum Opfer. Besonders gilt das für die Vögel. Deshalb ist es gut, im Winter der armen Menschen und der hungernden Tiere helfend zu gedenken. (Schreibweise original)

Vereinssitzung der Hebammen

Oktober 11, 2018

Der Hebammen-Verein für den Kreis Bomst hielt am 04. Oktober 1910 in der Meer´schen Konditorei eine Sitzung ab. Es wurde beschlossen, zu dem am 27. und 28. Oktober in Berlin stattfindenden allgemeinen deutschen Hebammentage eine Delegierte zu entsenden. Kreisarzt Dr. Weßling teilte darauf mit, daß im Kreis Bomst die Säuglingssterblichkeit die Mittelzahl des preußischen Staates übersteigt.

Infolgedessen wird voraussichtlich der deutsche Verein für Volkshygiene, im kommenden Winter von einem Fachmann in Wollstein einen belehrenden populären Vortrag halten lassen. Die Hebammen forderte Dr. Weßling auf, alle ihre Kräfte daran zu setzen, daß das Verständnis für den hohen Wert der natürlichen Ernährung des Säuglings immer mehr Platz gewinnt. Nachdem noch einige lehrreiche Fälle aus der Berufstätigkeit besprochen worden waren, schloß sich an die Sitzung ein kurzes Kaffeekränzchen. (Schreibweise original)

Attentat auf einen Eilzug

Oktober 8, 2018

Beuthen (Oberschlesien), 13. Oktober 1910. Ueber ein Attentat auf einen Eilzug geht uns soeben folgende amtliche Drahtmeldung zu: Gestern abend 8.57 Uhr erfolgte bei Kilometer 81,150 der Strecke Beuthen-Chorcowo unweit der Blockstelle Roßberg unter der Lokomotive des Eilzuges 32 rechtsseitig der äußeren Schienen mit heftigem Knall eine Explosion.

Die Fenster des Führerstandes der Lokomotive sowie des darauffolgenden Packwagens wurden auf der rechten Seite durch herumfliegenden Steinschlag der Gleisbettung gleichzeitig zerstört. Der Lokomotivführer wurde durch herumfliegende Glasscherben am Kopfe unerheblich verletzt. Sonstige Verletzungen an Reisenden oder Beschädigungen des Zuges sind nicht zu verzeichnen.

Da auch das Gleis betriebsfähig befunden wurde, konnte der Eilzug nach zwei Minuten seine Weiterfahrt fortsetzen. Nach Vernehmung des Blockwärters und des Lokomotivführers ergab die Untersuchung, daß ein Attentat mit einer Dynamitpatrone auf den Eilzug beabsichtigt war. (Schreibweise original)

Festivitäten

Oktober 6, 2018

Rothenburg an der Obra. Der hiesige Männer-Gesangsverein unternahm mit dem gemischten Chor am Sonntag einen Ausflug nach Wroniawy. Nach einer Besichtigung des dortigen Parkes, fand ein fröhliches Beisammensein der Mitglieder, sowie der zahlreich eingetroffenen Gäste, bei Spiel und Tanz im Günther´schen Lokale dortselbst statt.

Kirchplatz Borui. Die Schützengilde feierte gestern ihr Stiftungsfest verbunden mit Einweihung des neuen Schießstandes, zu der auch viele benachbarte Schützenvereine erschienen waren. Der Festzug und Festplatz machten einen recht imposanten Eindruck. Zahlreiche Zelte waren errichtet und allerhand Belustigungen für jung und alt vorhanden. Leider wirkte das gegen Abend eintretende Regenwetter recht störend auf den weiteren Verlauf des Festes.

1910. (Schreibweise original)

Fahrraddiebstahl in Karpitzko

September 28, 2018

Der Mai 1910 begab sich zur Rüste und ein Höhepunkt in jenen Tagen war freilich das Radfahrerfest in Karpitzko, welches in der Restauration von Familie Werner gefeiert wurde. Familie Werner ist in der dortigen Gegend seit langer, langer Zeit ansässig und ist mit der meinen Familie über eine Seitenlinie verbunden.

Das Fest versprach viel und hielt das seine, doch nicht alle Beteiligten beschlossen die Festivität mit einem glücklichen Lächeln, was insbesondere für Herrn Jauer aus Mauche galt – denn irgendein unbekannter Langfinger entwendete sein Fahrrad und der rechtmäßige Eigentümer begab sich auf die Suche und beschrieb es wie folgt:

“Es ist eine ziemlich neue Maschine, Edelweiß Nr. 33, Halbrenner mit Freilaufbremsnabe Pe, De, We. Das Fahrrad ist mir am 29. Mai bei dem Radfahrerfest im Wernerschen Lokal in Karpitzko gestohlen worden. 30 Mark Belohnung erhält derjenige, welcher mir den Dieb meines Rades so namhaft macht, daß er bestraft werden kann.”

Paul Jauer in Mauche.

Tod im Hotel

September 21, 2018

Im Dezember 1879 besuchte der Geschäftsreisende Samuel Traugott Mahn die Stadt Wollstein und fand eine standesgemäße Unterkunft im Hotel „Bock“ zu Wollstein. Wie lange der Kaufmann in Wollstein verbrachte, läßt sich nicht mehr ermitteln und auch der Erfolg seiner Geschäfte waren schon damals sekundärer Natur, denn seine Reise nahm in jener Stadt ihr unerwartetes Ende.

In der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag verstarb er in einem Alter von 62 Jahren in seinem Hotel – „man fand ihn Morgens 8 Uhr todt im Bette vor“. Damals wurde ermittelt, daß er aus Lissa stammte und mit Renata Justine Klamke verheiratet war und aus welcher Ehe „einige Kinder leben“. Als Vater wurde der Schmiedemeister „Samuel Mahn“ genannt, als Mutter eine Frau „Petersin“.

Die Eheschließung mit Renate Justine Klamke fand im Jahr 1843 in Lissa statt. Möglicherweise hieß seine Mutter Johanne Eleonore Peterscheck. Sechs Jahre nach dem überraschenden Beschluß seines Lebens trat sein Sohn, der Gymnasiallehrer Paul Arthur Robert Mahn in den Stand der Ehe. Zu diesem Zeitpunkt war seine Mutter noch am Leben.