Feuer in Siedlec. Akt I.

März 1, 2021

Am Sonnabend brach in Siedlec Feuer aus. Infolge des heftigen Sturmes nahm das Feuer eine solche Ausdehnung an, daß in kaum einer Stunde die eine Hälfte des Dorfes ein Raub der Flammen ward. Von dem Marciniek´schen Grundstücke aus fegte der Sturm das Feuer dem nahen Walde zu, mithin war Gefahr vorhanden, daß auch dieser in Brand gerieth. Der Wind, der die Feuerfunken von einem Schindeldach auf das andere hinübertrug, und der große Wassermangel vergrößerten noch die Noth.

Beim Ausbruch des Feuers waren nur sehr wenige Leute zur Stelle, die meisten waren auf den Feldern beschäftigt. Die ganze Ernte, die erst frisch eingefahren war, verbrannte, ebenso viele Ziegen, Schweine, Kälber. Der Schaden konnte bis jetzt noch nicht genau festgestellt werden. Im Ganzen sind 22 Wirthschaften verbrannt.

Wollstein im August 1901. (Schreibweise original)
Fortsetzung folgt.

Herzlichen Dank an Gudrun Tabbert, Tomischler Hauland
für die Übersendung dieser Meldung.

Eine Zeugin der Geschichte

Februar 24, 2021

Im Jahr 1852 wurde in der Provinz Posen Augustine Wilhelmine geboren – sie entstammt einem Seitenzweig meiner Familie und erst vor kurzem fand ich ihren Todeseintrag, welcher auf dem Jahr basierend, doch ein wenig ungewöhnlich ist und mittelbar auf ein spannendes Leben verweist. Spannend im Kontext einer exponierten Zeugin; einen Platz, den Augustine in ihrem Leben einnehmen durfte, mußte. Eine Zeugin der Zukunft, der Geschichte.

Mit 18 Jahren beobachtete sie den Deutsch-Französischen Krieg; hernach erlebte sie die Reichsgründung. Sie war 26 Jahre, als sie in den Stand der Ehe trat. Zehn Jahre später vollzog sich das Dreikaiserjahr; sie war bereits 62 Jahre als der Erste Weltkrieg ausbrach, 87 Jahre als die Fortsetzung folgte. Auch jenes Ende erlebte sie – vermutlich zu diesem Zeitpunkt in Berlin ansässig oder doch erst durch die Flucht dorthin vertrieben? Sodann nahm sie Kenntnis von der Gründung der BRD und DDR. Erst 1952 beschloß sie ihr Leben für immerdar – nur wenige Wochen vor ihrem 100. Geburtstag.

In meiner kurzen Aufzählung beschränke ich mich auf die bemerkenswertesten, tragischsten Daten. Was mag sie wohl alles gesehen, erlebt haben? All das und noch viel mehr. Sie war Zeugin der Geschichte, Betrachterin einer interessanten, wechselvollen Zeit. Und in welche Zeit wurde sie hinein geboren und wie viel anders waren die Tage, als sie ihr temporäres Gastspiel hier beendete. Möge sie ungeachtet all der Härten, geboren in dem menschlichen Wahnsinn, ein mehrheitlich gutes Leben gehabt haben – ich wünsche es ihr von Herzen.

Der älteste Lehrer von Deutschland

Februar 20, 2021

Deutschlands ältester Lehrer gestorben. Vor kurzem starb in seiner Wohnung zu Berlin, der Lehrer a. D. Emanuel Jungnik im 100. Lebensjahre. Er war am 12. September 1822 in Wollstein (Posen) geboren und hatte 62 Jahre seines Lebens in dem Städtchen Rakwitz in der Provinz Posen zugebracht, wo er während einer 50jährigen Lehrtätigkeit viele Generationen seiner Schüler heranwachsen sah. Der politische Umschwung und die dadurch herbeigeführten wirtschaftlichen Verhältnisse veranlaßten ihn, im Herbst des Jahres im Alter von 99 Jahren noch den Wanderstab zu ergreifen und sich mit seiner nun zurückgelassenen 80jährigen Lebensgefährtin in Berlin eine neue Heimat zu suchen.

Bis in seine letzten Lebenstage hinein war er noch von großer körperlicher Rüsitgkeit und seltener geistiger Frische.

Aus dem Mai 1922. (Schreibweise original)

Anmerkung. Der Lehrer Emanuel Gotthilf Jungnik (auch Jungnick) wurde nicht in Wollstein geboren, sondern im Kreis Grätz. Bei seiner oben erwähnten 80jährigen Lebensgefährtin = Ehefrau, handelte es sich um seine zweite Frau, welche ebenso in Berlin verstarb. Emanuel Jungnik war Inhaber (Adler) des Hohenzollernschen Hausordens.

Wenn ein Kartenspiel in die Festungshaft mündet

Februar 13, 2021

Aus Wollstein wird gemeldet, daß gestern im Bleicher Wäldchen ein Pistolen-Duell zwischen dem Premier-Lieutenant der Reserve Rademacher, welcher sich am Wollsteiner Landrathsamt als Kommissarius ausbildet, und dem Reserve-Lieutenant Rechtsanwalt Ziehe aus Wollstein stattgefunden hat. Ziehe wurde durch einen Schuß in den linken Lungenflügel tödtlich verletzt.

Die Ursache des Zweikampfes soll ein heftiger Wortwechsel beim Kartenspiel gewesen sein.

So geschah es im Oktober 1894.

Offenbar war der verkündete tödliche Ausgang jener Auseinandersetzung etwas voreilig, denn drei Monate später erfahren wir…

Zwischen dem Reserve-Lieutenant Rechtsanwalt Ziehe und Distriktskommissarius-Anwärter Rademacher hatte am 10. Oktober des vorigen Jahres im Bleicher Wäldchen bei Wollstein ein Pistolen-Duell stattgefunden, bei welchem Ziehe schwer verletzt wurde.

Das Militärgericht hat nun nunmehr Ziehe zu sechs, Rademacher zu vier Monaten Festungshaft verurtheilt.

(Schreibweise original)

Das Drama der Schiller. Teil VI. Verschiedenes.

Februar 9, 2021

Das Alles überschattende Ereigniß der letzten Tage bildet der Untergang des deutschen Dampfers „Schiller“, welcher in der Nacht des letzten Freitag auf der Reise von New York nach Hamburg an einem Felsenriff bei den Scilly Inseln scheiterte (am 07.05.1875).

Der „Schiller“ war als Brigg aufgetakelt, führte acht Rettungs-Boote und hatte sieben wasserdichte Abtheilungen, drei Decks, vier Maschinen zum Treiben des Schiffes, nebst dreizehn andern Dampfmaschinen, vier Kessel mit je sechs Essen. Die Schraube hatte neunzehn Fuß im Durchmesser. Der Dampf-Steuerapparat war in der Mitte des Schiffes und konnte von der Commandobrücke aus mit Dampf regulirt werden. Die erste Cajüte war auf dem Haupt-Deck; der große Salon war 40 Fuß lang und 40 Fuß breit und 14 Fuß hoch. Die Schlaf-Zimmer für die Cajüten-Passagiere lagen vorn und hinten an dem Salon. Die zweite Cajüte, ebenfalls auf dem Hauptdeck, war von ähnlichen Dimensionen. Das Zwischendeck, unter den beiden Kajüten, war acht Fuß hoch und hatte Seitenfenster und Abtheilungen für sechs bis zwanzig Personen, sowie große Speisezimmer.

Das Schiff war auf $700,000 geschätzt und in Hamburger und Londoner Compagnien vollständig versichert. Es fehlte dem Dampfer an keiner jener Einrichtungen, die die größt mögliche Sicherheit gegen Unfälle jeder Art bieten, und doch das entsetzliche Unglück! Der Dampfer hatte nach der offiziellen Liste der Agenten der Linie, der Herren Knauth, Rachod & Kühne, 252 Passagiere an Bord, eine Mannschaft von 117 Personen und 11 hier eingemusterte Ueberarbeiter, zusammen also 380 Personen, also wären 337 Personen umgekommen.

Herr Carl Schurz, der am 29. April nebst seiner Familie mit dem Dampfer „Pommerania“ nach Europa reiste, beabsichtigte ursprünglich mit dem „Schiller“ zu reisen. Durch die ihm gebrachten Ovationen sah er sich aber veranlaßt, den einen Tag später fahrenden Dampfer zu benützen.

(Schreibweise original)

Das Drama der Schiller
Teil I. Der Untergang.
Teil II. Weitere Details.
Teil III. Rettungsversuche.
Teil IV. Die Geretteten.
Teil V. Inquest über die Opfer.
Teil VI. Verschiedenes.


In Gedenken an die zahlreichen Opfer der Schiller

Das Drama der Schiller. Teil V. Inquest über die Opfer.

Februar 6, 2021

Das Alles überschattende Ereigniß der letzten Tage bildet der Untergang des deutschen Dampfers „Schiller“, welcher in der Nacht des letzten Freitag auf der Reise von New York nach Hamburg an einem Felsenriff bei den Scilly Inseln scheiterte (am 07.05.1875).

In St. Marys wurde heute ein Inquest über zwanzig Leichen vom Dampfer Schiller gehalten. H. Hiller, der erste Offizier, bezeugte, daß zur Zeit, wo das Schiff gegen den Felsen anlief, Capt. Thomas und ein anderer Offizier auf der Brücke waren. Zwei Mann waren vorne auf Wache und zwei andere waren auf der Brücke beim Capitän. Die Jury gab einen Wahrspruch ab, welcher auf zufälliges Ertrinken lautete, gepaart mit der Empfehlung, daß eine telegraphische Verbindung zwischen Bishops Leuchtthurm und dem Strande hergestellt werde. Wenn eine solche Communikation vorhanden gewesen wäre, heißt es im Verdikt, hätten Alle an Bord des Schiller gerettet werden können. Die Offiziere Hiller und Poleman stimmen dieser Ansicht bei.

Die Leiche der Frau Hermine West wurde nach dem Inquest privatim beerdigt. Die nicht reklamirten Leichen wurden ebenfalls beerdigt. Dem Begräbniß wohnten bei: Dorrier Smith, der Eigenthümer der Scilly Inseln, der Coroner, die Mitglieder der Jury und fast alle Bewohner der Insel. Die Leichen wurden erst nummerirt, dann fertigte man ein sorgfältiges Verzeichniß der bei ihnen vorgefundenen Werthsachen, Merkmale u. s. w. an und dann legte man jede Leiche in einen besonderen Sarg. Zwei Gräber von je 25 Fuß Länge wurden gegraben, in welche man die Särge in zwei Schichten legte. Seit dem Inquest sind bis jetzt fünfzig weitere Leichen gesunden worden, so daß die Zahl der jetzt geborgenen Leichen 91 beträgt.

Folgende Tote sind identifizirt worden.

Diese Personen können in der Wollstein-Mailingliste erfragt werden.

(Schreibweise original)
Fortsetzung folgt.

Das Drama der Schiller
Teil I. Der Untergang.
Teil II. Weitere Details.
Teil III. Rettungsversuche.
Teil IV. Die Geretteten.
Teil V. Inquest über die Opfer.
Teil VI. Verschiedenes.

Das Drama der Schiller. Teil IV. Die Geretteten.

Februar 3, 2021

Das Alles überschattende Ereigniß der letzten Tage bildet der Untergang des deutschen Dampfers „Schiller“, welcher in der Nacht des letzten Freitag auf der Reise von New York nach Hamburg an einem Felsenriff bei den Scilly Inseln scheiterte (am 07.05.1875).

Den spätesten vorliegenden Berichten zufolge wurden von den sämmtlichen an Bord des unglücklichen Schiffes befindlichen Personen blos 43 gerettet, worunter 28 von der Mannschaft, einschließlich des ersten, zweiten und vierten Offiziers, und die folgenden 15 Personen.

Die 15 Personen können in der Wollstein-Mailingliste erfragt werden.

Der letztere Namen war laut Angabe der Agenten nicht auf der Passagier-Liste. Die sämmtlichen Ueberlebenden wurden nach Penzance, an der Küste von Cornwallis, befördert, und reisten von da, mit Ausnahme einiger Erkrankten, nach Plymouth weiter. Der Dampfer Pommerania, von der Hamburg Linie, welcher am Sonntag in Plymouth ankam, reiste in der Nacht wieder ab, ohne die Geretteten mitzunehmen. Gegenwärtig sind noch viele Fahrzeuge mit der Aufsuchung der Leichen beschäftigt, von denen man schon eine große Anzahl gefunden hat. Wegen der hohen See kann man übrigens an das Wrack selbst nicht gelangen.

Viele Menschenleben gingen verloren, weil man die vom Schiller abgefeuerten Schüsse und Raketen für gewöhnliche Ankunfts-Signale hielt, was oft Ursache falscher Alarme gewesen ist. Die See ergoß sich über das Schiff, eine halbe Stunde nachdem es gegen den Felsen ausgelaufen war. Die Fluth stieg um 25 Fuß vor Tagesanbruch. Nur eine Frau wurde gerettet. Die Ueberlebenden, welche bei Tresco gelandet waren, retteten sich in den Booten des Schiller. Leichname werden beständig aufgefunden.

Unter den aufgefundenen sind die …

Diese Personen können in der Wollstein-Mailingliste erfragt werden.

Die Gesammtzahl der Verunglückten beläuft sich auf 311. Von der Ladung des Schiffes ist bis jetzt sehr wenig geborgen worden. Fischer berichten, daß der „Schiller“ fest auf dem Felsen sitzt und nicht in’s tiefe Wasser fallen wird. Im Sommer wird die Ladung zum Theil geborgen werden können. In jeder Koje des „Schiller“ war ein Schwimmgürtel, als das Unglück sich zutrug. Capt. Thomas gab Befehl, jeder Frau einen Schwimmgürtel umzumachen. aber die Wellen spülten die Frauen hinweg. Boote, die in der Nähe des Wracks kreuzen, fischen die Leichen der Ertrunkenen auf, von denen man bereits 50 geborgen hat. Dieselben sind arg verstümmelt.

(Schreibweise original)
Fortsetzung folgt.

Das Drama der Schiller
Teil I. Der Untergang.
Teil II. Weitere Details.
Teil III. Rettungsversuche.
Teil IV. Die Geretteten.
Teil V. Inquest über die Opfer.
Teil VI. Verschiedenes.

Das Drama der Schiller. Teil III. Rettungsversuche.

Januar 29, 2021

Das Alles überschattende Ereigniß der letzten Tage bildet der Untergang des deutschen Dampfers „Schiller“, welcher in der Nacht des letzten Freitag auf der Reise von New York nach Hamburg an einem Felsenriff bei den Scilly Inseln scheiterte (am 07.05.1875).

Ein Boot mit wenigen Matrosen an Bord verließ das Schiff, indem diese in feiger Weise sich weigerten, Beistand zu leisten. Zwei weitere Boote füllten sich mit Männern, welche sich weigerten, aus denselben heraus zu kommen. Der Capitän wollte, daß zuerst die Frauen und Kinder in die Boote sollten; er versuchte es, sich Gehorsam zu erzwingen, und feuerte einmal einen Revolver über die Köpfe der Männer ab, um sie aus den Booten hinaus zutreiben, und dann auf sie selbst, jedoch ohne Erfolg. Später drehte sich das Schiff mit der Breitseite nach der See und alle an Bord dieser Boote Befindlichen kamen um.

Die Takel am Stern waren zu früh gelöst worden, so daß die Boote am Bug aufgehängt blieben, diese Boote wurden endlich flott, doch war ein Rettungsboot so stark beschädigt, daß es sofort versank und elf von den an Bord befindlichen wurden durch die anderen Boote gerettet. Während zweier Stunden wurden sechs Nothschüsse abgefeuert, bis das Pulver naß wurde. Nothsignale, Raketen und blaue Lichter blieben ohne jede Antwort. Um Mitternacht zertheilte sich der Nebel für einen Augenblick und konnten die Lichter der Leuchtthürme ganz gut gesehen werden; die See ging hoch, die Wellen überschwemmten das Deck und rissen jedesmal Opfer mit sich in die Tiefe. Um zwei Uhr wurde das Deckhaus, in welches die Frauen und Kinder sich geflüchtet hatten, weggerissen; die Schreie und Hülferufe der Opfer waren herzzerreißend. Der Rauchfang fiel und zerschlug zwei Boote und zwei andere wurden weggerissen. Die Übriggebliebenen folgten dem Capitän nach der Brücke am Vorderdeck, von wo jede der auf einander folgenden Wogen neue Opfer wegriß. Einige Personen suchten Schutz auf dem Hauptmaste. Um drei Uhr stand der Capitän nebst zwei anderen Offizieren auf der Brücke.

Der Capitän stieg auf einen Augenblick herab, um Beistand zu leisten und wurde von einer Woge weggewaschen. Zu dieser Zeit hatten sich ungefähr zehn Personen an das Takelwerk des Hauptmastes und dreißig an jenes des Vordermastes angeklammert. Das Schiff hatte sich auf die Seite gelegt, die Raaen berührten das Wasser und die Fluth war noch immer im Steigen. Um fünf Uhr hatte sich der Nebel zerstreut, und riefen die Ueberlebenden um Hilfe, aber ohne Erfolg. Um 7 Uhr stürzte der eiserne Hauptmast und versank mit Allen, die auf ihm Zuflucht gesucht hatten. Eine Viertelstunde später fiel auch der Vordermast. Zwei Boote von St. Agnes kamen herbei, kurz bevor die Masten fielen, konnten sich jedoch wegen der Sandbänke dem Dampfer nicht nähern, sondern mußten sich darauf beschränken, die mit den Wogen Kämpfenden aufzunehmen. Ein Mann wurde gerettet, nachdem er zehn Stunden im Wasser gewesen. Es wurde erzählt, daß sich 103 Frauen an Bord befanden, und das Lebensrettungsgürtel an dieselben verabfolgt worden waren; sicher ist, daß viele der Passagiere keine fanden.

Eine Ordre war ertheilt worden, daß das erste Boot die Frauen und Kinder aufnehmen solle. Dieses Boot schlug um. Poleman sagt, daß 7 Boote in See gelassen wurden, und nur zwei erhalten blieben. Die Hülferufe dauerten bis 3 Uhr. Die letzte Stimme, die gehört wurde, war die eines kleinen Kindes in der Cabine. Es ist nicht wahrscheinlich, daß die Boote hätten sich retten können, selbst wenn sie in entsprechender Weise gefüllt worden wären.

(Schreibweise original)
Fortsetzung folgt.

Das Drama der Schiller
Teil I. Der Untergang.
Teil II. Weitere Details.
Teil III. Rettungsversuche.
Teil IV. Die Geretteten.
Teil V. Inquest über die Opfer.
Teil VI. Verschiedenes.

Das Drama der Schiller. Teil II. Weitere Details.

Januar 25, 2021

Das Alles überschattende Ereigniß der letzten Tage bildet der Untergang des deutschen Dampfers „Schiller“, welcher in der Nacht des letzten Freitag auf der Reise von New York nach Hamburg an einem Felsenriff bei den Scilly Inseln scheiterte (am 07.05.1875).

Die Ladung bestand aus 800 Ballen-Baumwolle, 2513 Fäßern Harz, 4000 Bushel Korn und einer bedeutenden Consignation Blättertabak. Der Werth der Ladung ist auf $150,000 geschätzt. Das Schiff führte ferner, die Ver. Staaten Post mit sich, bestehend aus 32 Beuteln mit Briefen und Zeitungen für London, 11 desgleichen für Liverpol, 8 desgleichen für Glasgow, 11 desgleichen für Dublin, 12 für Cherbourg und Paris, 17 desgleichen für Hamburg; die Gesammtzahl der Briese belief sich auf 36,000. Außerdem befand sich an Bord die ganze regelmäßige transcontinental Post von Australien und Neuseeland, in 162 Beuteln. Endlich hatten Bankiers sechs Fässer mit $300,000 Gold aufgegeben, welche für ihre Pariser Korrespondenten bestimmt waren. Der größte Theil der Ladung inclusive des Goldes ist versichert.

Die Reise ging glücklich bis zum 4. Mai, in den letzten drei Tagen war es des Sturmes wegen unmöglich, Beobachtungen anzustellen und das Schiff war eine halbe Meile außer dem Cours gerathen. Am 7. Mai bereits näherte sich der Dampfer den am Eingang des Canals, westlich von Falmouth und von dem Landsend liegenden Scilly Inseln, eine Gruppe von 145 felsigen Eilanden, einst wohl mit dem Festland verbunden, jedoch durch die Wellen des andringenden Oceans von diesem getrennt. Nur fünf dieser Inseln sind von Fischern bewohnt. Jeder, der die Reise nach den Ver. Staaten gemacht hat, wird sich dieser Inseln lebhaft erinnern; sie sind das letzte Markzeichen von Europa, welches er erblickt und sobald die Schiffe dieselben hinter sich haben, treten sie in den atlantischen Ocean ein.

Die Scilly Inseln waren von jeher gefahrvoll für die in ihre Nähe kommenden Schiffe; in den unzähligen bei der Hochfluth mit Wasser bedeckten und daher unkenntlichen Felsenriffen sind schon manche Schiffe zu Grunde, tausende von Menschenleben verloren gegangen. In neuerer Zeit sind auf verschiedenen Inseln von der britischen Regierung Leuchttürme und Signalstationen errichtet worden, um die bei Nacht und Nebel herankommenden Schiffe vor der Nähe der Inseln zu warnen. Ueber die Katastrophe selbst gaben der zweite Offizier des Schiller, Poleman, und einige der geretteten Passagiere, einem Berichterstatter folgende Auskunft:

Am Abende des 7. Mai war der Nebel ungemein dicht, und wurden um 7 Uhr Abends die Segel eingezogen, die Dampfmaschine auf halbe Kraft reduzirt und die Nebelglocken geläutet. Capitän Thomas war seit vier Tagen Tag und Nacht auf dem Verdeck gewesen und stand auch jetzt auf seinem Posten. Das Licht von dem Leuchtthurme aus Bishop’s Rock wurde nicht gesehen, trotzdem das Schiff nur eine halbe Meile von demselben entfernt war. Um 10 Uhr fuhr der Dampfer auf ein Riff auf, das unter dem Namen „Retarriere Klippe“ bekannt ist, und saß nach vier heftigen Stößen fest. Die See ging hoch, die Fluth war im Steigen und die Finsterniß eine dichte. Viele der männlichen Passagiere waren wach, und erfolgte der gewöhnliche Sturm auf die Boote.

(Schreibweise original)
Fortsetzung folgt.

Das Drama der Schiller
Teil I. Der Untergang.
Teil II. Weitere Details.
Teil III. Rettungsversuche.
Teil IV. Die Geretteten.
Teil V. Inquest über die Opfer.
Teil VI. Verschiedenes.

Das Drama der Schiller. Teil I. Der Untergang.

Januar 22, 2021

Das Alles überschattende Ereigniß der letzten Tage bildet der Untergang des deutschen Dampfers „Schiller“, welcher in der Nacht des letzten Freitag auf der Reise von New York nach Hamburg an einem Felsenriff bei den Scilly Inseln scheiterte (am 07.05.1875) und mit über 300 Personen, die sich als Passagiere und Bemannung auf demselben befanden, von den Wogen verschlungen wurde.

Das stolze Schiff hatte also, nach verhältnismäßig günstiger Fahrt, seinen ersten Bestimmungsort, Plymouth, wo Passagiere, Post und Fracht abgeladen, und im Nothfall Vorräthe ergänzt werden, beinahe erreicht, als es von einer der schrecklichsten Katastrophen ereilt wurde, von denen die Annalen der Schiffahrt auf dem atlantischen Ocean erzählen.


Dampfer Schiller

Am Donnerstag, den 29. April, fuhr der „Schiller“ von New York ab, um über Plymouth und Cherbourg nach Hamburg zu fahren. Er nahm 254 Passagiere mit, darunter 120 im Zwischendeck, nämlich 100 Erwachsene, 16 Kinder und 4 Säuglinge. Der „Schiller“ gehörte zu der Flottille der jetzt mit der Hamburger Postschiffahrtsgesellschaft consolidirten Adlerlinie, und war eines der besten und neuesten Dampfboote, welche zwischen Europa und Amerika hin- und herfuhren. Er war groß, stark und nach dem neuesten Muster auf dem Clyde von Robert Napier & Söhne gebaut, ebenso auch der „Lessing“. Beide Schiffe verließen New York, dicht mit Passagieren besetzt, und waren diejenigen Schiffe, welche die Frühjahrs-Saison eröffneten. Sie waren die zwei letzten Dampfer, welche unter der Flagge der Adlerlinie segelten, welche sich nun mit der Hamburg-Amerikanischen Linie verschmolzen hat. Der „Schiller“ hatte eine Länge von 375 Fuß, Breite 40 Fuß, Tiefe 32 Fuß, und einen Gehalt von 3600 Tonnen, war mit zwei Masten versehen und seine Maschinen hatten 3000 Pferdekraft. Er hatte ferner vollständiges Takelwerk, acht große Rettungsboote und drei eiserne Verdecke. Er war in Folge seiner vorzüglichen Dampfmaschinen im Stande, vierzehn bis fünfzehn Meilen per Stunde zurückzulegen.

Die Mannschaft bestand inclusive der Offiziere aus circa 120 Mann. Das Commando führte Capitän Thomas, ein geborener Deutscher, der früher Jahre lang in dem Dienst der Peninsular- und Oriental-Compagnie gestanden hatte und sich in der britischen Handelsmarine eines ausgezeichneten Rufes als Seemann erfreute. Die Adlerlinie hatte ihn nur nach großen Schwierigkeiten für den „Schiller“ zu engagiren vermocht. Capitän Thomas war ein Mann von mittlerem Alter und unverheirathet. Er wohnte in Hamburg, obwohl er die meiste Zeit seines Lebens in britischen Seedienste zugebracht hatte.

(Schreibweise original)
Fortsetzung folgt.

Die „komplette“ Namensliste mit den Offizieren und Passagieren kann in der Wollstein-Mailingliste erfragt werden.

Das Drama der Schiller
Teil I. Der Untergang.
Teil II. Weitere Details.
Teil III. Rettungsversuche.
Teil IV. Die Geretteten.
Teil V. Inquest über die Opfer.
Teil VI. Verschiedenes.

Familiäre Militärstatistik

Januar 18, 2021

Der Unterpunkt Familie & Militär nimmt durchaus einen bedeutenden Platz innerhalb meiner Forschung ein und bei all dem Wahnsinn, Absurdität, tiefer Trauer und Dramatik ist es interessant zu recherchieren, wie die Altvorderen im Zeitenfluß der Jahrhunderte daran Anteil nahmen, respektive nehmen mußten. Von Musketieren, Ulanen und Garde-Husaren, Mitgliedern im Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1, im 1. Garde-Regiment zu Fuß, Jagdgeschwadern, von einfachen Gefreiten, Angehörigen in Landwehr-Regimentern, über Unteroffiziere und Offiziere, in SS-Totenkopfverbänden, in der Feldgendarmerie der Wehrmacht, NVA bis hin zur Bundeswehr – wie schlußendlich ich selbst – ist alles vertreten. Meine Familie war in allen Gattungen anzutreffen; sie fuhren auf der Bismarck (und starben), auf der Blücher, Karl Galster und sogar auf der Wilhelm Gustloff.

Nicht zuletzt waren Familienmitglieder im Zweiten Weltkrieg auch auf der Gegenseite vertreten – in der Australian Army und in der U.S. Army. Der Krieg ist ein wahnsinniges Konstrukt des menschlichen Geistes, welches wir leider nur zu gerne nähren und pflegen und frißt selbige Narren höchst engagiert auf.

Nachfolgend sei der gefallenen Kriegsteilnehmer meiner Familie gedacht. Zwar gab es unzählige mehr, doch nach derzeitigem Kenntnisstand (Stand 21.01.2021) handelt es sich um 211 Personen, wovon 138 fielen:

1806 im Vierten Koalitionskrieg,
(Doppelschlacht Jena/Auerstedt) – 01 Person

1866 im Deutschen Krieg – 04 Personen

1870/1871 im Deutsch-Französischen Krieg – 01 Person

1. WK – 70 Personen

2. WK – 62 Personen

Sie starben alle für Nichts, wo sie doch leben, leben sollten. Einfach nur in Frieden leben. Aber das ist zu viel verlangt; von einer Spezies, die ein „weise“ oder „verständig“ im Namen trägt.

Das eigene Militär als Feind

Januar 13, 2021

Der Büroangestellte Karl Wilhelm P. hauchte sein Leben in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 aus – wenige Tage vor Ende des Krieges. Er starb nicht durch Fliegerangriffe oder durch Gefechte oder gar als Zufallsopfer oder Kollateralschaden – wie es so vielen Menschen in dieser Zeit erging. Nein, sein Schicksal war viel trauriger; in seinem Sterbeeintrag heißt es: „Von deutschem Militär erhängt“.

Dieser wahnsinnige Krieg einer gewaltgeilen und verrückten Spezies war faktisch vorbei, als Karl in einem Alter von 42 Jahren von Mitgliedern der eigenen Armee ermordet wurde. Von den „eigenen Leuten“. Ohne Worte.

Der falsche Fluß

Januar 8, 2021

Rothenburg! Wenn jener wohltönende Ortsname erklingt, so verbinde ich damit automatisch nur eine Örtlichkeit: Rothenburg an der Obra. Ein zentraler Ort im Rahmen meiner Forschung, explizit auch von familiärer Bedeutung. Im Jahr 1933 verstarb in Berlin ein Verwandter – geboren in Rothenburg an der Obra – wo seine Familie schon immer ansässig war und als ich seinen Standesamtseintrag prüfte, war meine Verwunderung entsprechend intensiv ausgeprägt, denn als Geburtsort wurde amtlich festgehalten: Rothenburg ob der Tauber.

Wer sich nun als unbedarfter Forscher darauf konzentriert, dies als Grundlage betrachtet und in der Konsequenz in das falsche Rothenburg genealogisch aufbricht, wird früher oder später auf einen vermeintlich toten Punkt stoßen. So führt ein inkorrekter Eintrag, nur ein falscher Fluß in eine gänzlich andere Region. Eine lapidare Verwechslung (?) mit Folgen. Standesamtseinträge – ein Hort von Fehlern; ich hätte selbige zählen sollen – vermutlich nähere ich mich der Vierstelligkeit.

Bitte abliefern! Akt III. Zweckloses Umhertreiben.

Januar 2, 2021

Der mehrfach bestrafte Tagelöhner Wilhelm Girndt, welcher nach Verbüßung einer 2jährigen Zuchthausstrafe am 7. des Monats aus der Strafanstalt entlassen und unter Polizei-Aufsicht gestellt worden ist, hat seinen Wohnort, Neu Boruy, am 13. des Monats heimlich verlassen und treibt sich zwecklos umher.

Es wird ersucht, denselben mit Reiseroute hierher zu dirigiren. Geburtsort Neu Boruy, Alter 27 Jahre, Größe 5´ 2´´, Haar braun und Augen blaugrau.

Hammer bei Wollstein im Juli 1857 (Schreibweise original).

Anmerkung. Aus heutiger Sicht muß leider konstatiert werden, daß sich der damalige „District-Commissarius“ nicht sonderlich lange mit Herrn Girndt beschäftigen mußte, da Wilhelm Girndt seinen 30. Geburtstag nicht mehr erleben durfte.

So weht das Jahr in die Vergangenheit…

Dezember 30, 2020

Das Jahr ist noch neu, gleichwohl wird es mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es für immerdar in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die schönen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein. So war die Ordnung der Dinge und so wird sie immer sein.

Menschen kommen, gehen. Das Jahr weht ungerührt in die Vergangenheit – wir unbedeutenden Menschen folgen. Heute oder morgen; die Zeit wird es lehren. In der Erinnerung ausgewählter Personen leben wir weiter, bis auch sie lächelnd, tanzend von der unerbittlichen Lehrmeisterin in den Tod gefällt werden. Das gleiche alte Lied. Genießen wir jeden Moment des Lebens, an dem wir temporär daran partizipieren dürfen. Es ist dies ein einzigartiges Geschenk. In diesem Sinne, wir Wollsteiner wünschen:

Bitte abliefern! Akt II.

Dezember 27, 2020

Der Schornsteinfegergeselle Karl Jähner ist auf der Station zwischen Wielichowo und Kosten entsprungen. Derselbe ist an die Corrections-Anstalt in Kosten abzuliefern. Geburts- und Aufenthaltsort Rakwitz. Alter 30 Jahre, Größe 5´ 2´´, Haar blond, Augen blau, Gestalt untersetzt und Sprache polnisch und deutsch. Bekleidung, schwarze Hosen, Sommerrock und Schuhe.

Wollstein im Juni 1857. (Schreibweise original).

Ein friedvolles Weihnachtsfest

Dezember 23, 2020

„Den Einfluß der Verstorbenen auf ihre Nachlebenden an das Tageslicht zu ziehen, ist rechts eine Seligkeit und links eine Erlösung für beide Teile.“

(Karl May)

In diesem Sinne, ich wünsche ein harmonisches Weihnachtsfest, geboren in Liebe und Frieden und immerdar in Gedenken an die verehrten Altvorderen. Tempus fugit.

Bitte abliefern! Akt I.

Dezember 18, 2020

Der Tagelöhner August Rauhut, 44 Jahre alt, aus Tloker Hauland, ist wegen einfachen Diebstahls zu einer 14tägigen Gefängnißstrafe verurtheilt und sein gegenwärtiger Aufenthaltsort unbekannt.

Es wird ersucht, denselben an die nächste Gerichtsbehörde abzuliefern.

Wollstein im Juni 1857. (Schreibweise original).

Der Weinanbau im Posener Land

Dezember 9, 2020

Der viel geschmähte Posener Wein hat seine Geschichte, eine Geschichte, die weit in das Mittelalter hineinreicht. Wie der brandenburgische und schlesische Weinbau geht auch der Posener wahrscheinlich auf das süd- oder westdeutsche, auf fränkische Kolonisten zurück, die im 13. Jahrhundert die Rebenkultur in die Bomster Gegend einführten.

Nach der Posener Urkunde aus dem Jahre 1373 hatte der Bürger Martin nicht nur eine bestimmte Geldsumme, sondern auch ein gewisses Quantum Wein als jährlichen Zins zu liefern. Wir dürfen wohl annehmen, daß sich der Posener Wein mit dem westpreußischen Gewächs messen konnte und dem berühmten Thorner Wein, an Güte nicht nachstand.

Im eigentlichen Weingebiet Posens bei Bomst, tritt nur eine Ortsbezeichnung auf, die an den Weinanbau erinnert: „Weinberge-Komorowo“. In manchen Posener Städten hat sich der Name Weinberg für einzelne Stadtteile oder Grundstücke erhalten. Auch in der Gemeinde Gutehoffnung, einem im Jahre 1783 gegründeten Hauland südlich von Pleschen, war früher ein Weingarten, der jetzt ganz dem Obstbau dient. Es ist wohl anzunehmen, daß die in Gutehoffnung angesiedelten Deutschen dort den Weinbau eingeführt haben, stammten sie doch, wie die Chronik erzählt, aus der Gegend von Lissa, Wollstein, Karge und Sontop. Das Hauptweinbaugebiet Posens ist wahrscheinlich stets die Landschaft bei Bomst, Unruhstadt, Chwalim, Kopnitz und Wollstein gewesen.

Noch im Jahre 1902 trieben folgende Posener Orte Weinbau: Kopnitz, Bomst, Unruhstadt, Chwalim, Wollstein, Adamawo, Jablone und Tloker Hauland (Anmerkung. Hier auch meine Familie). Alle diese Orte hatten je über ein Hektar Weinland, die beiden erstgenannten über 40, Chwalim über 20 ha. Unter ein Hektar Rebgelände besaßen damals: der Gutsbezirk Bomst, Karpitzko und Friedenhorst. Die Posener Trauben werden zum Teil auf heimatlichen Boden gekeltert und liefern dann den Bomster Landwein, zum Teil wandern die Trauben in die Großstädte, zum größten Teil aber kommen sie in den Grünberger Kognak- und Sektfabriken zur Verwendung, und manch einer hat im Schaumwein Bomster Gewächs genossen, ohne es zu ahnen.

Als am 16. September 1894 die Posener Bismarck huldigten, da überreichten sie neben Zucker aus Opalenitza, Stärke aus Bentschen, Bier aus Grätz, Korn aus Seeheim, neben dem Neutomischeler Hopfenkranz auch eine Flasche Bomster Wein, Bomster Auslese, und der Sprecher bemerkte humorvoll, man nenne die Marke auch Lacrimae Petri, denn wer davon trinke, der gehe hinaus und weine bitterlich.

Pfarrer Hengstenberg aus Wetter in der Grafschaft Mark besang 1819 Bomst mit folgenden Zeilen:

Bomst macht des Weinbaus Proben
Zu weit nach Norden hin.
Sein Wein ist nicht zu loben
Viel Säure ist darin.

Aus dem Jahr 1934. (Schreibweise original).

Erbschaft in Wien. Akt V. Der finale Vorhang senkt sich.

Dezember 4, 2020

Endlich hat die Martin Ott’sche Millionen-Erbschaft Ruhe. Wie nämlich bekannt wurde, hat bei dem Amtsgenchte Tauberbischofsheim aIs Vormundschaftsbehörde der Ott’fchen Erbinteressenten dieser Tage die Schlußverhandlung über das Theilungsobjekt stattgefunden. Bei derselben waren Regierungsrath Dr. Arnold Pann aus Wien, sowie ein Comite der Erben anwesend. Dr. Pann erhielt für das ihm vorgelegte Rechnungs-Elaborat, welches bei seinem kolossalen Umfange eine Revisionsdauer von mehreren Monaten seitens der betreffenden Behörden erfordert hatte, das Absolutorium, sowie außerdem von Seite des Erben-Comites ein warmes Dankschreiben für die außerordentlich glückliche Führung der Angelegenheit.

Damit ist dieses Prozeß-Monstrum aus der Geschichte des Abhandlungsverfahrens definitiv seiner Beendigung zugeführt. Bei diesem Anlasse mag als interessant erwähnt werden, daß folgende Summen des Ott’schen Vermögens nicht nach dem Auslande gewandert sind: Die Forderung der Masse an den Juwelier Schön von mehr als 100,000 Gulden, welche durch das Entgegenkommen der Erben im Wege des Vergleiches aus der Welt geschafft wurde; mehr als 300,000 Gulden an Erbsteuer, nicht viel weniger als Honorar für die Vertreter, mehr als 5000 Gulden als Expensen fur den Curator, ferner viele Tausende von Gulden an Gebühren anläßlich der im Laufe des Verfahrens eingetretenen Sterbefälle einzelner Erben.

November 1884. (Schreibweise original).

Nach mehr als fünf Jahren fand das gierige Theater dieser geldgeilen Spezies seinen Schlußpunkt. Ob der Erblasser je mit so einem Zirkus gerechnet hat?