Archive for the ‘Vergangenheit’ Category

Eine unnatürliche Tochter

Juli 31, 2020

Ein geradezu unmenschliches Verbrechen hat unlängst vor der Suprema Corte zu Neapel seinen Abschluß gefunden. In Monopoli in Unter-Italien lebte eine 65jährige Wittwe, Victoria Manfredi, welche sich allgemeinster Achtung erfreute. Dieselbe hatte eine Tochter von außerordentlicher Schönheit. Das junge Mädchen liebte einen Kutscher, wurde auch von diesem wiedergeliebt, doch widersetzte sich die Mutter einer Verbindung, weil ihr die Persönlichkeit des jungen Mannes nach keiner Richtung zusagte. Um Maria von der Idee einer Verheirathung mit einem Kutscher endgiltig zu kuriren, empfahl ihr die Mutter einen anderen Freier, erhielt aber die Antwort von ihrer Tochter, dieselbe werde sicher ihren Genuaro heirathen und nie einem anderen Manne ihre Hand reichen.

Nach dieser Zeit hatte Maria mit ihrem Geliebten mehrere Zusammenkünfte, und wurde dabei gesehen, wie sie zu ihm in den Stall ging. Die Mutter, welcher dies erzählt wurde, überschüttete sie mit Vorwürfen, es kam zu einer sehr erregten Scene und die unnatürliche Tochter faßte den Plan, die eigene Mutter, das Hinderniß ihrer Verheirathung mit dem Geliebten, zu ermorden.

Sie paßte die Gelegenheit ab, bis sie sich mit der alten Frau allein im Hause befand. Sie warf derselben von hinten eine Schlinge über den Kopf, drehte dieselbe zu und riß die Mutter zu Boden. Dann knieete sie auf deren Brust nieder und drehte die Schlinge so lange zu, bis der Alten Schaum und Blut aus dem Munde drangen und sie endlich kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Darauf nahm sie den Strick ab und rief um Hilfe, ihre Mutter habe der Schlag gerührt.

Einige Nachbarinnen kamen herein, legten die Todte auf ein Bett, und nun warf sich die Heuchlerin jammernd und wehklagend über die Mutter. Nach einiger Zeit gab diese aber Lebenszeichen von sich und kam nach und nach so weit zu Kräften, daß sie das Vorgefallene berichten konnte. Maria wollte fliehen, wurde aber sofort festgenommen und von dem Schwurgericht zu 13jähriger Zwangsarbeit verurtheilt. Dieses Urtheil ist von dem obersten Gerichtshof in Neapel bestätigt worden.

Aus dem Jahr 1885. (Schreibweise original).

Duell in Posen

Juli 21, 2020

„Zwei Referendare in Posen haben sich duellirt, weil sie in Streit über die Interpretation einer Gesetzesstelle aus der Wechselordnung waren“.

Die damalige Tagespresse konstatierte augenzwinkernd:

„Wir nehmen an, daß durch das Duell der Sinn der Gesetzesstelle endgiltig ausgemacht worden ist. Damit wäre denn endlich ein Mittel gefunden, streitige Textstellen überhaupt unzweifelhaft zu machen: man schießt ihre Erklärung aus“.

So geschah es im Jahre 1885. (Schreibweise original).

Fünflinge!

April 25, 2020

Von Fünflingen wurde am Sonntag, den 29. September, die Frau des Schusters Heinrich Kay in Lägerdorf bei Itzehoe in Holstein glücklich entbunden. Es ist dies gewiß ein seltener Fall, umsomehr, da Mutter und Kinder – drei Knaben und zwei Mädchen – sich den Verhältnissen nach wohl befinden. Der Vater dieser fünf Sprößlinge hat sich in seiner Noth und Bedrängnis; an die Kaiserin Augusta, welcher er die Pathenstelle zugedacht, gewendet.

Natürlich handelte es sich um ein zu erwartendes bedeutendes Pathen-Geschenk. Die Kaiserin hat auf telegraphischem Wege angeordnet, daß den Kindern zwei Ammen beigestellt werden sollen. Von den Fünflingen ist übrigens ein Mädchen bereits verstorben. Die vier überlebenden sind vollständig ausgebildet und gut proportionirt, auch nicht so klein, wie man es bei einer solchen Anzahl erwarten sollte.

Die Mutter befindet sich wohl. Späteren Nachrichten zufolge waren vier der Kinder gestorben und das fünfte auf dem Punkte, den andern nachzufolgen.

Aus dem Jahr 1878. (Schreibweise original).

Verkommene Individuen

April 11, 2020

Constanz. Gestern Abend fällte das Schwurgericht zwei Todesurtheile gegen Albert Wetzel und Johann Ortlieb von Bermatingen wegen Mordes, Brandstiftung und Betruges. Diese Verbrechen wurden mit seltener Berechnung und Rohheit vollbracht. Wetzel, ein 29jähriger roher Mensch, hatte eine Brauerei in Bermatingen erheirathet und gerieth durch Vergrößerung derselben und weil das Geschäft nicht ging, in mißliche Vermögensverhältnisse. Ein Brand sollte helfen. Da er Entdeckung fürchtete, beschloß er, das Feuer nicht selbst anzulegen, und er fand in dem verkommenen, 49 Jahre alten Schreiner Ortlieb, dem er 300 M. versprach, hülfreiche Hand.

Während Wetzel zur Hunde-Ausstellung nach Ulm verreist war, Anfangs Juli, zündete Ortlieb Nachts das Haus an, welches sammt der Brauerei und Oekonomie gänzlich niederbrannte. Frau Wetzel und zwei Dienstmädchen konnten sich mit Noth retten, ein Knecht kam in den Flammen um, Wetzel hatte sein Besitzthum viel zu hoch versichert und erhielt nicht die erwartete Entschädigung.

Hierdurch und durch den Neubau gerieth er noch mehr in Schulden und nun faßte er den Entschluß, seine Frau wegzuschaffen und eine Heirath einzugehen, durch welche Geld in’s Haus komme. Anfang Februar gab er seiner arglosen Frau mehrmals Arsenik, welchen wieder Ortlieb herbeischaffen mußte. Derselbe erhielt das Gift von einem umherziehenden Rattentödter Namens Allgäuer. Erst mehrere Monate nach dem Tode der vermeintlich an Magenkrämpfen verstorbenen Frau ergaben sich Verdachtsgründe, welche durch die Ausgrabung und chemische Untersuchung bestätigt wurden.

Wetzel wurde in Herdwangen verhaftet, als er mit seiner Braut Besuche machte, um zu der Hochzeit einzuladen, die drei Tage später stattfinden sollte. Auf dem Transporte hierher und im Gefängniß machte Wetzel mehrere Selbstmordversuche; in der Verhandlung leugnete er Alles, während Ortlieb ein umfassendes Geständnis ablegte. Die Verhandlung währte zwei Tage und brachte ein reiches Beweismaterial an’s Licht, welches keinem Zweifel Raum ließ, so daß das Schuldig erfolgte.

Aus dem Jahr 1878. (Schreibweise original).

Einst unschuldig

April 3, 2020

Im November 1879 traten zwei junge Menschen in den Stand der Ehe; die Frau stammte aus Neu Borui, im Kreis Bomst und dort erblickte auch im April 1881 ihr Sohn Johann Carl Heinrich das Licht der Welt. Ein kleines, unschuldiges Kind, hoffentlich von seinen Eltern geliebt – der weitere Lebensweg noch im verborgenen Dunkelnebel.

Das gleiche gilt für ein süßes Mädchen, welches sechs Jahre später geboren und auf den Namen Emma Pauline getauft wurde. Auch ihre Zukunft war zu diesem Zeitpunkt unbestimmt und erst gemeinsam mit Johann Carl Heinrich betrat sie irgendwann einen finsteren Pfad, der nur Unglück offenbarte. Emma Pauline ehelichte einen Herr Schulz – die Ehe wurde durch den Tod des Mannes beendet und auch ihre zweite Heirat mit Herr Reschke währte nicht lange, weil auch jener bald verstarb. Im Jahr 1919 heiratete sie nun den 1879 geborenen Johann Carl Heinrich.

Im Jahr 1935 übernahm Johann Carl Heinrich mit seiner Familie einen Hof in Schermeisel, im Kreis Oststernberg in der Neumark – der ehemalige Besitzer Theodor S. hatte mutmaßlich weiterhin ein Wohnrecht auf dem Anwesen. Das Zusammenleben gestaltete sich als Herausforderung, denn der alte Eigentümer agierte feindselig gegen die neuen Besitzer und hielt sich auch mit Beleidigungen und Schimpfkanonaden in der Öffentlichkeit nicht zurück. Der Streit eskalierte mehr und mehr und auch wirtschaftliche Probleme forderten ihren unausweichlichen, wenn auch höchst unerwarteten Tribut.

So erreichte die Auseinandersetzung im November 1935 ihren Höhepunkt als Johann Carl Heinrich L. in der Nacht Theodor S. auflauerte und erschlug. Im Anschluß gestand er die Tat seiner Frau und beide kehrten zum Tatort zurück, als sie das Opfer zu ihrer Überraschung lebend vorfanden. Hier gab es kein Zaudern, kein Innehalten – mit einem Rucksack wurde Theodor erstickt und die schreckliche Tat vollendet. Sodann versteckte man die Leiche, die nicht ganz zwei Wochen später aufgefunden wurde.

Nach einer weiteren Woche war der Mord bereits von der Berliner Mordkommission aufgeklärt, die Täter überführt, welche auch ein Geständnis einräumten. Im März 1936 wurde Johann Carl Heinrich L. zum Tode und Emma Pauline zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Jahr 1937 wurde Johann Carl Heinrich in Berlin enthauptet; so schließt sich der unerbittliche Kreis. Aus einst unschuldigen kleinen Kindern erschuf das Leben Mörder; wahrscheinlich ist jene Eskalation nuancenartig entstanden, Schritt für Schritt.

Anmerkung. Einige Daten stammen aus der „Zentralkartei für Mordsachen“ – Landesarchiv Berlin. Das dort genannte Geburtsdatum von Emma Pauline L. ist nachweislich inkorrekt; gleichwohl ist es hier an dieser Stelle irrelevant.

Vierlinge!

März 24, 2020

Altenburg. Über die Geburt von vier Mädchen bei dem Maurer Brumme in Nörditz seit mitgetheilt, daß bei der Taufe eine Anzahl Nörditzer Frauen die Pathenstelle übernommen hatten. Die Taufe vollzog der Diakon aus Schmölln. Die Täuflinge lagen, in saubere Bettchen gebettet, in einem Kinderkorb neben einander und waren, um einer Namensverwechslung vorzubeugen, mit der laufenden Nummer (1-4) versehen.

Nach Ausweis der Kirchenbücher ist in der Kirchengemeinde Schmölln, wozu auch Nörditz gehört, seit dem Jahre 1430 keine Geburt von Vierlingen vorgekommen. Bereits zwei von den kleinen Wesen sind gestorben.

Aus dem Jahr 1897. (Schreibweise original).

„Das saubere Bräutchen“

Februar 15, 2020

Ein Berliner Ballokal, an den Litfaßsäulen stets mit fetter Schrift namentlich den Berlin besuchenden Fremden empfohlen, war jüngst in einer Nacht von Sonntag zum Montag der Schauplatz einer recht traurigen Komödie. Am genannten Abend kamen nämlich gegen 12 Uhr drei Herren in den Ballsaal, als gerade die Musik zu dem dort unvermeidlichen Cancan anstimmte und die Damen sich zum Tanzen aufstellten. Schon sollte die erste Tour beginnen und in dichten Reihen hatte sich die nichttanzende Herrenwelt um die Cancanistinnen gestellt, bereit offenherzige und ungenirte Bewegungen in jenem Local längst eine traurige Berühmtheit erlangt haben.

Auch jene drei Herren, welche so eben in den Saal getreten waren, musterten aufmerksam die Balldamen; plötzlich erbleichte aber der Eine und trat auf die am kurzröckigsten und sonst auch ziemlich auffallend costümirte Dame zu, die, Jenen bemerkend, gleichfalls die Farbe wechselte und sich die Hände vor die Augen haltend, mit Blitzesschnelle ihren Tänzer verließ und in den Nebensaal eilte. Hier holte sie der Unbekannte ein, ergriff ihre Hand und riß ihr gewaltsam einen Ring vom Finger, den er mit den Füßen zertrat. Die Dame rief zwar mit flehender Geberde: „Gustav, vergib mir nur noch diesmal!“

Aber Herrn Gustav schien hier eine traurige Entdeckung die Sprache geraubt zu haben. Er antwortete nicht und wurde von seinen beiden Begleitern in eine Droschke gebracht und nach Hause gefahren. Frau Nemesis ließ in jenem Local den nichtsahnenden Herrn seine Braut finden, welche seit etwa drei Monaten mit ihm verlobt war. Das saubere Bräutchen ist die Tochter anständiger Eltern in der Gollnowstraße. Unter dem Schleier der Nacht liefert die Kaiserstadt manches trübe Lebens- und Sittenbild, das häufig erscheint, als wäre es nach Pariser Muster zugeschnitten.

Aus dem Jahr 1873. (Schreibweise original).

Der Bergarbeiterstreik von 1889

Januar 12, 2020

Ueber die Entstehung des großen Bergarbeiter-Streiks im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier, an welchem an 100,000 Bergleute theilnahmen, heißt es: Die Bewegung ist aus sich selbst heraus als eine wirtschaftliche Frage entstanden. Seit Jahren kämpfen im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier die Bergleute öffentlich für die Verbesserung der Knappschaftskasse, die leider vielfach als ein Muster-Institut hingestellt wird. Hier ist der Zündstoff zu suchen, der seit Jahren sich angehäuft hat. Im März und April des Jahres fanden Delegirten-Berathungen vieler Knappen-Vereine in Essen statt, zur Berathung der Reform der Knappschaftskasse.

Im Laufe der Debatte kam auch die Lohnfrage zur Sprache, und man einigte sich dahin, die Frage in den einzelnen Vereinen zu discutiren. Man kam bei den weiteren Besprechungen überein, insbesondere eine Lohnerhöhung von 15 Proc. und die 8stündige Schicht (einschließlich Ein- und Ausfahrt) zu fordern. Diese Forderungen sollten auf einem für den 2. Juni d. J. in Dorstfeld angesetzten Delegirtentage berathen und dann ordnungsmäßig bei den Zechenverwaltungen vorgebracht werden. Hier und da war in einzelnen Versammlungen und Vereinen von Streikern die Rede, indeß die Mehrheit entschied sich überall sofort dagegen, und die katholische Presse insbesondere warnte entschieden vor solchem Beginnen. So standen die Actien noch Freitag vor acht Tagen und keiner der Führer der Bewegung hat das Kommende geahnt.

Plötzlich forderten am Samstag vor acht Tagen auf Zeche Hibernia etwa 60 Schlepper und Pferdetreiber Lohnerhöhung. Die Zechenverwaltung gab den Leuten die Abkehr. Diese fingen an zu scandaliren und stießen mit der requirirten Polizei zusammen. Dieses Vorgehen der Polizei machte die Streikenden aufgeregt, sie zogen nach Zeche Pluto, veranlaßten dort eine Anzahl Schlepper und Pferdetreiber zu gleichem Vorgehen und zogen dann in die Stadt Gelsenkirchen, wo vornehmlich durch einen Revolverschuß ans einem Geschäftshause die Scandalscenen sich entwickelten. Es wurde Militär requirirt, der Stein war in’s Rollen gebracht, und sofort streikten die ganzen Belegschaften von Hibernia, Pluto und den angrenzenden Zechen.

Nunmehr trat die Frage an die Bergleute: sollen wir die Kameraden bei Geilenkirchen im Stich lassen, oder im kameradschaftlichen Interesse sofort gemeinschaftlich vorgehen? Diese Frage führte dazu, daß eine Belegschaft nach der andern niederlegte, daß also etwas ausgeführt wurde, was nicht geplant war. Die Bergleute haben sich dadurch formell durch einen Contractbruch ins Unrecht gesetzt. So ist der wahrheitsgetreue, chronologische, ursächliche Zusammenhang des Streikes, der tausende und aber tausende Familien in Noth zu stürzen droht und unsägliches Leid über unser Vaterland gebracht hat und weiter bringen wird.

Mai 1889. (Schreibweise original).

Turnunterricht in Wollstein

Dezember 16, 2019

Königliche Realschule und Progymnasium zu Wollstein. Bei 6 Klassen waren 4 Abteilungen vorhanden – 3 Stunden waren in jeder Abteilung für den Turnunterricht angesetzt. Bei günstiger Witterung wurde auf dem Schulhof, sonst in der auf dem Schulgrundstück gelegenen Turnhalle geturnt. Außer dem zweimaligen wöchentlichen Pausenturnen wurden Freiübungen, Dauerlauf, Marsch- und Ordnungsübungen vorgenommen. Im Winter wurde das Turnen bisweilen durch Eislauf ersetzt.

Ein freiwilliger Spielnachmittag war nicht eingerichtet. Wohl aber hatten sich 24 Schüler der mittleren und unteren Klassen der ganzen Anstalt zu einem Schlagballverein zusammengefunden und spielten Montags und Sonnabends auf dem Viehmarkt. Dagegen beteiligten sich nur wenige an der Jugendpflege und keine am Wandervogel. Ein Schauturnen fand am 15. Juni (1913) statt.

Größere Märsche, außer denen am Schulspaziergang, unternahmen die Turnlehrer nicht. Wohl wurde aber selbst im Winter, oft statt des Unterrichts in der Turnhalle, eine Stunde oder länger in den Wäldern der Umgegend marschiert. Von 23 Schülern, die ihre Fähigkeiten im Freischwimmen vor den Turnlehrern Dr. Fischer und Blümel darlegten, waren 8 im letzten Jahre Freischwimmer geworden.

Aus dem Jahr 1913. (Schreibweise original).
Fortsetzung: Errichtung eines Bootshauses in Wollstein

Gefährliche Kinder?

Dezember 12, 2019

Der Erlaß vom 12. Februar 1906 betreffend das Verhalten der Kinder den Kraftwagen gegenüber wird in Erinnerung gebracht. Besonders wird gewarnt vor Werfen mit Sand, Steinen und anderen Gegenständen, wodurch nicht nur der Lenker und die Insassen, sondern auch andere Personen in der Nähe gefährdet werden, wenn der Lenker die Herrschaft über das Fahrzeug durch Verletzung an Händen und Augen verliert.

Aus dem Jahr 1913. (Schreibweise original)

Von einem Schulausflug. Akt III.

November 29, 2019

Am 16. Juni (1914) fand der Schulausflug statt. Untersekunda und Obertertia fuhren über Kolzig-Schlawa nach Glogau, wo zuerst ein Rundgang durch die Altstadt angetreten wurde. Im Rathause erregte neben anderem besonderes Interesse, das große Knötelsche Gemälde: Übergabe von Glogau an die Verbündeten im Jahre 1814. Nachdem man in der schönen schattigen „Plantage“, einem städtischen Wirtshaus mit Garten, das Mittagsmahl eingenommen hatte, wurde ein Abstecher nach der 3 Kilometer entfernten Gurkauer Höhe gemacht. Der Rückweg führte durch die reizvollen, südlich der Stadt auf dem ehemaligen Festungsgelände geschaffenen Anlagen. In einer Konditorei auf dem Markte wurde Kaffee getrunken, dann noch ein Blick auf die Oder und die Hafenanlagen geworfen, und dann die Rückfahrt angetreten.

Untertertia, Quarta und Quinta fuhren 7,30 Uhr nach Deutsch-Wartenberg. Von hier wanderten sie zu Fuß etwa eine Stunde nach dem Dorfe Bobernig. In dem Gasthofe zur Bergmühle fanden sie gute Unterkunft. Dieses ist auf luftiger Höhe gelegen, mit prächtiger Fernsicht bis nach Neusalz. Nach mancherlei Spielen begab man sich nach dem über dem Odertal gelegenen Schloßberge. Um 9 Uhr langten dann von Deutsch-Wartenberg aus alle Teilnehmer des Ausflugs in der Heimat an.

Das Ziel der Serta war Rakwitz. Auf der Hinfahrt wurde die Bahn bis Rothenburg benutzt, und von dort nach Rakwitz durch den Wald marschiert. Daran schloß sich die Besichtigung des Marktes und der beiden Kirchen. Im Fuchs´schen Garten füllten turnerische Übungen, Spiele und eine kleine Verlosung des Tag trefflich aus.

Aus dem Jahr 1914. (Schreibweise original).

200 Jahre Bestehen von Stodolsko/Friedheim bei Wollstein

November 20, 2019

Das kleine Dorf Friedheim im Kreise Wollstein kann auf sein 200jähriges Bestehen zurückblicken. Unweit des Fleckens Rothenburg an der Obra liegt es etwas abseits von der Durchgangsstraße Wollstein-Posen. Ein echtes, altes deutsches Bauerndorf, die Höfe weiträumig mit ihren schönen Bauerngärten, dazu die Lauben mit den Blumenbeeten und den Fliederbüschen. Etwas traumverloren auf den ersten Blick und doch überall voll von pulsierendem Leben. Die Bauern, die dort leben, sind wettergebräunt, die Hände voll Schwielen, ein Beweis für die Mühe und Arbeit, die es kostet, dem etwas kargen Boden abzutrotzen, was zum Leben notwendig ist. Und doch sind sie zufrieden und glücklich darüber, daß ihre Wiege gerade hier gestanden hat, und um keinen Preis würden sie von ihrer Scholle weichen. Echtes deutsches Bauerntum, sturmfest und erdverwachsen.

Das haben sie fürwahr in den nunmehr vergangenen 200 Jahren unter Beweis gestellt. Mit berechtigtem Stolz erzählt uns der Ortsvorsteher Siegismund von dem ersten Hof, den der Bauer Johann Schulz, urkundlich nachgewiesen, am 20. Februar 1742 im jetzigen Friedheim gegründet hat. Aber Johann Schulz kam nicht allein. Gleichzeitig bzw. durch eine Vermittlung beteiligten sich „urkundlich unter Unserer hiesigen Südpreußischen Regierung gewöniglichen Unterschrift und größerem Zusigel“ an der Landnahme die Wirte Christoph Clement, Andreas Igel, Christian Zerbe, Samuel Großmann, Gottfried Margwart, Christoph Lindner, Gottfried Zerbe, Gottlieb Schulze, Gottfried Jaensch, Christoph Nieschalke, Johann George Jaensch, Samuel Seyfert und Gottfried Schulze. Von diesen sitzen noch die Familien Zerbe, Lindner, Jaensch und Igel sippenmäßig auf dem Hof.

Die Stürme der Zeit sind an dem kleinen Dörfchen nicht spurlos vorübergegangen, doch hat es sein deutsches Gesicht bis auf den heutigen Tage gewahrt. Bis zum Beginn des Weltkrieges 1914/18 gingen 140 Morgen Ackernahrung verloren. Der Weltkrieg forderte von der an sich kleinen Gemeinde ein merkliches Opfer. Es fielen damals auf dem Felde der Ehre Adolf Clement, Paul Jaensch, Heinrich Müller, Otto Lindner und Wilhelm Zerbe. „Blut muß versinken, damit uns Erde zur Heimat werde“! Mit diesen Worten werden heute gelegentlich der Dorfgründungsfeier fünf Eichen gepflanzt werden, zum ewigen Andenken.

Aus dem Jahr 1943. (Text zum Großteil original).

Von einem Schulausflug

November 6, 2019

Am 20. Juni unternahm die gesamte Anstalt (Königliche Realschule und Progymnasium zu Wollstein) einen Ausflug nach Tschichertzig. Um 5 Uhr morgens wurde der nach Züllichau abfahrende Zug bestiegen. Unter klingendem Spiel und wehender Fahne ging es durch die eben erwachende Stadt und von dort nach dem Ziel des Ausflugs. Bald nahmen die kühlen Räume des Hotels „Zum grünen Baum“ die ermattete Schar auf, die sich dort an Getränken und mitgenommenen Mundvorräten erquickten. Darauf wurde von den Klassen VI bis IV ein Spaziergang nach den Oberweinbergen unternommen, während die übrigen Klassen mit dem Motorboote nach dem Grünberger Oderwald fuhren.

Um 1:30 Uhr trafen alle zu einem gemeinschaftlichen Mittagessen zusammen. Nach einer kurzen Ansprache des Direktors, die mit einem Kaiserhoch endete, wurde der Rückweg angetreten. Kurz vor Besteigen des Zuges wurden die Teilnehmer noch von einem Regenschauer getroffen, und froh und wohlbehalten, wenn auch durchnäßt, langten sie um 6 Uhr in der Heimat an.

Aus dem Jahr 1912. (Schreibweise original).

Eine Rekordgans und Erben gesucht

September 14, 2019

Von einer Rekordgans

Bomst. Daß Gänse ein hohes Alter erreichen, wenn sie nicht vor der Zeit dem Messer der Köchin zum Opfer fallen, dürfte bekannt sein. Den Rekord in der Erreichung eines höheren Alters wird jedoch sicher eine Gans aufgestellt haben, die dieser Tage bei dem Besitzer M. krepiert ist und die nach dessen durchaus glaubhafter Angabe das für eine Gans sehr stattliche Alter von 37 Jahren erreicht hat.

Aus dem Jahr 1910. (Schreibweise original)

Erben gesucht

Schneidermeister-Eheleute Gottlieb Friedrich Herkt und Anna Rosalie, geb. Marsitzke aus Kreutz oder Ruden, Post Schwenten und, der Johann Friedrich Herkt von dort sind vor etwa 50 Jahren wohin unbekannt verzogen. Diese Personen oder ihre Erben werden ersucht, sich bei dem Königlichen Amtsgericht Unruhstadt oder bei dem Unterzeichneten zu melden.

H. Kurz. Pfleger.

Aus dem Jahr 1911. (Schreibweise original)

Ehekreuz

August 29, 2019

Nach einer 26 jährigen Geduld – finde ich mich endlich in die Nothwendigkeit versetzt – der Geduld einmal die längere Herrschaft über mich zu entsagen und mache hiermit dem Publikum bekannt, daß meine Frau Maria, eine geborne Reiter, sich so beträgt, daß ich nicht länger für ihr Betragen verantwortlich seyn kann und will. Ich werde daher Niemanden mit meiner Habe verantwortlich seyn, der durch ihre ungezähmte Zunge beleidigt und gekränkt, sich veranlaßt finden sollte, den Arm des Gesetzes gegen sie im Anspruch zu nehmen und sie mag, so oft sie es verdient, die von den Gesetzen auferlegte Strafe selbst ertragen, indem ich hiermit jederman erkläre, daß ich mich ihrer durchaus nicht annehme, und keine daraus erwachsenden Unkosten bezahlen werde.

Da sie ferner mir den als ihrem Ehemanne gesetzlich schuldigen Gehorsam versagt, mein Haus und Geschäft so oft verläßt als ihr gefällt – so untersage und warne ich hiermit jederman ihr nichts auf meinen Namen zu leihen oder borgen, indem ich von heutigem Dato an – nichts davon bezahlen werde. Meine Freunde, die mich kennen, wißen wie schmerzlich es mir geworden, obige Erklärung zu machen; allein sie wissen auch, daß die Noth um mein mit saurem Schweiße errungenes Eigenthum zu sichern, mich dazu gezwungen haben.

Philipp Reichardt, September 1835

Da mein Weib Doretha, geborne Mutschelknaus, ohne Grund und Ursache mein Tisch und Bett verlaßen hat, so warne ich hiermit jederman ihr nichts auf meinen Namen zu borgen oder leihen, in dem ich nichts für sie Bezahlen werde. Da sie schon verschiedene Mal von meinen Geräthschaften wegschleifte, so Warne ich hiermit jederman nichts von ihr abzunehmen oder Kaufen, indem ich sie sonst gesetzlich belangen werde.

J. Gerber, September 1835

(Schreibweise original)

Ein Schalk zu Schalke trieb ein Schalk

August 26, 2019

Zu Schalke hat ein Schalk die Schalker auf folgende Weise in den April geschickt. Die „Schalker Zeitung“ brachte nämlich am 1. April Nachmittags die telegraphische Nachricht, daß der König der Belgier per Extrazug um halb sieben Uhr eintreffen werde, um die Glas und Spiegel-Manufactur zu besichtigen. In hellen Haufen trabte nun alles, was eben Zeit hatte, kurz nach sechs Uhr zum Bahnhofe: Bergleute und Arbeiter, mit frischen Ehemisetten und rothen Plüsch-Pantoffeln, Handwerker und Schülerinnen, Alle gingen zum Bahnhofe, um den „König der Beiger“ zu sehen.

Ein Bürger, Präses eines Vereins, soll sogar sich eiligen Schrittes zum Amte begeben haben, die polizeiliche Genehmigung nachzusuchen, mit den Vereins-Mitgliedern vor dem „König der Belgier“ Spalier bilden zu dürfen. Mit Ungeduld harrte die Menge auf die Ankunft des Extrazuges. Wer aber nicht kam, war der Monarch. Die Schalker waren einfach in den April geschickt, und mit langen Gesichtern kehrten die Gefoppten, als es bereits dunkel geworden war, nach Hause zurück.

Aus dem Jahr 1879. (Schreibweise original)

Alteingesessen

August 1, 2019

Volle 95 Jahre auf einer Stelle gewohnt zu haben und dann ausziehen zu müssen, ist gewiß schmerzlich. Dies passirte einer 95 Jahre alten Frau Dreier in der Schlachterstraße zu Hamburg. Die Matrone war in jenem Hause geboren, confirmirt, getraut, hatte Eltern und Mann verloren und hoffte, daselbst auch zu sterben.

Indeß mußte die Wohnung wegen Baufälligkeit geräumt werden. Die alte Frau verließ natürlich schweren Herzens das alte traute Heim.

Aus dem Jahr 1882. (Schreibweise original)

Gesucht wird

Juli 29, 2019

Harte Menschen schufen die Hauländereien

Juli 19, 2019

In den ersten Jahrhunderten der Neuzeit erlebte gerade das Wartheland eine neue gewaltige Siedlerwelle, die sogenannte zweite Kolonisation, die vom Ende des 16. bis weit in das 18. Jahrhundert hinein den größten Teil der hier vorhandenen ländlichen Siedlungen geschaffen und auch weit über die Grenzen des Warthelandes gewirkt hat. Eine gewaltige Volkswanderung von Niederländern angestoßen, dann hauptsächlich aus Pommern, der Neumark und auch aus Schlesien gespeist, hat – im wesentlichen aus Antrieben des Volklebens, ohne fördernde staatliche Eingriffe – die meisten deutschen Siedlungen der Grenzmark und des Warthelandes und die Volksinseln der Lubliner und Cholmer Landes sowie weiter bis ins einstige Sowjetwolhynien hinein entstehen lassen.

Alle diese deutschen Dörfer sind auf Böden entstanden, die sowohl die Polen als auch die vorangegangenen mittelalterlichen deutschen Siedler verschmäht hatten, in den sumpfigen Niederungen der Weichsel, Netze und Warthe, auf den kargen Sandflächen, besonders im Norden und Westen des Warthelandes, in dem dichten Urwald, der einst das heutige Litzmannstadt umgab. Auf diese Böden, riefen die polnischen Grundherren, um von ihnen Nutzen zu ziehen, deutsche Siedler, Holländische und friesische Niederungsbauern, die ihre umkämpfte Heimat im 16. Jahrhundert verließen, gaben in Ostpreußen und dem Danziger Werder die ersten Vorbilder und drangen von dort als Siedler und Deichbauern bis in die Warschauer Gegend vor. Auf sie gehen – mittelbar oder unmittelbar – die großen deutschen Niederungsdörfer der Kreis Hermannsbad, Leslau und Waldrode zurück, angefangen mit dem 1606 gegründeten Slonsk bei Hermannsbad.

In der gleichen Zeit trieb das Bestreben pommerscher und märkischer Adliger, Bauernhufen in Gutsland zu verwandeln und die Bauern erbuntertänig zu machen, diese oft über die Grenze, wo die polnischen Großgrundbesitzer Menschen suchten, die ihre Wälder rodeten und nutzbar machten. Wie in der mittelalterlichen Siedelzeit gründeten nun deutsche Schulzen auf neugerodetem Land deutsche Dörfer, die sogenannten Schulzendörfer, in der Grenzemark und dem Nordwesten des Posener Landes. Die beiden Siedlerströme begegneten sich und verschmolzen miteinander: Die Pommern und Neumärker nahmen Rechtsformen, Wirtschaftsart und Siedlungsweise der Niederländer an und auch nordschlesische Siedler folgten ihrem Beispiel.

Der Name „Holland“ bürgerte sich für solche Siedlungen ein, vom Volksmund bald in „Hauland“ sinnvoll abgewandelt..

Aus dem Jahr 1943. (Schreibweise mehrheitlich original; jedoch die NS-Ideologie der damaligen Zeit entfernt und dem aktuell herrschenden System angepaßt)

In dem der Archiv Wollstein-Mailingliste ist der komplette Artikel als PDF-Dokument abrufbar.

Der neue Standort der Wollstein-Mailingliste ist hier zu finden: https://groups.io/g/Wollstein

Das Zugunglück von Kohlfurt (Schlesien)

Juli 3, 2019

Dem von Breslau nach Berlin fahrenden Schnellzuge fuhr gegen 1 Uhr nach Mitternacht auf dem Bahnhofe zu Kohlfurt eine Rangirmaschine in die Flanke. 5 Todte, 3 schwer Verwundete. Materialschaden bedeutend.

Getödtet sind folgende fünf Passagiere:
1) Herr Hermann Schäfer aus Beuthen (Oberschlesien),
2) Herr Apothekenbesitzer Feodor Wiener aus Berlin, Kurstr. 34 35,
3) Herr Gustav (eher Christoph) Friedrich von Kardorff aus Breslau (Sohn des bekannten Abgeordneten Herrn von Kardorff),

4) Herr Rittmeister v. Böhm aus Lyck,
5) Herr Dr. jur. Paul Wolff aus Berlin, Behrenstr. 43 44.

Verletzt, jedoch nicht lebensgefährlich, sind drei Personen, ein Passagier und zwei Bahnbedienstete:
1) Herr v. Koczytzki, Lichterfelde,
2) der Lokomotivführer Tenner aus Breslau und
3) der Lokomotivheizer Zippel aus Breslau.

Das Unglück geschah am 19. Oktober 1891. (Schreibweise original)