Archive for the ‘Vergangenheit’ Category

Harte Menschen schufen die Hauländereien

Juli 19, 2019

In den ersten Jahrhunderten der Neuzeit erlebte gerade das Wartheland eine neue gewaltige Siedlerwelle, die sogenannte zweite Kolonisation, die vom Ende des 16. bis weit in das 18. Jahrhundert hinein den größten Teil der hier vorhandenen ländlichen Siedlungen geschaffen und auch weit über die Grenzen des Warthelandes gewirkt hat. Eine gewaltige Volkswanderung von Niederländern angestoßen, dann hauptsächlich aus Pommern, der Neumark und auch aus Schlesien gespeist, hat – im wesentlichen aus Antrieben des Volklebens, ohne fördernde staatliche Eingriffe – die meisten deutschen Siedlungen der Grenzmark und des Warthelandes und die Volksinseln der Lubliner und Cholmer Landes sowie weiter bis ins einstige Sowjetwolhynien hinein entstehen lassen.

Alle diese deutschen Dörfer sind auf Böden entstanden, die sowohl die Polen als auch die vorangegangenen mittelalterlichen deutschen Siedler verschmäht hatten, in den sumpfigen Niederungen der Weichsel, Netze und Warthe, auf den kargen Sandflächen, besonders im Norden und Westen des Warthelandes, in dem dichten Urwald, der einst das heutige Litzmannstadt umgab. Auf diese Böden, riefen die polnischen Grundherren, um von ihnen Nutzen zu ziehen, deutsche Siedler, Holländische und friesische Niederungsbauern, die ihre umkämpfte Heimat im 16. Jahrhundert verließen, gaben in Ostpreußen und dem Danziger Werder die ersten Vorbilder und drangen von dort als Siedler und Deichbauern bis in die Warschauer Gegend vor. Auf sie gehen – mittelbar oder unmittelbar – die großen deutschen Niederungsdörfer der Kreis Hermannsbad, Leslau und Waldrode zurück, angefangen mit dem 1606 gegründeten Slonsk bei Hermannsbad.

In der gleichen Zeit trieb das Bestreben pommerscher und märkischer Adliger, Bauernhufen in Gutsland zu verwandeln und die Bauern erbuntertänig zu machen, diese oft über die Grenze, wo die polnischen Großgrundbesitzer Menschen suchten, die ihre Wälder rodeten und nutzbar machten. Wie in der mittelalterlichen Siedelzeit gründeten nun deutsche Schulzen auf neugerodetem Land deutsche Dörfer, die sogenannten Schulzendörfer, in der Grenzemark und dem Nordwesten des Posener Landes. Die beiden Siedlerströme begegneten sich und verschmolzen miteinander: Die Pommern und Neumärker nahmen Rechtsformen, Wirtschaftsart und Siedlungsweise der Niederländer an und auch nordschlesische Siedler folgten ihrem Beispiel.

Der Name „Holland“ bürgerte sich für solche Siedlungen ein, vom Volksmund bald in „Hauland“ sinnvoll abgewandelt..

Aus dem Jahr 1943. (Schreibweise mehrheitlich original; jedoch die NS-Ideologie der damaligen Zeit entfernt und dem aktuell herrschenden System angepaßt)

In dem der Archiv Wollstein-Mailingliste ist der komplette Artikel als PDF-Dokument abrufbar.

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Das Zugunglück von Kohlfurt (Schlesien)

Juli 3, 2019

Dem von Breslau nach Berlin fahrenden Schnellzuge fuhr gegen 1 Uhr nach Mitternacht auf dem Bahnhofe zu Kohlfurt eine Rangirmaschine in die Flanke. 5 Todte, 3 schwer Verwundete. Materialschaden bedeutend.

Getödtet sind folgende fünf Passagiere:
1) Herr Hermann Schäfer aus Beuthen (Oberschlesien),
2) Herr Apothekenbesitzer Feodor Wiener aus Berlin, Kurstr. 34 35,
3) Herr Gustav (eher Christoph) Friedrich von Kardorff aus Breslau (Sohn des bekannten Abgeordneten Herrn von Kardorff),

4) Herr Rittmeister v. Böhm aus Lyck,
5) Herr Dr. jur. Paul Wolff aus Berlin, Behrenstr. 43 44.

Verletzt, jedoch nicht lebensgefährlich, sind drei Personen, ein Passagier und zwei Bahnbedienstete:
1) Herr v. Koczytzki, Lichterfelde,
2) der Lokomotivführer Tenner aus Breslau und
3) der Lokomotivheizer Zippel aus Breslau.

Das Unglück geschah am 19. Oktober 1891. (Schreibweise original)

Über die Posener Straßenbahn

Juni 30, 2019

In diesen Tagen jährt sich zum 45. Male der Tag, an dem die Posener Pferdebahn sehr zum Erstaunen der damaligen Bürgerschaft auf elektrischen Betrieb umgestellt wurde. Es gibt noch einige Bürger, die sich dieses Ereignisses sehr gut erinnern und aus der Hast unserer modernen Zeit mit einem wehmütigen Lächeln etwa von der merkwürdigen Pferdeumspannung erzählen, die zwischen Wilhelmplatz und dem Alten Markt vorgenommen wurde, wenn einer der uns heute wie ein Museumsstück anmutenden Wagen die steile Neue Straße bergauf oder bergab befördert werden mußte. Wir Heutigen können uns kaum ein Bild von der stolzen Aufregung machen, die damals die Posener Bürger beherrschte, als zum erstenmal die Straßenbahn ohne Pferdevorspann durch die Stadt schlenkerte.

Die Umstellung auf den Strombetrieb ist nicht von heute auf morgen erfolgt. Sorgfältig wurde das Für und Wider erwogen. Man befürchtete starke Störungen des Telegraphenverkehrs durch die Anlage der Hochspannungsleitung und besondere Schwierigkeiten machte die enge Einmündung der Breiten Straße in den Alten Markt bei der Linienführung zur Gerberstraße. Nach vielem Kopfzerbrechen fand man endlich die Lösung, so wie sie heute noch ist: eins Gleis wurde in die Wasserstraße, das zweite durch die Breite Straße verlegt. Nachdem auch der Kampf gegen die „Feinde des Fortschritts“, die damals meist aus egoistischen Gründen gegen die Elektrifizierung der Straßenbahn Sturm liefen, siegreich beendet war, konnte der Geschäftsbericht pro 1897 stolz melden:

„Die überaus milde Witterung des Winters hat es dennoch ermöglicht, daß der Gleisbau nahezu ganz und die Kontaktleitung zum Teil noch vor Jahresschluß hergestellt werden konnten, während die Gebäude auf dem Depot und dem Grundstück der Kraftstation bereits im Laufe des Sommers und die Montage der Kessel, Dampf- und Dynamomaschinen bis zum Jahresschluß fertiggestellt waren“.

Im März 1898 wurden die Strecken vom Bahnhof zum Dom und von Jersitz (Saarlandstraße) zum Wildator (Halbdorfstraße) unter Strom genommen und befahren. Im Mai 1898 folgte ein Teil der Linie vom Alten Markt bis Gurtschin (Glogauer Vorstadt). Mit 25 Motorwagen wurde der Betrieb eröffnet. Erst im Laufe des Sommers und Herbstes kamen die Anhängewagen in Verkehr. Es waren das die alten Wagen der Pferdebahn, die in den eigenen Werkstätten umgebaut waren. Besonders stolz war die Posener Straßenbahn damals auf ihr eigenes Kraftwerk und den Ausbau des Depots, das eine Reparaturwerkstatt und sogar eine Lackiererei erhielt.

Nachdem Erstaunen und Vorurteil der Bevölkerung sich gelegt hatten, nahm der Andrang zu den Wagen derart zu, daß z. B. auf der Linie Bahnhof-Wildator der Fünf-Minutenverkehr eingeführt werden mußte. Die anderen Linien wurden in Abständen von 10 und 20 Minuten befahren, doch gab es noch einen besonderen Sonn- und Feiertags-Fahrplan, der auch hier eine schnellere Wagenfolge vorsah. Ende 1898 wurden fünf weitere Motorwagen in Dienst gestellt und 13 geschlossene Wagen der alten Pferdebahn auch für die Winterbenutzung umgebaut. Es ging also mit großen Schritten aufwärts.

Das ersah man auch aus einer Steigerung der Fahrgeldeinnahme im Jahre 1898 um 130.000 Mark gegenüber 1897. Wie glücklich werden damals die Leiter der Straßenbahn über diese Erhöhung der Einnahmen gewesen sein, da die Gesamtkosten der Neuanlagen mit genau 1.470.679 Mark und 12 Pfennig ihnen schwer auf dem Herzen lagen!

Mancher Unfall hat sich um Laufe der Zeit ereignet, mancher erfreuliche Erfolg und Fortschritt ist zu verzeichnen. Und wenn sich auch im Augenblick die weitere Entwicklung nicht genau übersehen läßt, die Posener Straßenbahn hat alle Maßnahmen getroffen und vorbereitet, um alle Forderungen und Aufgaben der Gegenwart zu entsprechen. Aber an gewissen Erinnerungstagen darf man auch einen Blick in die Vergangenheit tun. Wie jetzt in jene Zeit, als man in Posen vor 45 Jahren die Pferde von den Straßenbahnwagen ausspannte.

Aus dem Jahr 1943. (Schreibweise original)

Verschollen und für tot erklärt

Juni 23, 2019

In der Sitzung vom 15. Mai 1914 ist im Namen des Königs für Recht erkannt: Die verschollenen

1) Arbeiter Wilhelm Scheibner aus Paprotsch,
2) Anna Marie Leuschner aus Bukowiec,
3) Eheleute August Gutsche und dessen Ehefrau Johanne Luise Gutsche, geborene Schulz, sowie
4) deren Sohn Gustav Hermann Gutsche, zu 3 und 4 aus Komorowo Hauland,
5) Müller Gottlob Gaetke (alias Jetke und Gaedke) aus Neu Borui

werden für tot erklärt.

Als Zeitpunkt des Todes wird festgestellt:

1) für den Arbeiter Wilhelm Scheibner aus Paprotsch der 31. Dezember 1901,
2) für die Anna Marie Leuschner aus Bukowiec der 31. Dezember 1913,
3) für die Ehefrau Johanne Luise Gutsche, geborene Schulz,
4) für deren Ehemann August Gutsche,
5) für deren Sohn Gustav Hermann Gutsche, aus Komorowo Hauland, zu 3) und 4) der 31. Dezember 1884,
zu 5) der 31. Dezember 1903,
6) für den Müller Gottlob Gaetke aus Neu Borui der 31. Dezember 1894.

Aus dem Jahr 1914. (Schreibweise original)

Wer Angaben über den Verbleib der Personen machen kann, bitte melden.

Die gefährlichen Eisgänge der Weichsel

Juni 5, 2019

Die strenge Januarkälte hat wieder einmal zu einer starken Vereisung der Weichsel geführt. Das wäre an sich nichts Besonderes, wenn dieser Strom nicht geradezu berüchtigt wegen seines gefährlichen Eisganges wäre, der in der Regel dadurch entsteht, daß Tauwetter im Quellgebiet der Weichsel, das etwa 5 Grad südlicher als die Mündung liegt, meist schon eintritt, wenn über dem Weichseldelta noch strenger Frost herrscht. Die Eisschollen schwimmen dann stromabwärts, schieben sich unter- und übereinander und verstopfen so die Fahrrinnen, die Gefahr von Überschwemmungen und Dammbrüchen heraufbeschwörend.

So jährt sich in diesen Tagen zum hundersten Male der große Weichseldurchbruch im Januar 1840, der ungeheure Schäden verursachte und die ganze Bevölkerung der Weichselniederung tage- und nächtelang in Angst und Schrecken hielt. Auch damals war im Oberlauf des Stromes durch ein rasch eintretendes Tauwetter die Eisdecke geborsten und trieb nun in mächtigen Schollen abwärts. Vor der alten Mündung bei Danzig türmten sich die Eismassen zu hohen Bergen, immer höher und höher stieg das Wasser und ein ohrenbetäubendes Klirren und Poltern erfüllte die Luft. Panikartig verließen die Bewohner ihre Häuser.

Zu allem Unglück kam noch ein mächtiger Sturm auf, der gegen die Eisberge drückte und sie gegen die Dämme schob. In einer dunklen Nacht ereignete sich dann die unausbleibliche Katastrophe. Ein explosionsartiger Knall ließ die Erde erbeben, dem ein unheimliches Rauschen folgte. Die Weichsel hatte den Dünenwall bei dem Fischerdorf Neufähr, 14 Kilometer von Danzig entfernt, gesprengt und sich einen zweiten Ausgang zur Ostsee verschafft. Eine Reihe kleiner Fischerhäuser wurde von der Gewalt des Stromes und der polternden Eismassen zerdrückt und hinweggeschwemmt. Die Bewohner, die die Gefahr frühzeitig erkannt hatten, hatten schon Tage vorher die Flucht ergriffen und das Notwendigste mit sich genommen.

Es dauerte viele Jahre, bis alle Schäden beseitigt werden konnten. Weitere Dammbrüche durch Eisgänge ereigneten sich im Winter 1855, wobei viele Menschen und Tiere den Tod fanden; ferner in den Jahren 1879 und 1888. Die Eindeichung der Weichsel geht schon auf viele Jahrhunderte zurück und reicht bis in die Anfänge des 13. Jahrhunderts. Im Laufe der Zeit wurden die Dämme bedeutend verstärkt. Um eine Wiederholung einer ähnlichen Katastrophe wie vor 100 Jahren zu verhindern, wird im Winter auch bei starkem Frost eine etwa 10 Meter breite Wasserrinne im Strom durch Eisbrecher offengehalten. Dadurch finden die vom Oberlauf der Weichsel kommenden Eisschollen einen freien Weg und gefährliche Verstopfungen werden auf ein Mindestmaß reduziert. Ein eigener Warndienst hält die vereiste Weichsel andauernd in Beobachtung.

Von 1940. (Schreibweise original)

Ein unbekannter Bettler?

Mai 21, 2019

Am 21. Januar 1877 ist zu Gloden, Kreis Bomst, ein unbekannter Bettler gestorben, der wahrscheinlich mit einem gewissen Wilhelm Wagner identisch ist; derselbe hat früher in Schwenten, Kreis Bomst, gelebt, ist seit vielen Jahren von dort verzogen, soll hierauf in Schindelmühl (oder Schneidemühl) bei Paradies gelebt haben, wo seine Ehefrau gestorben sein soll. Es sollen 2 Töchter von ihm leben, wovon eine (wahrscheinlich verheirathet) in der Gegend von Berlin einen Milchhandel treiben soll.

Es wird zur Sache um Nachricht ersucht – ob über den Verbleib des Wagner etwas bekannt ist; wo derselbe früher sich dauernd aufgehalten hat und ob über seine Hinterbliebenen etwas zu ermitteln ist?

Aus dem Jahr 1877. (Schreibweise original)

Anmerkung. In Gloden ist kein Sterbeeintrag in dem genannten Zeitraum vermerkt.

Grätzer Bier

Mai 19, 2019

Eigenartig ist der Geschmack des Grätzer Bieres. Wer es zum ersten Male trinkt, der kann den starken und ausgeprägten Rauchcharakter nicht vertragen, an den man sich erst gewöhnen muß. Allgemein verbreitet ist die Ansicht, daß dieser Rauchgeschmack im Grätzer Wasser liegt und daß deshalb das Rauchbier nur in dieser Stadt hergestellt werden kann. Das ist ein großer Irrtum, der schon dadurch widerlegt ist, daß einige große Brauereien des Reiches gleichfalls Rauchbier herstellen. Allerdings hat das Grätzer Wasser sehr viel mit der Güte des Bieres zu tun. Es besitzt die sonst noch nirgends festgestellte Eigenschaft, das Bier fast unbegrenzt haltbar und es ohne Pasteurisierung genießbar zu machen. Das Grätzer Bier wird nicht wie alle anderen hellen Biere aus Gersten- sondern aus Weizenmalz hergestellt, der Rauchgeschmack wird dadurch erzielt, daß Gerstenmalz zusammen mit Eichenholz gedarrt wird.

Interessant und wechselvoll ist die Geschichte der Brauerei und des Bieres in Grätz. Vor Jahrhunderten hatten Einwanderer aus Böhmen, die an das Pilsener Bier gewöhnt waren, das Brauverfahren mitgebracht, das sich sehr schnell einbürgerte und bald in vielen Haushalten und schließlich gewerblich hergestellt wurde. In enger Verbindung mit dem Bierbrauen stand von jeher bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts (19.) der St. Bernhardbrunnen auf dem Grätzer Marktplatz, der ausschließlich als Wasserspender in Frage kam.

Der Brunnen wurde am Ende des 16. Jahrhunderts nach dem heiligen Bernhard benannt, der der Sage nach das versiegte Wasser wieder zum Fließen brachte. Wahrscheinlich hat er aber den Brauern nur den Rat gegeben, den Brunnen aufzugraben und zu reinigen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schritt man auf Grund einer Fehde zum Graben neuer Brunnen, deren Wasser sich als ebenso geeignet zur Herstellung des Grätzer Bieres erwiesen, wie aus dem Bernhard-Brunnen.

Seit 1839 war die Brauerei in Grätz nur in privaten Brauereien betrieben, die später zu einer deutschen Aktiengesellschaft zusammengeschlossen wurden. Diese Aktiengesellschaft bestand bis zum Jahre 1921, worauf sie an ein polnisches Bankkonsortium verkauft wurde. Während bis zum Ausbruch des Weltkrieges bei einem Absatz nach ganz Europa, nach Asien, Afrika und Amerika 122.000 hl hergestellt wurden und die Erzeugung im Jahre 1919 immer noch 42.000 hl betrug, fiel sie bis zum Jahre 1939 auf knapp 3000 hl. Heute wird das Grätzer Bier wieder im ganzen Reich getrunken. (Schreibweise original)

Zum 200. Geburtstag von Guminitz im Kreis Krotoschin

Mai 8, 2019

„Kund und zu wissen allen, insbesondere vorzüglich aber den Leuten deutscher Herkunft, daß ich als erblicher Besitzer des eine halbe Meile von Kobylin gelegenen Dorfes Gumienice nebst Gebäuden, in denen jetzt die Menschen ausgestorben sind, nebst Aeckern, Wiesen, Hutungen, Nadel- und Laubholzwäldern, Gemüse- und Obstgärten, Teichen und überhaupt allem Zubehör mir vorgenommen und unabänderlich beschlossen habe, dasselbe mit lauter deutschen und ehrbaren Hauländern zu besetzen und emporzurichten“. Mit diesem Ausschreiben, das vom 26. Oktober 1737 datiert, lädt der Grundherr der Herrschaft Pogorzela, Thomas Olessin Olewinski zur Besiedlung des in den Pestjahren 1708/11 völlig entvölkerten Dorfes Gumienice ein und gibt „allen denen, die das genannte Dorf beziehen wollen, die schriftliche Versicherung, daß er sie mit denjenigen Freiheiten und unantastbaren Rechten und Privilegien, Zinsen und Abgaben niederzusetzen sich verpflichtet, mit denen sie anderwärts, an den Grenzen von Brandenburg oder bei anderen Herren, fundiert sind“.

Der Zustrom ist nicht groß. Als Sprecher der Deutschen erscheint Andreas Fiedler, in dessen Gefolge sich etwa fünf deutsche Familien befinden: der Händler Valentin Kodler, die Wirte Johann Kuta, Adelbert Jakulka, Martin Sobek und Andreas Kwidok. Die Herkunft dieser Siedler und auch ihr späterer Verbleib ist nicht bekannt. Nach einem Jahrzehnt schon verschwinden ihre Namen wieder. Das Kolonisationswerk kommt auch nicht recht voran, und darüber stirbt Olewinski 1739. Seine kinderlose Witwe und Erbin der Pogorzeler Güter findet in Roch Rola Zbijewski einen unternehmungsfreudigen Partner. Der Kolonisationsgedanke wird wieder aufgenommen. Gegen 40 deutsche Familien finden sich nun unter drei Führern, Michael Kirsch, Johann Kambel und Johann Georg Fiedler, ein „Nach reiflicher Ueberlegung und Beratung in Gemäßheit des früheren Kontraktes“ verkauft er diesen „zur Vermehrung dieser Güter das Dorf Gumienice nebst allem Zubehör, ohne alle Herren- und Frondienste gegen einen Grundzins von 50 Tümpfen für jede Hufe“.

Der Brief datiert aus dem Herrensitz Gluchowo vom 25. September 1743 und ist zur Geburtsurkunde des Dorfes geworden. Das Angebot ist günstig: freies Eigentum gegen einen herrschaftlichen Zins von 50 Tümpfen jährlich pro Hufe und gegen einen mäßigen Zins in bar und an Meßgetreide für die Kirche Pogorzela, freie Religionsübung, Errichtung eines Gasthauses und einer Windmühle, Anstellung eines Lehrers und Unterhalt einer Schule, freie Lieferung von Bauholz, Lieferung von Brennholz und die Gewähr der Hutung in den herrschaftlichen Wäldern gegen einen mäßigen Zins, vor allem aber Gewährung einer bäuerlichen Selbstverwaltung. An der Spitze der Verwaltung soll ein Schulze stehen, der jährlich gewählt und von der Grundherrschaft bestätigt wird.

Die Schulzenlade von Guminitz

Ihm zur Seite stehen die Gerichtsmänner. Sie handhaben gleichzeitig die niedere Gerichtsbarkeit. Michael Kirsch wird der erste Schulze. Die Herrschaft fertigt auf Pergament die noch vorhandene Gründungsurkunde aus. Das Dorf führt sein eigenes Siegel und von nun an den deutschen Namen „Guminitz“ Fast die Hälfte der Neusiedler von 1743 hat sich im Mannesstamm bis zum heutigen Tage auf der gleichen Scholle erhalten. Die Familie des ersten Schulzen Kirsch ist im Mannessstamme in Guminitz erloschen. Sein Blut fließt aber noch heute in den Adern vieler anderer Namensträger.

Der zweite Sprecher, Johann Georg Fiedler, kam bereits mit Weib und Kind nach Guminitz, das seiner heute noch dort blühenden Familie zur Heimat werden sollte. Seine einzige Tochter wird durch ihre Ehe mit dem aus Freyhan in Schlesien stammenden Matheus Eckner die Stammutter des heute noch in Guminitz blühenden Geschlechtes. Die Daunke, Gohl und Hoffmann, die Lämmchen, Mühlnickel und Krug, die Reich, Reimann und Zapke haben neben den bereits erwähnten Fiedler und Eckner vor nunmehr 200 Jahren Guminitz als erste besiedelt und ihren Namen seitdem im Dorfe erhalten. Durch 200 Jahre haben sie den von ihren Vätern erworbenen Boden die Treue bewahrt und diesen gegen alle Stürme einer bewegten Zeit verteidigt und behauptet.

Obgleich man den Siedlern schon nach sieben Jahren den weiteren Besuch der deutschen Kirche in Kobylin verbot und sie in die polnische Kirche zu Pogorzela zwang, hat während dieses ein Vierteljahrhundert anhaltenden Druckes doch kein einziger sein Deutschtum aufgegeben.

Aus dem Jahr 1943. (Schreibweise original)

200 Jahre Bestehen von Stodolsko/Friedheim bei Wollstein

April 28, 2019

Das kleine Dorf Friedheim im Kreise Wollstein kann auf sein 200jähriges Bestehen zurückblicken. Unweit des Fleckens Rothenburg an der Obra liegt es etwas abseits von der Durchgangsstraße Wollstein-Posen. Ein echtes, altes deutsches Bauerndorf, die Höfe weiträumig mit ihren schönen Bauerngärten, dazu die Lauben mit den Blumenbeeten und den Fliederbüschen. Etwas traumverloren auf den ersten Blick und doch überall voll von pulsierendem Leben…

Der komplette Artikel ist in der Wollstein-Mailingliste als PDF-Dokument abrufbar.

100 Jahre Obra-Meliorations-Verband

April 26, 2019

Im Zuge des Warschau-Berliner Urstromtales erstreckt sich von Moschin an der Warthe über Kosten bis zur Gaugrenze bei Wollstein und darüber hinaus bis zur Oder das Obra-Tal. Die im Reichsgau Wartheland liegende Obra-Niederung bildete den „Großen Obrabruch“, der südöstlich von Wollstein bis zu 9 km breit ist. Dieser Bruch war in der Vorzeit in große Seebecken und noch vor 150 Jahren ein Sumpf mit Schilf, Rohr, Erlen und Weiden. Wasser und Morast erzeugten in den angrenzenden Ortschaften verheerende Krankheiten unter Menschen und Vieh. Die am Rande des großen Sumpfes befindlichen Wassermühlen in Kiebel, Klosterwiese, Paulswiese, Kopnitz, Bentschen, Altkloster, Karge und Moschin sorgten für die Erhaltung des unwirtlichen Zustandes.

Nach der Übernahme des Gebietes in die preußische Verwaltung wurde im Jahre 1793 durch die Posensche Kriegs- und Domänenkammer die erste Anregung zur Urbarmachung des großen Obrabruches gegeben, nachdem die Versuche der früheren polnischen Regierung zur Beseitigung des schädlichen Sumpfes durch Abbruch von 6 Wassermühlen nicht zum Erfolg führte. Man begann sofort mit Vermessungen und 1796 auch mit Nivellierungsarbeiten im heutigen Gebiete von Wollstein, Bentschen und Schwerin. Trotz der schwierigsten Verhältnisse konnte 1799 mit dem Kanalbau begonnen werden, und 1804 waren bereits zwei damals sehr wichtige Verbindungskanäle fertiggestellt. Schon im August 1806 waren ein Teil des Kostener Obra-Kanals, der Moschiner Kanal, der Obra-Süd- und Obra-Nordkanal vollendet, obwohl sich die Arbeiten in dem unzugänglichen Sumpf ungewöhnlich schwierig gestalteten und man erst Vorgräben auswerfen, das Herausquellen des sandigen Seegrundes in den Kanälen bannen und einzelne Bezirke umwallen mußte.

Mit Beginn des Krieges im Jahre 1806 kamen die Entwässerungsarbeiten ins Stocken, die Kanäle verschlammten und versandeten, Komitees versuchten eine Räumung durchzuführen, doch erst 1825 nahm man den Bau von Kanälen wieder auf. Mit dem Ergebnis der langjährigen, heute kaum noch vorstellbaren Bemühungen der Urbarmachung des großen Moorgebietes war man jedoch wegen zu geringer Querschnitte der Kanäle nicht zufrieden, weshalb im Dezember 1841 auf Veranlassung des Oberpräsidenten in Posen die Generalversammlung der beteiligten Landwirte eine Kommission wählte, die den Wasserbaumeister Henning mit der Aufstellung eines umfangreichen Entwurfes beauftragte, dessen Kosten später aus Staatsmitteln bestritten wurden.

Der großzügige Plan dieses Sachverständigen, der damals ein hervorragendes Werk darstellte, lag am 17. Mai 1843 fertig vor. Die Bauarbeiten sollten in 6 bis 8 Jahren vollendet werden und wurden von der preußischen Staatsregierung finanziell unterstützt. In dieser Zeit erfolgte eine Maßnahme, die nicht nur für das rd. 30000 ha große Obra-Meliorationsgebiet, sondern für alle nachfolgenden Landesmeliorationen in der ehemaligen Provinz Posen von grundlegender Bedeutung war. Am 16.08.1842 wurden durch König Friedrich Wilhelm von Preußen in Sanssouci durch Allerhöchste Kabinetts-Ordre die Interessenten des Obra-Bruches zu einer Sozietät „verpflichtet“ und ein Statut: „Allgemeine Kanal- und Grabenordnung für die Meliorationen der im Großherzogtum Posen gelegenen Obrabruchgegend“ herausgegeben.

Die älteste und größte, selbständig verwaltete Wassergenossenschaft des heutigen Reichsgaues Wartheland war damit gegründet. Die Verfassung des Obra-Verbandes war so hervorragend ausgearbeitet, daß sie bis zum 1. Februar 1939, also 97 Jahre gültig war und immer wieder als Muster für später durchgeführte, großzügige Entwässerungsmaßnahmen unseres Gaues diente. Hevorzuheben ist der Umstand, daß man durch diese Satzung des Wasserverbandes einen Mangel bei früheren Meliorationen beseitigte, indem eine zielbewußte Verwaltung und eine örtliche, hauptamtliche Aufsicht in sieben Aufsichtsbezirken, von denen sechs im Wartheland liegen, statutarisch begründet wurde, welche die regelmäßige Unterhaltung der 284 km langen Kanäle, 93 Verbandsbrücken und 60 Stauschleusen in 96 Gemeinden auf auf 63 Gutsbetrieben mit 5566 Einzelmitgliedern bis heute sicherte.

Stauschleuse und Uferabbruch am Kostener Obra-Kanal

Das umfangreiche Kanalsystem, das mit Einsatz von Strafgefangenen aus Posen und Schlesien im Jahre 1863 vollendet wurde und heute noch als hervorragende technische Leistung zu bezeichnen ist, erfaßte auch das Seitental der Obra von Kosten südwärts bis in den Kreis Gostingen, den Bau des Altklosterkanals und ermöglichte außer der Entwässerung der großen Niederungsmoorgebiete auch ihre Anfeuchtung bei eintretender Dürre. Heute genügen jedoch diese Anlagen des Obra-Verbandes den hohen Ansprüchen der neuzeitlichen Bodenkultur nicht mehr.

Nach Übernahme der von jeher in vorwiegend in polnischen Händen befindlichen Verwaltung des Obra-Verbandes sind seit 1940 großzügige Planungen teils in Arbeit und teils schon fertiggestellt, um eine Beherrschung des Wassers bei Winter- und Sommerhochwasser zu erwirken, den Überfluß an wertvollem Wasser bei Fluten lange Zeit aufzuspeichern, um die Kulturpflanzen in Dürrezeiten mit dem köstlichen Naß zu tränken. Auch eine einheitliche, sachgemäße, systematische Binnenentwässerung ist vorgesehen, weil diese bis dahin an Besitzgrenzen gebunden war und aus vielen Einzelsystemen bestand, die ihren Zweck nicht erfüllen konnten.

Die Durchführung der wasserwirtschaftlichen Baumaßnahmen muß jedoch während des Krieges auf die allerdringlichsten Arbeiten, insbesondere auf die Behebung der durch Kriegshandlungen und Hochwasser entstandenen Schäden beschränkt bleiben. Ferner sind die heute oft unpassierbaren Wirtschaftswege zu befestigen, damit die Ernte mit neuzeitlichen Fahrzeugen leichter und sicherer eingebracht werden kann. Die umfangreichen Naturwiesen, die schon heute auf dem wertvollen, kalkreichen Niederungsmoorboden erhebliche Erträge, leider vielfach geringwertigen Heues für die vielen umliegenden landwirtschaftliche Betriebe und für andere wichtige Zwecke abringen, sind in ertragreichste, hochwertige Kulturwiesen, Viehweiden und Gemüsekulturen umzuwandeln.

Sodann wird erstrebt, die großen Kanäle für den Kanusport herzurichten. Schließlich sollen in dem zeitweise unter Landschaftsschutz zu stellenden großen Obrabruch, die heute vielfach recht kahl und öde aussehenden, kilometerweiten Grünflächen nicht nur fruchtbares Kulturland, sondern auch durch Landschaftsgestalter in zweckdienlicherweise mittels Windschutzanlagen in einen für jeden Naturliebhaber gern aufgesuchten großen Naturpark verwandelt werden, die den Obrabruch für viele Bewohner der Stadt Posen zu dem macht, was der Spreewald landwirtschaftlich und landschaftlich für den Berliner ist.

Aus den 1940er Jahren. (Schreibweise original)

Gaststätte Schwanenweiher niedergebrannt

April 23, 2019

Großfeuer in den Morgenstunden des Montags vernichtet Posener Gartenlokal. In den frühen Morgenstunden des gestrigen Montags wurde die reizvoll am Schwanenweiher in Kuhndorf gelegene Gaststätte „Schwanenweiher“ von einem Großfeuer heimgesucht, das die wichtigsten Gebäudeteile dieses beliebten Ausflugslokals restlos vernichtete.

Als der Löschzug der Wache 2 der Posener Feuerschutzpolizei an der Brandstelle eintraf, standen der mittlere Fachwerkbau sowie die Veranda in ihrer ganzen Ausdehnung in Flammen, so daß sofort Großalarm gegeben wurde. Die Bekämpfung des Brandes, an der sich daraufhin weiter die Löschzüge 1 und 6 beteiligten, wurde mit 9 C- und 5 B-Rohren vorgenommen. Das benötigte Löschwasser wurde dem Teich entnommen. Trotz schnellsten und umsichtigsten Einsatzes konnten nur der linke und rechte Flügel der Gaststätte vor der Vernichtung bewahrt werden; der mittlere Teil, die Veranda und ein Teil der Wirtschaftsanlagen sind dem Feuer leider zum Opfer gefallen.

Sofort nach Bekanntwerden begaben sich der höhere SS- und Polizeiführer Warthe, SS-Obergruppenführer Koppe, Oberbürgermeister Dr. Scheffler und Polizeipräsident von Malsen-Ponickau an die Schadensstelle. Die Gaststätte „Schwanenweiher“, die städtischer Besitz ist, war eins der wenigen, landschaftlich wirklich reizvoll gelegenen, bequem zu erreichenden Gartenlokale der Gauhauptstadt.

Oberbürgermeister Dr. Scheffler hat noch am Montagvormittag angeordnet, daß alles getan werden soll, um möglichst bald wenigstens einen provisorischen Wirtschaftsbetrieb am Schwanenweiher einzurichten, um der deutschen Bevölkerung diese schöne Erholungsstätte am Stadtrand wieder zugänglich zu machen. Der Ausfall der Gaststätte wird hoffentlich also nur vorübergehend sein.

16.06.1942 (Schreibweise original)

100 Jahre Pelzwarenhaus in der Stadt Posen

April 12, 2019

Posener Geschäft 100 Jahre alt. Inhaber gleichzeitig 50 Jahre im Beruf. Das bekannte Pelzwarenhaus B. Schulz, Leo-Schlageter-Straße 16, begeht am 1. April die seltene Doppelfeier des 100 jährigen Geschäftsjubiläums und des 50 jährigen Berufsjubiläums. Von Johann Gottlieb Schulz im Jahre 1840 gegründet, führte nach dessen Tode der Vater des jetzigen Inhabers Carl August die Firma weiter, übergab sie 1871 seinem Bruder Hermann, übersiedelte nach Leipzig und gründete dort Brühl 45 eine Rauchwarenhandlung, wo auch der jetzige Inhaber Benno Schulz aufgewachsen ist.

1890 trat der jetzige Inhaber in die Lehre, zuerst um den Rauchwarenhandel und sodann um das Kürschnerhandwerk zu erlernen. Im Jahre 1899 übernahm er die Leitung der Firma, um sie 1902 käuflich zu erwerben. 41 Jahre hat Herr Schulz, der Weltkriegsteilnehmer ist, das alte Familiengeschäft durch alle Fährnisse, Krieg, Inflation und Polenherrschaft sicher gesteuert und die führende Stellung im Pelzhandel behauptet. Wir wünschen dem Jubilar noch eine recht lange erfolgreiche Tätigkeit.

Aus dem Jahr 1940. (Schreibweise original)

Wie die Hauländereien im Kreis Grätz entstanden

April 3, 2019

Während Polen im 16. und 17. Jahrhundert den Protestantismus bekämpfte und daher den hier ansässigen Deutschen viele Rechte verlorengingen, zeigte es sich neuen Einwanderern gegenüber von großer religiöser Duldsamkeit und versprach den einwandernden Bauern die persönliche Freiheit, die sie in der Heimat nicht besaßen. So kamen zuerst die Böhmischen Brüder in dieses Land und gründeten 1547 Lissa, auch nach Bentschen kamen sie, dann die unter religiösem Druck abwandernden Holländer, die sich von der Weichselniederung, in der sie zuerst angesetzt wurden, weiter nach Süden zogen, wo sie 1593 im Warthegau ihre ersten Siedlungsplätze schlugen. Seit 1550 kamen auch brandenburgische und pommersche Bauern ins Wartheland.

Je nach ihrer Herkunft hatten die Zugewanderten eine andere Art zu siedeln. Entweder lebten sie in geschlossenen Schulzendörfern, die auf schon kultiviertem Boden bestanden, wie die Brandenburger und pommersche Bauern, oder sie errichteten sich wie die Holländer Einzelhöfe in Sumpf- und Waldgebieten, die sie allmählich urbar machten. Entsprechend ihrer schweren Arbeit erhielten sie mehr Freiheiten und Rechte; mußten aber auch Besitz und Vermögen mitbringen und waren daher wohlhabender als die Bewohner der Schulzendörfer. In späterer Zeit waren nicht mehr alle Bewohner der Holländereien Holländer. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Bezeichnung „Holländer“ in „Hauländer“.

In der Umgebung von Tirschtiegel wurden die Hauländer zuerst geduldet und später mit Privilegien ausgestattet. Durch Zuzug entstand in Tirschtiegel eine deutsche Neustadt, und im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde die Stadt vorwiegend deutsch. Auch in und um Kirschneustadt (Neustadt/Pinne) setzten sich deutsche Kolonisten fest, und seit 1672 siedelten hier vor allem Sachsen, Lausitzer, Schlesier und später Bauern aus der Neumark und allmählich entstanden immer mehr Hauländereien um Neustadt, die nach Birnbaum eingepfarrt wurden. 1709 erhielten Roßfelde, später Jägersheim ein Privilegium vom Grafen Opalenski, die Hauländerei Ziegenkrug entstand aus einem Gasthaus, das der Sage nach vom Grafen Opalenski errichtet wurde – als Dank für die Errettung aus dem Urwald, in dem er sich auf der Jagd nach einem Hirsch verirrt hatte.

Die Hauländer hatten an den Grundherrn einen jährlichen Pachtzins zu zahlen, der in Bentschen zehn Taler für die Hufe = 30 Morgen, die jeder Hauländer zugeteilt erhielt; in Alttomischel sechs Taler, dazu noch zwei Taler für freie Hütung des Viehs im Walde, betrug. Während der ersten sieben Jahre wurde der Pachtzins erlassen, dann versuchten die Hauländer Geld zu verdienen und stellten Pottasche, Holzkohle, Holzteer, Mulden, Schaufeln, Tröge, Schwingen, Brechen u. a. m. aus Holz her. Der Wohlstand setzte erst Ende des 18. Jahrhunderts durch den Hopfenanbau ein, den die Bauern von den Hussiten um Zisker Hauland gelernt hatten.

Seit 1750 wurden die Freiheiten und Rechte der Hauländer stark beschnitten und sie erhielten an Stelle der verbrieften Selbstverwaltung Schulzen, die immer mehr die Wünsche der Grundherren in den Vordergrund stellten. Im Zusammenhang damit zogen mehrere Bauern gemeinsam aus den Kreisen Grätz und Wollstein in die Wälder von Kalisch ab.

E. Schulemann, 1945.

Fahnenweihe des Kriegervereins Wollstein & 3. Kreiskriegerverbandsfest in Wollstein. Teil II.

März 18, 2019

Fortsetzung von Teil I.

Mit einem poetischen Glückwunsch überreichte danach Frl. Bongscho ein von den Damen gestiftetes Fahnenband und die Vertreter einer größeren Anzahl Vereine Fahnennägel. Auch vom Provinzial-Landwehrverband, dem Kreiskriegerverbande, dem Landwehrverein Grätz, Herrn Landtagsabgeordneten v. Wentzel waren Fahnennägel gestiftet worden. Gesang des Seminar-Chors beschloß die wirkungsvolle Feier.

Nun setzte sich der imposante Zug, der 25 Kriegervereine mit 22 Fahnen und über 1000 Mitglieder umfaßte, wieder in Bewegung, durchzog die Posener, Fraustädter, Bergstraße und gelangte über den Markt gegen 2 ¼ Uhr nach dem Schützengarten, wo die verschiedenen Trinkstätten von den in der Sonnenglut fast verschmachteten Teilnehmern gestürmt wurden. Um 3 Uhr begann das offizielle Festessen im Saale des „Viktoria-Hotels“, an dem etwa 100 Herren teilnahmen. Den Kaisertoast brachte hier Herr Landtagsabgeordneter v. Wentzel-Belencin aus, den Dank der Gäste stattete Herr Landrat v. Pommer-Esche aus Grätz ab, während Herr Hauptmann Lämmerhirt den städtischen Vertretern für ihr Erscheinen und für die pekuniäre Beihilfe zu dem Fest dankte, worauf Herr Beigeordneter Krause erwiderte und auf den Festverein sein Glas leerte.

Das Essen, bei dem die Rawitscher Regimentskapelle konzertierte, nahm dank der guten Speisen und Getränke, einen animierten Verlauf. Inzwischen war ½ 5 Uhr geworden und die höchste Zeit zum Beginn des großen Gartenkonzertes im Schützenhause, zu dem sich ungezählte Besucher eingefunden hatten, sodaß sich bald ein toller Trubel entwickelte, in dem leider manch schönes Musikstück der braven Fünfziger verloren ging. Nach dem Regen wurde das Konzert fortgesetzt und beendet und das Fest mit dem üblichen Tänzchen beschlossen, das erst in früher Morgenstunde sein Ende fand.

Die Fahne ist aus der Fahnenfabrik in Bonn am Rhein hervorgegangen und zeigt auf der Vorderseite von blauem Sammet den Namen des Vereins in Seidenstickerei, auf der Rückseite von weißem Atlas die Germania ebenfalls in Seidenstickerei. Auch das kostbare Fahnenband hat die Bonner Fahnenfabrik geliefert.

1910. (Schreibweise original)

Der Zeppelin läßt auf sich warten…

März 12, 2019

Die vielen Verehrer Zeppelins, die sich bereits für die Fahrt nach Breslau gerüstet haben, um das Luftschiff, sei es in seinem stolzen Fluge oder gar gelandet, zu sehen, werden ihre Ungeduld noch einige Zeit die Zügel anlegen müssen, da die Fahrt Friedrichshafen-Wien-Dresden verschoben ist. Durch die Presse geht nämlich folgende Meldung: Wie die Luftschiffbau-Gesellschaft Zeppelin mitteilt, haben die Versuchsfahrten mit dem „Z. 6“ mit verschiedenen Neuerungen notwendige Aenderungen ergeben.

Der Zeppelin über Berlin

Es erscheint dem Grafen Zeppelin deshalb vorsichtiger, eine Fernfahrt nicht zu unternehmen, bis noch eine gründlichere Erprobung erfolgt ist. Die Fahrt nach Wien und Dresden muß daher zurzeit abgesagt werden. Graf Zeppelin selbst teilte der Redaktion der „Wiener Neuen Freien Presse“ mit, daß der Motor des Luftschiffes nicht einwandfrei funktionierte und er die Reise nicht unternehmen kann, da er für den Erfolg nicht einstehen könne. Vor dem Spätherbst könne er jedenfalls nicht daran denken, die Reise nach Wien anzusetzen.

Die Zeitungen gaben bereits ausführlichste Ratschläge, wo man das Schiff am besten beobachten könne. Der Kommandant der Luftschifferabteilung sandte gestern nachmittag einen genauen meteorologischen Bericht nach Friedrichshafen. In Hofkreisen will man wissen, Fürst Fürstenbergs Reise nach Berlin hänge mit der Angelegenheit zusammen. Kaiser Wilhelm wünsche selbst bei Zeppelins Ankunft in Wien zugegen zu sein. Der Zeitpunkt der künftigen Fahrt sei schon bestimmt.

Graf Zeppelin & Kaiser Wilhelm II.

Im Juni 1910. (Schreibweise original)

Chronologie

Der Zeppelin kommt

Lotterie für Graf Zepplin

Fahnenweihe des Kriegervereins Wollstein & 3. Kreiskriegerverbandsfest in Wollstein. Teil I.

März 3, 2019

Ein schönes Fest liegt hinter uns. War es auch nicht ganz von der Ungunst des Wetters verschont, so vermochte der zwischen 6 und 7 Uhr hereinbrechende plötzliche Gewittersturm- und Regen die Tausende, welche den Schützenhausgarten bis auf den letzten Platz gefüllt hatten, nicht zu vertreiben und das Fest vorzeitig zu beenden; man suchte Unterschlupf in gedeckten Räumen, so gut es eben ging und genoß, als die Gewitterwolken vorüber gezogen waren, die nach dem Regen doppelt schöne Juniluft in vollen Zügen, bis spät in die Nacht hinein. Die Hunderte aber von Kriegern, welche aus allen Teilen des Kreises und von weiter her zusammengekommen waren, um die Fahnenweihe des hiesigen Vereins und das 3. Kreiskriegerverbandsfest feiern zu helfen, sie werden hoffentlich vollbefriedigt heimgekehrt sein und gern an die schönen Stunden zurückdenken, die ihnen in unserer guten Stadt Wollstein geboten wurden.

Unserm nachstehenden Bericht über den Verlauf des Festes behalten wir uns vor, einen ausführlicheren folgen zu lassen. Schon am Tage vorher hatten die Straßen der Stadt ihr Festkleid angelegt. Drei große Ehrenpforten waren errichtet worden, Fahnen und Wimpel, Girlanden und Laubbäume grüßten die Festteilnehmer, die am Festmorgen mit den zwischen 10 und 11 Uhr eintreffenden Eisenbahnzügen, oder auf mit Maien geschmückten Leiterwagen angekommen waren. Vom Bahnhof aus wurden sie alle gegen 11 ¼ Uhr eingeholt, und in den Bleßmannschen Garten geleitet, wo ein Frühschoppenkonzert stattfand, während die Fahnen nach dem Rathaussaal eskortiert wurden.

Bei einem Glase Freibier vergnügten sich die Festteilnehmer in den Gartenlokalen der Stadt bis zu den um 12 ½ erfolgenden Antreten zum Festzuge in der Unruhstraße. Der Festzug setzte sich um 1 Uhr in Bewegung und zog durch die Königsstraße zum Marktplatze, wo vor der dort errichteten Tribüne haltgemacht wurde. Es begann alsbald, nachdem die geladenen Gästen aus dem Magistratssitzungssaale eingeholt worden waren, die Weihefeier, welche durch den Gesang des unter Leitung des Herrn Seminar-Musiklehrers Sanik stehenden Seminarchors „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ eingeleitet wurde. Sodann betrat der Vorsitzende des hiesigen Kriegervereins Herr Hauptmann d. L., Realschuldirektor Professor Dr. Lämmerhirt die Rednertribüne, um in seiner Ansprache die erschienenen Krieger und sonstigen Gäste zu begrüßen und ihnen für ihr Erscheinen zu danken.

Gleichzeitig stattete er allen denen, die sich um das Gelingen des Festes verdient gemacht, seinen Dank ab und schloß mit einem dreifachen Hurrah Se. Majestät den Kaiser, das in der tausendköpfigen Festversammlung einen brausenden Wiederhall fand. Nach ihm nahm der Vorsitzende des Kreiskriegerverbandes, Herr Zollinspektor Twachtmann das Wort zu seiner Weiherede, in der er in trefflichen Worten den Verein an dem Tauftage seiner neuen Fahne an die Pflichten mahnte, die dieselbe verkörpern solle; Pflichten der Dankbarkeit gegen die Gründer des geeinigten deutschen Reiches, Pflichten der Treue gegen Gott, gegen König und Vaterland. Die Fahne, welche von 20 weißgekleideten Ehrenjungfrauen in einer Blumengirlande im Festzug getragen worden war, entfaltete sich in ihrer Schönheit und erhielt den Weihegruß unter dem Donner von Kanonenschlägen. Mit einem brausend erklingenden Hurrah auf das Vaterland schloß der Redner.

(Schreibweise original), Fortsetzung folgt…

Herr Heinrich und seine Odyssee

Februar 25, 2019

Der Fleischergeselle Wilhelm Heinrich aus Gloden, Kreis Bomst gebürtig, wurde von den Klafterschlägern im Renskoer Walde mit starken Knüppeln so geschlagen, daß ihm ein Arm und ein Bein gebrochen wurde und er leblos zur Erde fiel. Ein im Walde anwesender Holzwagenführer lud den Heinrich auf und übergab denselben dem Schulzen zu Rensko behufs dessen Kur und Verpflegung. Der Schulze erfuhr, daß der Schwerkranke in 2 Meilen Entfernung und zwar in der Stadt Rostarzewo (Rothenburg an der Obra), Kreis Bomst einen Vater habe. Er schaffte daher den Heinrich auf einen Wagen und lud ihn ohne Weiteres daselbst ab. Die Stadt Rostarzewo erblickte in Heinrich eine nicht in ihre Armenpflege gehörige Persönlichkeit. Es wurde daher dort abermals ein Wagen zurecht gemacht, Heinrich auf denselben geladen und nach der Stadt Wielichowo gebracht, weil in derselben sich das der Gemeinde Rensko vorgesetzte Königliche Distrikts-Amt befindet.

Das letztere sollte den Heinrich wieder in die Gemeinde schaffen, wo er geprügelt, arm und hilflos geworden und zuerst verladen worden war. Der Distriktsbeamte erklärte jedoch, daß ihm dergleichen Sachen nichts angehen. Sonach befand sich Heinrich im tiefsten Winter vogelfrei und mit gebrochenem Arm und Bein auf der freien Straße in der Stadt Wielichowo, wodurch der Vertreter der Stadt sonach gezwungen war, für die Kur und Verpflegung des beinahe Halbtodten zu sorgen. Die Verpflegung konnte aber nur für 7 Sgr 6 Pf incl. Wohnung, Wäsche, Heizung pp. erfolgen. Auch war es geboten, einen Arzt herbeizuholen, damit derselbe die zerschlagenen Glieder des Heinrich wieder herstelle.

Die Gemeinde Rensko wurde nun direct aufgefordert, für die weitere Pflege des Heinrich zu sorgen und da sie dies nicht that, das vorgesetzte Königl. Landrathsamt ersucht, im Aufsichtswege, die Verpflichtete anzuhalten. Diese Behörde erklärte sich in der Sache nicht zuständig und verwies an die Posensche Deputation für das Heimathwesen. Auch diese erkannte in ihrer Sitzung vom 11 April wegen Incompetenz auf Abweisung der Stadtgemeinde Wielichowo. Die letztere Gemeinde wandte sich nun endlich wegen ihrer Auslagen an die Landarmen-Direction zu Posen, worauf diese sich nur zur Bezahlung von 5 Sgr pro Tag unter Abweisung der liquidirten Gebühren und Fuhrkosten für den Arzt verstand. Es wurde behauptet, Heinrich hätte in die nächste Lazarethstadt verladen werden müssen. Dieser Vorwurf wurde dadurch widerlegt, daß es schon die vom Arzte gesteiften und verbundenen Glieder des Erkrankten nicht gestatteten, ihn so lange herumzufahren, bis sich eine Lagerstadt ermittelt hätte, die ohne andere gesetzliche Verbindlichkeiten die Heilung des Genannten gratis übernommen hätte.

Darauf wurden die Arzneikosten noch angewiesen, ungeachtet dessen hat die ganz unschuldige Stadt Wielichowo durch Verpflegung 35 Tage à 2 Sgr 6 Pf, 2 Thlr 27 Sgr 6 Pf und durch Prozeßkosten an die Heimath-Deputation 3 Thlr 7 Sgr 8 Pf in á 6 Thlr 5 Sgr 2 Pf Schaden erlitten. Durch die Wegräumung des Kranken wälzt sich also nun die betreffende Gemeinde die ihr nach 28 des vorallegirten Gesetzes auferlegte Verpflichtung einfach ab. Weitere Consequenzen verfolgt jene Gesetzesstelle nicht und so kann derselben auch ein Nachdruck nicht verschafft werden. Ordnungsstrafen Seitens der Königl. Landräthe gegen einen gefühllosen Schulzen würden kaum eine bessere Handhabung der erwähnten Gesetzesstelle herbeiführen, im schlimmsten Falle scheidet der Schulze aus seinem Amte oder er opfert schon für die Gemeinde 1 Thaler Ordnungsstrafe, weil dieselbe beim Fortschaffen des in ihre Armenpflege nicht unmittelbar gehörenden Armen dennoch besser wegkommt als beim Behalten desselben. Die Organe eines civilisirten Großstaates dürfen es daher für die Folge nicht dulden, daß Arme und Kranke auf die geschilderte Weise verladen werden.

In der Jetztzeit findet sich Niemand bereit, die Beköstigung nebst Wohnung und Wäsche eines Erwachsenen für 5 Sgr täglich herzugeben. Demgemäß wird es Behufs besserer Ausführung des § 28 des Unterstützungsgesetzes vom 6 Juni 1870 als unbedingt nothwendige Maaßregel erachtet, dies Gesetz dahin zu ergänzen, daß gegen denjenigen welcher einen Kranken oder Armen aus einer Ortschaft in die andere, Zwecks der Loswerdung der pflichtmäßig obliegenden Armenpflege wegen schafft, eine Strafe von 100 Thlr oder verhältnißmäßige Haft festgesetzt wird, ferner daß der Armenverband des losgewordenen Armen dennoch verpflichtet bleibt, die sämmtlichen Kur und Verpflegungskosten eines solchen Verarmten der zur Verpflegung durch Zufall hineingerissenen Gemeinde zu entrichten und endlich daß diese Kosten ohne Weiteres im Administrativwege beizutreiben sind. Dadurch würde ein wichtiges Ziel erreicht werden und das Verladen und Wegräumen der Armen und Kranken in kurzer Zeit verschwinden.

So trug es sich zu, im Jahr 1874. (Schreibweise original)

Anmerkung. Ohne explizite Ansätze prüfe ich nicht alle Jahrgänge der Geburten von Gloden, um oben genannten Wilhelm Heinrich zu identifizieren. Wer Hinweise auf jene Person hat, kann dies hier im Kommentarfeld melden oder per Mail (siehe Kontakt) oder als Mitglied der Wollstein-Mailingliste entsprechend in der Liste.

Das Leben eines Landstreichers

Februar 22, 2019

Carl Ferdinand Franz Christian Cords, Büchsenmacher, geboren zu Schönebeck, Sohn des jetzt in Delitzsch angestellten Steuer-Einnnehmers Cords. Alter 29 Jahre, geboren am 21. November 1835, Statur 66´´, schlank, Haar und Augenbrauen blond, Stirn hoch, Augen blaugrau, Nase aufgestülpt, Kinn oval, Bart blonder schwacher Schnurrbart, Gesicht oval gesund. Kennzeichen auf der linken Hand, zwischen Zeigefinger und Daumen eine Narbe.

Seit mehreren Jahren der Landstreicherei ergeben, lebt Cords nur vom Betrug und Betteln. Seine Heimath-Behörde hält ihn für unverbesserlich und bedauert, daß er seinem Vater, einem geachteten Manne, so viel Kummer und Schande gemacht habe. Nachdem Cords früher wegen Bettelns an verschiedenen Orten bestraft und er vergebens wegen müßigen Umhertreibens in die Heimath gewiesen worden war, erhielt er noch folgende Strafen: Im Herbst 1860 zu Strzelno wegen Bettelns und Straßenunfugs mehrere Tage Gefängniß, am 18. September 1860 zu Grünberg in Pr. wegen Landstreicherei 14 Tage Gefängniß, am 20. Oktober 1860 in Eilenburg wegen Bettelns 24 Stunden Gefängniß durch Urtheil des K. Kreisgerichts zu Stettin, vom 18. März 1861 wegen Erregung eines öffentlichen Aergernisses durch Verletzung der Schamhaftigkeit wegen Bettelns, Fälschung von Legitimations- und Führungs-Attesten 5 Monate Gefängniß, laut Urtheil desselben Gerichts vom 5. April 1861 wegen Beleidigung eines Beamten zu Stettin weiter 3 Wochen Gefängniß. Laut Urtheil des K. Landgerichts zu Aachen vom 29. Januar 1862 wegen Bettelns unter Vorspiegelung eines Unglücksfalles 14 Tage Gefängniß, worauf er 9 Monate lang in das Arbeitshaus Brauweiler gesperrt wurde.

Dort erhielt er am 22. Oktober 1862 einen Paß zur Auswanderung nach Amerika; allein er wanderte nicht aus, sondern strich in den meisten deutschen Ländern, Bettelei und Schwindelei treibend umher. Er wurde in Folge dessen ferner bestraft: Am 19. Mai 1863 vom Kurfürstl. Hess. Justizamt Netra wegen Bettelns mit 5 Tagen Gefängniß, am 23. Juni 1863 zu Paderborn wegen Bettelns, Landstreicherei, Führung eines falschen Namens und Fälschung von Legitimationspapieren zu 3 Monate Gefängniß und 1jähriger Einsperrung in das Arbeitshaus Benninghausen.

Hierauf ließ er sich am 16. Oktober 1864 einen Paß zum Eintritt in eine Arbeit zu Crefeld geben, den er aber zur fortgesetzten Landstreicherei benutzte. Er ging über Mayen, St. Wendel und Mainz nach Frankfurt und Offenbach, woselbst er auf Grund falscher Zeugnisse und unter der Rolle eines Taubstummen wahrscheinlich unter dem falschen Namen Oskar Felsenstein aus Schleswig bettelte. Er hatte auf Papier geschrieben, sein Vater, ein Prediger aus Schleswig, sei seiner deutschen Gesinnung wegen, vom Dänenkönig vertrieben worden und jetzt darbe derselbe mit Frau und 6 Kindern in Paderborn. Dieser Betrug scheint ihm viel Geld eingetragen zu haben, denn nach vorgefundenen Notizen hat er die Comité-Mitglieder der Schleswig-Holstein-Vereine aufgesucht.

Eine Familie zu Offenbach hat ihn ganz besonders reichlich an Geld und Kleidern beschenkt. Hierauf kam Cords auch hierher (Gießen) und verkaufte einen zu Offenbach geschenkt erhaltenen Rock für 7 Gulden. Dabei hatte er auf der Herberge geäußert: „bis morgen will ich zwei Röcke dafür haben – in Frankfurt habe ich 27 fl. zusammengeklopft und bin dort nicht eher weggegangen bis sie durchgebracht waren“. Gleich darauf wurde er hier verhaftet. Nachdem man über ihn nähere Erkundigungen eingezogen und ermittelt hatte, daß er in Offenbach auf betrügerische Weise gebettelt, hat man ihn, behufs seiner Bestrafung dorthin transportiren lassen, woselbst er zu einer geschärften Gef. Strafe von 4 Wochen verurtheilt worden ist.

Januar 1865. (Schreibweise original)

Anmerkung. Die Eltern waren Friedrich Wilhelm Cords und Friederike Amalia Eck.

Ausbrecher gesucht

Februar 16, 2019

Ein gewisser Joseph Walter aus dem Dorfe Kolzig in Schlesien, und Johann Friedrich Wilhelm Schulz aus dem Neu-Obraschen Haulande, Bomster Kreises gebürtig, welche Beide der Verübung des Diebstahls beschuldigt worden, sind in der Nacht vom 4. auf den 5. April d. J. (1816) mittelst gewaltsamen Durchbruchs aus dem rathhäuslichen Gefängnisse zu Kosten entwichen.

Das Publikum wird daher auf diese Verbrecher aufmerksam gemacht, und Jedermann aufgefordert, die im nachstehenden Signalement näher bezeichneten Walter und Schulz, im Fall sie sich irgendwo betreten lassen sollten, dingfest zu machen, und an das Königliche Polizei-Besserungs-Gericht zu Fraustadt gegen Erstattung der Kosten abliefern zu lassen.

Signalement.

1) Der Joseph Walter ist 18 Jahr alt, mittler Größe, hat braune Haare, blaue, eingefallene Augen, eine kurze Nase, ein kleines längliches, pockennarbiges Gesicht, trägt einen dunkelgrünen tuchenen Mantel mit einem großen Kragen, unter demselben einen aschgrauen-tuchenen mit flachen gelben Knöpfen besetzten Spenzer, eine blautuchene mit erhabenen Knöpfen besetzte Weste, ein Paar lange blau tuchene Beinkleider, gute kalblederne Stiefeln, ein baumwollenes Tuch auf weißem Grunde mit rothem Quarrees, einen ordinairen Huth, und spricht bloß deutsch.

2) Johann Friedrich Wilhelm Schulz ist mittler Größe, hat braune Haare, blaue Augen, ein glattes hageres Gesicht und eine kurze dicke Nase. Er ist mit einem grün tuchenen Mantel mit einem großen Kragen, einer rothgeblümten kattunen Weste, einem weiß leinenen Halstuch, einem Paar grün tuchenen Beinkleidern mit einem Paar geblümten blauen Tragebändern und kalbledernen Stiefeln bekleidet, und spricht bloß deutsch.

Im Juni des Jahres 1816 befanden sich beide noch auf der Flucht. (Schreibweise original)

Gewitter über Posen

Februar 10, 2019

Schwere Gewitter sind gestern abend und heute in den Morgenstunden hier (Wollstein) und in der Richtung auf Posen zu niedergegangen. Nach einem glühend heißen Tage, der die geistige und körperliche Regsamkeit aller Lebewesen lähmte, zogen abends gegen 8 Uhr schwarze Wolkenmassen über der Stadt auf, und kaum waren die meisten der schnell nach Hause eilenden Ausflügler unter dem schützenden Dache, da prasselte starker Regen herab, und nun folgte Blitz auf Blitz, rollte unaufhörlich der Donner, ein schaurig-schönes Naturschauspiel, das fast ununterbrochen die ganze Nacht bis morgens andauerte.

Den Fluren haben dieselben den langersehnten Regen gebracht. Leider sind dabei eine größere Anzahl schwerer Blitzschäden zu verzeichnen gewesen und mehrere Menschen erschlagen worden. In Schwenten fuhr der Blitz gegen 12 Uhr nachts in das Wohnhaus des Eigentümers Krumrein und äscherte es in kurzer Zeit ein. Die Bewohner konnten mit knapper Not ihr Leben retten. Um 5 ½ Uhr morgens wurde auf der Chaussee Wollstein-Obra ein Ochsengespann des Dominiums Groß Nelke, welches mit Düngerfahren beschäftigt war, vom Blitz getroffen. Die 21jährige Hofegängerstochter Brichey, welche dem einen Ochsen gerade das Joch zurecht rücken wollte, wurde erschlagen, ebenso die beiden Tiere.

Kurze Zeit darauf fuhr ein Blitz in ein Zwölffamilienhaus des Dominiums Berzyn. Dieses und eine daneben stehende Scheune brannten ab. Die hiesige freiwillige Feuerwehr war als eine der ersten auf der Brandstelle erschienen und leistete Löschhilfe. Das weiterziehende Gewitter schlug in Adamowo in die mit Getreide gefüllte Scheune des Eigentümers Opaska ein und legte sie in Asche. Nachrichten über weitere Blitzschäden treffen noch fortwährend ein. So soll auch in Wroniawy ein Mädchen vom Blitz erschlagen worden sein. Die ganze Nacht über rollte der Donner und verbreiteten die Blitze grelles Licht – es war eine Nacht des Schreckens für manche!

Die Temperatur hat sich trotz der reichlichen Regengüsse nur wenig abgekühlt. Auch in Posen dauerten die elektrischen Ladungen die ganze Nacht an. Meldungen über große Hitze liegen auch aus Berlin vor, in dessen Umgebung gestern nachmittag gleichfalls schwere Gewitter niedergingen, bei denen mehrere Personen erschlagen wurden. Ferner liegen Nachrichten über große Sonnenglut aus Hamburg, Frankfurt a. M., München, Stettin, Köln, auch aus dem Auslande, aus Wien, Brüssel, London und Rom vor, wo schwere Unwetter großen Schaden anrichteten.

So geschehen im Juli 1911. (Schreibweise original)