Rondsen

Februar 21, 2020

Rondsen. Eine sehr kleine Örtlichkeit nahe Graudenz, in Westpreußen, die bereits 1232 erwähnt wurde. Ungefähr 200 Jahre später existierte dort ein bedeutender Wirtschaftshof, der nach der Schlacht bei Tannenberg im Jahr 1410 beträchtlichen Schaden erlitt. Ein besonderes Augenmerk galt auch den Bienen, denn für das Jahr 1434 wurden 36 Bienenstöcke und 32 „besondere“ Bienenbeuten registriert – indessen waren zu der Zeit 53 Stöcke unbenutzt.

Im Jahr 1665 wollte der damalige Pächter das von den Schweden verwüstete Vorwerk Rondsen wieder aufbauen und auch das Land neu „besäen“. Genau 100 Jahre danach lebten in Rondsen fünf Instleute. Im März 1739 erhielten Christian und Anna Blumberg die Rechte an Rondsen; 1778 wurde es öffentlich aufgeboten, im Anschluß erhielten es die bisherigen Besitzer zu „erblichem Besitze“, mit dem Rechte Bier- und Branntwein zu brauen. Als Konsequenz wurde ein gebührlicher Erbzins festgelegt, zudem sollten in den nächsten drei Jahren drei inländische Familien angesiedelt werden, die jeweils drei Morgen Acker erhielten.

Die oben genannten Rechte bilden mutmaßlich die Grundlage der Brauerei Rondsen, die weithin bekannt und geachtet war. Im 19. Jahrhundert erlebte die Brauerei ihre Blütezeit; heute existiert sie nicht mehr und nur vereinzelte Reste erinnern an die einstige Fokussierung auf den ehemals beliebten Gerstensaft. Wer über Hintergrundwissen im Kontext der Brauerei und ihre Mitarbeiter verfügt oder Bilder besitzt oder sonstige sachdienliche Hinweis geben kann – jede Erkenntnis ist hier gern gesehen.

„Das saubere Bräutchen“

Februar 15, 2020

Ein Berliner Ballokal, an den Litfaßsäulen stets mit fetter Schrift namentlich den Berlin besuchenden Fremden empfohlen, war jüngst in einer Nacht von Sonntag zum Montag der Schauplatz einer recht traurigen Komödie. Am genannten Abend kamen nämlich gegen 12 Uhr drei Herren in den Ballsaal, als gerade die Musik zu dem dort unvermeidlichen Cancan anstimmte und die Damen sich zum Tanzen aufstellten. Schon sollte die erste Tour beginnen und in dichten Reihen hatte sich die nichttanzende Herrenwelt um die Cancanistinnen gestellt, bereit offenherzige und ungenirte Bewegungen in jenem Local längst eine traurige Berühmtheit erlangt haben.

Auch jene drei Herren, welche so eben in den Saal getreten waren, musterten aufmerksam die Balldamen; plötzlich erbleichte aber der Eine und trat auf die am kurzröckigsten und sonst auch ziemlich auffallend costümirte Dame zu, die, Jenen bemerkend, gleichfalls die Farbe wechselte und sich die Hände vor die Augen haltend, mit Blitzesschnelle ihren Tänzer verließ und in den Nebensaal eilte. Hier holte sie der Unbekannte ein, ergriff ihre Hand und riß ihr gewaltsam einen Ring vom Finger, den er mit den Füßen zertrat. Die Dame rief zwar mit flehender Geberde: „Gustav, vergib mir nur noch diesmal!“

Aber Herrn Gustav schien hier eine traurige Entdeckung die Sprache geraubt zu haben. Er antwortete nicht und wurde von seinen beiden Begleitern in eine Droschke gebracht und nach Hause gefahren. Frau Nemesis ließ in jenem Local den nichtsahnenden Herrn seine Braut finden, welche seit etwa drei Monaten mit ihm verlobt war. Das saubere Bräutchen ist die Tochter anständiger Eltern in der Gollnowstraße. Unter dem Schleier der Nacht liefert die Kaiserstadt manches trübe Lebens- und Sittenbild, das häufig erscheint, als wäre es nach Pariser Muster zugeschnitten.

Aus dem Jahr 1873. (Schreibweise original).

Meldungen aus Ratzebuhr, Pommern. Akt II.

Februar 8, 2020

In Anlehnung des Artikels Meldungen aus Ratzebuhr folgt im Anschluß die Fortsetzung. Wie gehabt – handelt es sich um die originale Schreibweise.

Der Handelsmann Isidor Gumpert aus Ratzebuhr, der sich des Betruges schuldig machte, zog sich eine Gefängnißstrafe von vier Monaten zu. Aus dem Jahr 1898

Nach zweitägiger Verhandlung verurtheilte das Schwurgericht (Konitz (Westpreußen)) den früheren Kantor Isidor Littsack aus Ratzebuhr, zuletzt Masseur in Paderborn (Westfalen), wegen wissentlichen Meineides in zwei Fällen zu 2 Jahren 9 Monaten Zuchthaus. Beide Eide sind in der Strafsache gegen den Handelsmann Max Lippmann aus Czersk zu Gunsten des Letzteren geleistet. Aus dem Jahr 1900

Die Wähler der dritten Abtheilung wählten zu Stadtverordneten wieder Rentier Zech, neu Postamtsvorsteher Nitschke. In der zweiten Abtheilung wurde Kaufmann Dornblüth und in der ersten Abtheilung Kaufmann Will wiedergewählt. Aus dem Jahr 1902

Damgarten. Pastor Treichel wird unsere Stadt, in der er mehr als 20 Jahre Seelsorger war, verlassen und die ihm vom Konsistorium übertragene Superintendentur in Ratzebuhr übernehmen. Aus dem Jahr 1903

Eine seltene Doppelfeier beging der Obermeister der Tischlerinnung, Tischlermeister Gustav Scheel. 80 Lebensjahre hatte er mit diesem Tage vollendet und 50 Jahre hatte er als Obermeister die Tischlerinnung geleitet. Die Hand-Werkerkammer für Pommern stellte ihm aus diesem Anlaß einen Ehrenmeisterbrief aus. Aus dem Jahr 1905

Eine Silberne Hochzeit in Essen

Februar 3, 2020

Das nachfolgende Photo entstand im Jahr 1926 in Essen, mutmaßlich in der Stoppenberger Straße. Jene Gäste versammelten sich einst, um eine Silberne Hochzeit zu feiern. Leider sind einige Menschen auf diesem Bild unbekannt – vergessene Personen vergangener Leben.

Wer erkennt die bisher namenlosen Personen von der längst vergangenen Feierlichkeit, doch auf diesem Bild dokumentierten Zusammenkunft und kann sie identifizieren? Jedweder Hinweis in diesem Kontext ist willkommen.

In Gedenken an die Opfer der versenkten „Wilhelm Gustloff“

Januar 30, 2020

Der 30.01. – heute vor 75 Jahren wurde die „Wilhelm Gustloff“ mit über 10.000 Menschen an Bord versenkt. Eine Verwandte von mir war als Marinehelferin an Bord des Schiffes tätig. In jener Nacht offenbarte das Thermometer -20 °C; es ist also nachvollziehbar, daß sie sich mit aller Macht weigerte, in die eiskalten Fluten zu springen. Alle Weigerung nützte indessen nichts, ein Soldat stieß sie in das Wasser. Was meine Verwandte dann erleben mußte, werde ich an dieser Stelle nicht nachzeichnen. Nur dies sei angemerkt – Moral, Zivilisation, Ethik, Bildung, Empathie, Mitleid und alle weiteren Konstrukte, die wir so gerne erhaben an den Tag legen, fielen wie eine Maske ab und die wahre Natur des Menschen, die echte Menschlichkeit kam vollends zum Tragen.

Die Minuten in der kalten See kamen ihr wie Stunden vor, doch sie wurde gerettet und überlebte. Sie bekam nicht mal eine Erkältung, doch schlußendlich zahlte sie den Preis für das Eisbad, wenn auch viel später. Abertausende Menschen fanden sofort den Tod, angeblich über 8000 Zivilisten, darunter viele Kinder. Der verantwortliche U-Boot Kommandant wurde 1990 (!!!) posthum als „Held der Sowjetunion“ ausgezeichnet – in der Tat, ein wahrer Held. Die „Steuben“ und die „Goya“ sollten bald folgen und das gleiche Schicksal teilen.

Hiermit sei all jener gedacht, die damals ihr Seegrab fanden; an all die zahlreichen Menschen, deren Leben jählings ausgelöscht wurden. Einfach so. Der Hoffnung entgegen – der Tod gewiß.

In Gedenken

Januar 26, 2020

Zu Beginn meiner Forschung besaß das Internet nicht den genealogischen Charakter wie es heute der Fall ist und der Besuch einer Filiale der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ – auch bekannt unter „Mormonen“ gehörte zum absoluten Pflichtprogramm. So nahm ich einst als Anfänger Kontakt mit dieser Institution auf, lernte den hiesigen Leiter kennen, der sich als langjähriger Bekannter meiner Familie enttarnte und entsprechend wurde mir eine Art Sonderstatus verliehen. In der Regel wurde ich zweimal in der Woche von ihm persönlich eingeladen; ich erhielt die Schlüssel für alle Räumlichkeiten – alle Zugangsdaten für die Rechner und vieles mehr. Was war das für ein Moment, als ich das erste Mal den Mikrofilm einlegte und Einblick in die alten Kirchenbücher nehmen durfte – ich werde das nie vergessen.

Für einige Jahre gehörte der Besuch bei den „Mormonen“ zu meinem Wochenprogramm – es war stets ein besonderes, familiäres Gefühl, diesen Ort aufzusuchen und in die flüchtige Vergangenheit einzutauchen. Eines Tages erfuhr ich gar eine Anekdote aus dem Leben meines Großvaters, welche mir unbekannt war – der Forschungsstellenleiter kannte auch ihn. So wurden die ersten Forschungsjahre durch diese Besuche sehr geprägt und da bekanntlich alles seine Zeit hat, endete irgendwann meine dortige Forschung – was mich immer sehr betrübte. Nun habe ich erfahren, daß jener Mensch das Spiel des Lebens abgeschlossen hat – sein temporäres Leben wurde für immerdar beendet.

Diese Zeit wird für immer einen nachhaltigen Platz in meiner Erinnerung einnehmen. Es war mir eine wahre Ehre, dich kennengelernt zu haben. Vielen Dank für all das Wissen, welches ich erwerben durfte.

Versenkt

Januar 24, 2020

Die Nachricht von einem schrecklichen Schiffsunglück im britischen Canal ist soeben in London eingetroffen. Das Auswandererschiff „Northfleet“, welches vor einigen Tagen von hier nach Australien mit 412 Passagieren an Bord, außer der Bemannung, abgesegelt war, hatte um Mitternacht eine Collision mit einem unbekannten fremden Dampfer, etwa zwei Seemeilen von Dungeneß, und wurde bis auf die Wasserlinie zerstört. Man weiß nur von 8 Personen, die gerettet wurden, und glaubt, daß alle Uebrigen, die an Bord waren, ihr Grab in den Wellen gesunden haben. Der Dampfer nahm nach dem Vorfalle gar keine Notiz von dem Auswandererschiff und setzte, die Schiffbrüchigen ihrem Schicksal überlassend, seine Reise fort.

Eine schreckliche Panik brach an Bord der „Northfleet“ nach dem Zusammenstoße dieses unglücklichen Schiffes mit einem unbekannten Dampfer aus. Die Passagiere, aus dem Schlaf gestört, stürzten von ihren Kojen nach allen Theilen des Schiffes, wo sie sich sicher glaubten, und verweigerten dem Capitan rundweg allen Gehorsam. Der Capiiän sah sich, als letzte Hülfsmittel zur Erzwingung des Gehorsams gegen seine Befehle, gezwungen, auf die vom Entsetzen gelähmte Menge zu feuern und einer aus derselben ward verwundet. Man glaubt, hätten die Passagiere den Befehlen des Capitäns gehorcht, mehr der Passagiere hätten gerettet werden können.

Weitere Einzelheiten ueber den schrecklichen Zusammenstoß auf der Höhe des Feuers von Dungeneß sind zu Händen gekommen. Der „Northfleet“ lag zur Zeit des Unfalls vor Anker. Seine Ladung bestand aus Eisenbahnschienen. Dreihundert und zwanzig Menschenleben sind zu beklagen, darunter der Capitän des unglücklichen Schiffes. Den Namen des Dampfers, welcher das Unglück anrichtete, hat man noch nicht erfahren können, doch vermuthet man, daß es ein spanischer Dampfer, von Antwerpen kommend, gewesen sei.

Die hiesige Handelskammer hat eine Belohnung von 100 Pfund auf die Entdeckung desselben ausgesetzt. Der Dampfer, welcher das Emigrantenschiff „Northfleet“ in den Grund bohrte, wird für ein portugiesisches Fahrzeug gehalten. Der Name wird nicht eher bekannt werden, bis der Dampfer im Hafen angekommen ist. Zwölf weitere Personen von dem Auswandererschiff sind gerettet worden. Dies macht 97 Menschen, die als gerettet bekannt sind. Die Lloyds haben an ihre Agenten in allen südlichen Stationen telegraphirt, womöglich den Dampfer anzuhalten, der die „Northfleet“ in den Grund gebohrt hat.

Die Regierung hat eine vorläufige Untersuchung ueber die Zerstörung der „Northfleet“ angeordnet. Das Untersuchungs-Comite wird morgen seine Sitzungen in Dover beginnen.

Januar 1873. (Schreibweise original).

Ergänzung. Mehrere Personen, die sich als Passagiere an Bord des Dampfers „Murillo“ befanden, haben vor dem hiesigen britischen Consul beschworene Aussagen über die zwischen diesem Fahrzeuge und dem Emigrantenschiff „Northfleet“ im englischen Canale stattgehabte Collision gemacht. Nach ihrer Darstellung erfolgte die Collision zur Nachtzeit mit einem sehr heftigen Stoße, der von Allen, die sich an Bord des „Murillo“ befanden, gefühlt wurde. Wenige Augenblicke darauf hörten die Passagiere die Rufe: „Hülfe! Hülfe! und erfuhren dann, man sei mit irgend einem Fahrzeuge zusammengestoßen, das auf dem Punkte stehe, unterzugehen. Der Dunkelheit und der zur Zeit herrschenden Nebels wegen konnte man von dem unglücklichen Schiffe, von dem die Hülferufe ausgingen, nur wenig unterscheiden.

Mehrere Passagiere des „Murillo“ baten sowohl den Capitän wie Leute von der Bemannung, die Boote auszusetzen und die Personen auf dem andern Schiffe zu retten, allein ihr Gesuch blieb unerhört und wurde abgewiesen. Weder der Capitän noch seine Offiziere legten das geringste Interesse für das Schicksal der Leute auf dem fremden Schiffe, das sie gefährdet hatten, an den Tag. Die Passagiere entsetzten sich über die Unempfindlichkeit und Unmenschlichkeit des Capitäns, welcher bei den verzweifelten Hülferufen, die von dem sinkenden Schiffe herbeitönten, völlig ungerührt blieb. Er ließ unbarmherzig die Maschine des „Murillo“, die einige Augenblicke angehalten worden war, wieder in Bewegung setzen und dampfte mit seinem Schiffe davon, die Leute auf dem untergehenden Fahrzeuge ihrem Schicksale überlassend. Etwa 300 Personen verloren bei dem Unglück das Leben, soviel bis jetzt bekannt ist.

Februar 1873. (Schreibweise original).

Ein tragisches Unglück in Milewo

Januar 18, 2020

Am 02. April des Jahres 1874 ereignete sich in Milewo, in der Nähe von Neuenburg, im Kreis Schwetz in Westpreußen ein tragisches Unglück. Der Tag war bereits fortgeschritten, endlich war Mittag und die Arbeiter der Brennerei sahen ihrer wohlverdienten Pause entgegen. Nachdem ihre Frauen das Essen überreicht hatten, nahmen die Arbeiter um den Dampfkessel herum Platz und verzehrten selbiges. Nicht weit von ihnen standen die Damen und unterhielten sich.

In diesem Moment – ungefähr gegen 13 Uhr – trat das vorher Undenkbare ein – das Spiel des Lebens ließ mit einem furchtbaren Knall den Dampfkessel explodieren; ein durchdringendes Geschrei war weithin zu vernehmen. „Der Dampfkessel war zerplatzt, 5 Menschen blieben sofort todt, zum Theil vollständig zerrissen“.

Weitere sieben Menschen trugen lebensgefährliche Verletzungen davon. Die Ursache für jenes Unglück blieb ungeklärt. So wirkte das unwägbare Leben einmal mehr auf die Menschen ein – mit seiner vollendeten tödlichen Macht und wehte das endgültige Trauertuch über viele Familien hernieder.

Der Bergarbeiterstreik von 1889

Januar 12, 2020

Ueber die Entstehung des großen Bergarbeiter-Streiks im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier, an welchem an 100,000 Bergleute theilnahmen, heißt es: Die Bewegung ist aus sich selbst heraus als eine wirtschaftliche Frage entstanden. Seit Jahren kämpfen im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier die Bergleute öffentlich für die Verbesserung der Knappschaftskasse, die leider vielfach als ein Muster-Institut hingestellt wird. Hier ist der Zündstoff zu suchen, der seit Jahren sich angehäuft hat. Im März und April des Jahres fanden Delegirten-Berathungen vieler Knappen-Vereine in Essen statt, zur Berathung der Reform der Knappschaftskasse.

Im Laufe der Debatte kam auch die Lohnfrage zur Sprache, und man einigte sich dahin, die Frage in den einzelnen Vereinen zu discutiren. Man kam bei den weiteren Besprechungen überein, insbesondere eine Lohnerhöhung von 15 Proc. und die 8stündige Schicht (einschließlich Ein- und Ausfahrt) zu fordern. Diese Forderungen sollten auf einem für den 2. Juni d. J. in Dorstfeld angesetzten Delegirtentage berathen und dann ordnungsmäßig bei den Zechenverwaltungen vorgebracht werden. Hier und da war in einzelnen Versammlungen und Vereinen von Streikern die Rede, indeß die Mehrheit entschied sich überall sofort dagegen, und die katholische Presse insbesondere warnte entschieden vor solchem Beginnen. So standen die Actien noch Freitag vor acht Tagen und keiner der Führer der Bewegung hat das Kommende geahnt.

Plötzlich forderten am Samstag vor acht Tagen auf Zeche Hibernia etwa 60 Schlepper und Pferdetreiber Lohnerhöhung. Die Zechenverwaltung gab den Leuten die Abkehr. Diese fingen an zu scandaliren und stießen mit der requirirten Polizei zusammen. Dieses Vorgehen der Polizei machte die Streikenden aufgeregt, sie zogen nach Zeche Pluto, veranlaßten dort eine Anzahl Schlepper und Pferdetreiber zu gleichem Vorgehen und zogen dann in die Stadt Gelsenkirchen, wo vornehmlich durch einen Revolverschuß ans einem Geschäftshause die Scandalscenen sich entwickelten. Es wurde Militär requirirt, der Stein war in’s Rollen gebracht, und sofort streikten die ganzen Belegschaften von Hibernia, Pluto und den angrenzenden Zechen.

Nunmehr trat die Frage an die Bergleute: sollen wir die Kameraden bei Geilenkirchen im Stich lassen, oder im kameradschaftlichen Interesse sofort gemeinschaftlich vorgehen? Diese Frage führte dazu, daß eine Belegschaft nach der andern niederlegte, daß also etwas ausgeführt wurde, was nicht geplant war. Die Bergleute haben sich dadurch formell durch einen Contractbruch ins Unrecht gesetzt. So ist der wahrheitsgetreue, chronologische, ursächliche Zusammenhang des Streikes, der tausende und aber tausende Familien in Noth zu stürzen droht und unsägliches Leid über unser Vaterland gebracht hat und weiter bringen wird.

Mai 1889. (Schreibweise original).

Die Wollsteiner Schülerruderriege

Januar 4, 2020

Zu Beginn des Sommerhalbjahres 1914 bildete sich in Wollstein eine „Schülerruderriege“, bestehend aus fünf Schülern der Untersekunda und jeweils ein Schüler aus der Ober- und Untertertia. Das Rudern mit dem Vierer-Boot und dem Doppelkuller erwiesen sich als treffliches Mittel, um die jugendlichen Kräfte zu entfalten, wie damals konstatiert wurde. “Eine Steigerung der Handfertigkeit, wie sie sich praktischer nirgends zeigen konnte, bewirkte die Arbeit an den Booten, das Ausbessern, das Haus mit dem kleinen Garten“.

Wollsteiner See

Die Leitung über die Ruder-Einheiten übernahm Gesangslehrer König, welche zweimal pro Woche stattfanden. Indessen zeichnete Oberlehrer Dr. Fischer für die Kasse verantwortlich und zusätzlich übernahm er auch die Besorgung des Inventars. Die Schüler kleideten sich für wenig Geld selbst ein – Hose, Hemd und Mütze waren Teil dieser Ausrüstung. Auch wurde für kleinere Ausgaben ein geringer monatlicher Beitrag erhoben. “Vom Herrn Minister der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten waren 100 Mark für Ausbesserungen gütigst zur Verfügung gestellt“. Die Bootsflagge war schwarzweiß, mit einem W in der linken Ecke. Zu dieser Zeit gab es 14 Freischwimmer.

Die Errichtung eines Bootshauses in Wollstein

Dezember 29, 2019

Im Sommer des Jahres 1913 wurde der Realschule in Wollstein, korrekt: „Königliche Realschule und Progymnasium zu Wollstein“ – von der Gräflichen Güterverwaltung und der Stadtgemeinde ein freier Platz am Ausgang der Posener Straße „pachtweise“ überlassen. An jener Örtlichkeit gab es einen direkten Zugang zum Wollsteiner See, der hier angrenzte. Das Ziel kanalisierte sich in der Tatsache, ein Bootshaus zu errichten. Regierungsbaumeister Schumann entwarf das Gebäude und die Realisierung desselben übernahm die Firma „Doil & Lütticke“.

Wollsteiner See

Zur Seeseite gab es breite Flügeltüren – von dort aus wurden die Boote einen acht Meter langen Laufsteg auf ein davor quer liegendes Schwimmfloß getragen. Um den Eindruck des Gebäudes zu erhöhen, gab es einen drei Meter hohen Signal- und Flaggenmast. Die Längsseite des Bootshauses war der Straße zugewandt, die weiß gestrichenen Fenster und ein ebenfalls weiß gehaltenes Spalier hoben sich von den dunklen, mit Karbolineum gestrichenen Brettern wirkungsvoll ab. Im hinteren Teil der Längswand schloß sich ein Anbau an, der die Umkleideräume enthielt.

Wollsteiner See

Im Jahr 1913 standen zwei Boote zur Verfügung, die von der Breslauer Firma Arthur Fiebach & Co. für 1100 Mark geliefert wurden. Bei dem ersten Boot handelte es sich um einen Schüler-Vierer, gefertigt aus Zedernholz von zehn Metern Länge, mit Kupfer genietet und vier Auslegern. Das zweite Boot war ein Doppelzweier von acht Metern Länge. Weitere technische Details erspare ich mir an dieser Stelle. Die Fortsetzung wird die Nutzung der Boote thematisieren.

Neustart der Mailingliste: Ahnenforschung in und um Wollstein

Dezember 19, 2019

Die 2016 gegründete und sehr erfolgreiche Mailingliste: „Ahnenforschung in und um Wollstein“ mit ihren kompetenten Mitgliedern sieht sich zu einem Neustart gezwungen. Aufgrund einer Umstellung bei dem alten Anbieter ist die Funktionsweise nicht mehr gegeben. Der neue Standort ist hier zu finden:

https://groups.io/g/Wollstein

Das Abonnieren der Liste erfolgt über diese eMail-Adresse:

Wollstein+subscribe@groups.io

Hier erhält man eine Bestätigungsmail, die man zurücksendet (auf Antworten gehen). Oder noch einfacher über diese Seite:

https://groups.io/g/Wollstein/join

Die Wollstein-Mailingliste bietet allen Interessierten die Möglichkeit für einen Austausch im Kontext der Ahnenforschung in dem Kreis Bomst in der Provinz Posen mit der Konzentration auf: Wollstein, Rothenburg an der Obra, Rakwitz und Borui mit den entsprechenden umliegenden Orten wie Hauländereien (beispielsweise Dombrofker Hauland, Tloker Hauland, Karpitzko, Jablone, usw. – und darüber hinaus) in der Zeit von 15xx bis 1945. Die Mitgliedschaft ist kostenlos.

Turnunterricht in Wollstein

Dezember 16, 2019

Königliche Realschule und Progymnasium zu Wollstein. Bei 6 Klassen waren 4 Abteilungen vorhanden – 3 Stunden waren in jeder Abteilung für den Turnunterricht angesetzt. Bei günstiger Witterung wurde auf dem Schulhof, sonst in der auf dem Schulgrundstück gelegenen Turnhalle geturnt. Außer dem zweimaligen wöchentlichen Pausenturnen wurden Freiübungen, Dauerlauf, Marsch- und Ordnungsübungen vorgenommen. Im Winter wurde das Turnen bisweilen durch Eislauf ersetzt.

Ein freiwilliger Spielnachmittag war nicht eingerichtet. Wohl aber hatten sich 24 Schüler der mittleren und unteren Klassen der ganzen Anstalt zu einem Schlagballverein zusammengefunden und spielten Montags und Sonnabends auf dem Viehmarkt. Dagegen beteiligten sich nur wenige an der Jugendpflege und keine am Wandervogel. Ein Schauturnen fand am 15. Juni (1913) statt.

Größere Märsche, außer denen am Schulspaziergang, unternahmen die Turnlehrer nicht. Wohl wurde aber selbst im Winter, oft statt des Unterrichts in der Turnhalle, eine Stunde oder länger in den Wäldern der Umgegend marschiert. Von 23 Schülern, die ihre Fähigkeiten im Freischwimmen vor den Turnlehrern Dr. Fischer und Blümel darlegten, waren 8 im letzten Jahre Freischwimmer geworden.

Aus dem Jahr 1913. (Schreibweise original).
Fortsetzung: Errichtung eines Bootshauses in Wollstein

Gefährliche Kinder?

Dezember 12, 2019

Der Erlaß vom 12. Februar 1906 betreffend das Verhalten der Kinder den Kraftwagen gegenüber wird in Erinnerung gebracht. Besonders wird gewarnt vor Werfen mit Sand, Steinen und anderen Gegenständen, wodurch nicht nur der Lenker und die Insassen, sondern auch andere Personen in der Nähe gefährdet werden, wenn der Lenker die Herrschaft über das Fahrzeug durch Verletzung an Händen und Augen verliert.

Aus dem Jahr 1913. (Schreibweise original)

Das Grenadier-Regiment 690

Dezember 6, 2019

Im September 1944 wurde in Groß Born in Hinterpommern das Grenadier-Regiment 690 neu aufgestellt; es war Teil der im Lager Westfalenhof ebenfalls neu aufgestellten 337. Volksgrenadierdivision. Die Regimentsgeschichte ist bekannt, Kartenmaterial vorhanden. Detaillierte Auskünfte sind jederzeit möglich.

Gesucht werden insbesondere Photos, weitere Details, Anekdoten, Geschichten und mehr über dieses Regiment. Besonders auch ein Kontakt mit Nachfahren von Angehörigen dieser Einheit.

Antworten entweder hier per Kommentar oder direkt an meine eMail-Adresse.

Von einem Schulausflug. Akt III.

November 29, 2019

Am 16. Juni (1914) fand der Schulausflug statt. Untersekunda und Obertertia fuhren über Kolzig-Schlawa nach Glogau, wo zuerst ein Rundgang durch die Altstadt angetreten wurde. Im Rathause erregte neben anderem besonderes Interesse, das große Knötelsche Gemälde: Übergabe von Glogau an die Verbündeten im Jahre 1814. Nachdem man in der schönen schattigen „Plantage“, einem städtischen Wirtshaus mit Garten, das Mittagsmahl eingenommen hatte, wurde ein Abstecher nach der 3 Kilometer entfernten Gurkauer Höhe gemacht. Der Rückweg führte durch die reizvollen, südlich der Stadt auf dem ehemaligen Festungsgelände geschaffenen Anlagen. In einer Konditorei auf dem Markte wurde Kaffee getrunken, dann noch ein Blick auf die Oder und die Hafenanlagen geworfen, und dann die Rückfahrt angetreten.

Untertertia, Quarta und Quinta fuhren 7,30 Uhr nach Deutsch-Wartenberg. Von hier wanderten sie zu Fuß etwa eine Stunde nach dem Dorfe Bobernig. In dem Gasthofe zur Bergmühle fanden sie gute Unterkunft. Dieses ist auf luftiger Höhe gelegen, mit prächtiger Fernsicht bis nach Neusalz. Nach mancherlei Spielen begab man sich nach dem über dem Odertal gelegenen Schloßberge. Um 9 Uhr langten dann von Deutsch-Wartenberg aus alle Teilnehmer des Ausflugs in der Heimat an.

Das Ziel der Serta war Rakwitz. Auf der Hinfahrt wurde die Bahn bis Rothenburg benutzt, und von dort nach Rakwitz durch den Wald marschiert. Daran schloß sich die Besichtigung des Marktes und der beiden Kirchen. Im Fuchs´schen Garten füllten turnerische Übungen, Spiele und eine kleine Verlosung des Tag trefflich aus.

Aus dem Jahr 1914. (Schreibweise original).

200 Jahre Bestehen von Stodolsko/Friedheim bei Wollstein

November 20, 2019

Das kleine Dorf Friedheim im Kreise Wollstein kann auf sein 200jähriges Bestehen zurückblicken. Unweit des Fleckens Rothenburg an der Obra liegt es etwas abseits von der Durchgangsstraße Wollstein-Posen. Ein echtes, altes deutsches Bauerndorf, die Höfe weiträumig mit ihren schönen Bauerngärten, dazu die Lauben mit den Blumenbeeten und den Fliederbüschen. Etwas traumverloren auf den ersten Blick und doch überall voll von pulsierendem Leben. Die Bauern, die dort leben, sind wettergebräunt, die Hände voll Schwielen, ein Beweis für die Mühe und Arbeit, die es kostet, dem etwas kargen Boden abzutrotzen, was zum Leben notwendig ist. Und doch sind sie zufrieden und glücklich darüber, daß ihre Wiege gerade hier gestanden hat, und um keinen Preis würden sie von ihrer Scholle weichen. Echtes deutsches Bauerntum, sturmfest und erdverwachsen.

Das haben sie fürwahr in den nunmehr vergangenen 200 Jahren unter Beweis gestellt. Mit berechtigtem Stolz erzählt uns der Ortsvorsteher Siegismund von dem ersten Hof, den der Bauer Johann Schulz, urkundlich nachgewiesen, am 20. Februar 1742 im jetzigen Friedheim gegründet hat. Aber Johann Schulz kam nicht allein. Gleichzeitig bzw. durch eine Vermittlung beteiligten sich „urkundlich unter Unserer hiesigen Südpreußischen Regierung gewöniglichen Unterschrift und größerem Zusigel“ an der Landnahme die Wirte Christoph Clement, Andreas Igel, Christian Zerbe, Samuel Großmann, Gottfried Margwart, Christoph Lindner, Gottfried Zerbe, Gottlieb Schulze, Gottfried Jaensch, Christoph Nieschalke, Johann George Jaensch, Samuel Seyfert und Gottfried Schulze. Von diesen sitzen noch die Familien Zerbe, Lindner, Jaensch und Igel sippenmäßig auf dem Hof.

Die Stürme der Zeit sind an dem kleinen Dörfchen nicht spurlos vorübergegangen, doch hat es sein deutsches Gesicht bis auf den heutigen Tage gewahrt. Bis zum Beginn des Weltkrieges 1914/18 gingen 140 Morgen Ackernahrung verloren. Der Weltkrieg forderte von der an sich kleinen Gemeinde ein merkliches Opfer. Es fielen damals auf dem Felde der Ehre Adolf Clement, Paul Jaensch, Heinrich Müller, Otto Lindner und Wilhelm Zerbe. „Blut muß versinken, damit uns Erde zur Heimat werde“! Mit diesen Worten werden heute gelegentlich der Dorfgründungsfeier fünf Eichen gepflanzt werden, zum ewigen Andenken.

Aus dem Jahr 1943. (Text zum Großteil original).

Wenn ein Scherz Wirklichkeit wird

November 16, 2019

Ein Zweig meiner Familie stammt aus der Provinz Posen, aus Dombrofker Hauland im Kreis Bomst. Ich durfte noch eine Großtante kennenlernen, die dort geboren wurde. Sie erzählte gerne Geschichten und Erlebnisse aus der alten Heimat – leider war ich damals ein unwissendes Kind, um den wahren Wert der Erzählungen zu erkennen. Was für ein Wissen besaß diese Frau! Ihr Mann neckte sie oft, in dem er den Kreis Bomst abänderte und so dozierte er immer über: „Dombrofker Hauland, Bumms!“ und amüsierte sich köstlich ob seines Scherzes – meine Großtante tat immer „empört“. Ich selbst verstand das zu der Zeit nicht wirklich.

Diese Anekdoten aus der Vergangenheit sind mir immer noch sehr präsent und ich muß an dieser Stelle konstatieren, daß ich nie im Traum daran gedacht hätte, diesen Scherz irgendwann als Realität zu erleben – zudem in einem amtlichen Dokument. Standesamtsunterlagen – DIE Heimstatt von Fehlern, Irrtümern und inkorrekten Angaben. Falsche und seltsame Ortsangaben bin ich seit langem gewöhnt, doch nun las ich tatsächlich Kreis „Bumms“ in einem Standesamtseintrag. Dies ist wahrlich bemerkenswert und mein Onkel hat schlußendlich Recht behalten! Was meine Tante dazu bemerken würde?

Von einem Schulausflug. Akt II.

November 13, 2019

Den Schulausflug unternahmen am 4. Juni (1913) diesmal die Klassen gesondert (Königliche Realschule und Progymnasium zu Wollstein) und zwar U II und O III nach Beuthen an der Oder, U III und IV nach Luschwitz, V und VI nach Kolzig und dem Schlawaer See. Um 10 Uhr langten die oberen Klassen am Ziel des Ausflugs an. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Krone und einem Rundgang durch das altertümliche Städtchen marschierte die muntere Schar nach Passieren der neuen Oderbrücke nach Karolath, aß im Jägerhof zu Mittag, besichtigte den fürstlichen Schloßpark und erreichte unter fröhlichem Gesang den Neusalzer Oderwald, um von dort aus die Rückfahrt anzutreten.

Oderbrücke in Beuthen an der Oder

Nach Luschwitz zur Besichtigung des herzoglichen Parkes fuhren Untertertia und Quarta. Von dort marschierten die Schüler nach Neu-Anhalt, wo sie sich bis 4 Uhr mannigfachen Spielen hingaben. Beide untere Klassen benutzten die Eisenbahn bis Kolzig und wanderten dann nach Aufzug zum Schlawaer See.

Aus dem Jahr 1913. (Schreibweise original).
Akt III folgt.

Von einem Schulausflug

November 6, 2019

Am 20. Juni unternahm die gesamte Anstalt (Königliche Realschule und Progymnasium zu Wollstein) einen Ausflug nach Tschichertzig. Um 5 Uhr morgens wurde der nach Züllichau abfahrende Zug bestiegen. Unter klingendem Spiel und wehender Fahne ging es durch die eben erwachende Stadt und von dort nach dem Ziel des Ausflugs. Bald nahmen die kühlen Räume des Hotels „Zum grünen Baum“ die ermattete Schar auf, die sich dort an Getränken und mitgenommenen Mundvorräten erquickten. Darauf wurde von den Klassen VI bis IV ein Spaziergang nach den Oberweinbergen unternommen, während die übrigen Klassen mit dem Motorboote nach dem Grünberger Oderwald fuhren.

Um 1:30 Uhr trafen alle zu einem gemeinschaftlichen Mittagessen zusammen. Nach einer kurzen Ansprache des Direktors, die mit einem Kaiserhoch endete, wurde der Rückweg angetreten. Kurz vor Besteigen des Zuges wurden die Teilnehmer noch von einem Regenschauer getroffen, und froh und wohlbehalten, wenn auch durchnäßt, langten sie um 6 Uhr in der Heimat an.

Aus dem Jahr 1912. (Schreibweise original).