Archive for the ‘Vergangenheit’ Category

Gaststätte Schwanenweiher niedergebrannt

April 23, 2019

Großfeuer in den Morgenstunden des Montags vernichtet Posener Gartenlokal. In den frühen Morgenstunden des gestrigen Montags wurde die reizvoll am Schwanenweiher in Kuhndorf gelegene Gaststätte „Schwanenweiher“ von einem Großfeuer heimgesucht, das die wichtigsten Gebäudeteile dieses beliebten Ausflugslokals restlos vernichtete.

Als der Löschzug der Wache 2 der Posener Feuerschutzpolizei an der Brandstelle eintraf, standen der mittlere Fachwerkbau sowie die Veranda in ihrer ganzen Ausdehnung in Flammen, so daß sofort Großalarm gegeben wurde. Die Bekämpfung des Brandes, an der sich daraufhin weiter die Löschzüge 1 und 6 beteiligten, wurde mit 9 C- und 5 B-Rohren vorgenommen. Das benötigte Löschwasser wurde dem Teich entnommen. Trotz schnellsten und umsichtigsten Einsatzes konnten nur der linke und rechte Flügel der Gaststätte vor der Vernichtung bewahrt werden; der mittlere Teil, die Veranda und ein Teil der Wirtschaftsanlagen sind dem Feuer leider zum Opfer gefallen.

Sofort nach Bekanntwerden begaben sich der höhere SS- und Polizeiführer Warthe, SS-Obergruppenführer Koppe, Oberbürgermeister Dr. Scheffler und Polizeipräsident von Malsen-Ponickau an die Schadensstelle. Die Gaststätte „Schwanenweiher“, die städtischer Besitz ist, war eins der wenigen, landschaftlich wirklich reizvoll gelegenen, bequem zu erreichenden Gartenlokale der Gauhauptstadt.

Oberbürgermeister Dr. Scheffler hat noch am Montagvormittag angeordnet, daß alles getan werden soll, um möglichst bald wenigstens einen provisorischen Wirtschaftsbetrieb am Schwanenweiher einzurichten, um der deutschen Bevölkerung diese schöne Erholungsstätte am Stadtrand wieder zugänglich zu machen. Der Ausfall der Gaststätte wird hoffentlich also nur vorübergehend sein.

16.06.1942 (Schreibweise original)

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100 Jahre Pelzwarenhaus in der Stadt Posen

April 12, 2019

Posener Geschäft 100 Jahre alt. Inhaber gleichzeitig 50 Jahre im Beruf. Das bekannte Pelzwarenhaus B. Schulz, Leo-Schlageter-Straße 16, begeht am 1. April die seltene Doppelfeier des 100 jährigen Geschäftsjubiläums und des 50 jährigen Berufsjubiläums. Von Johann Gottlieb Schulz im Jahre 1840 gegründet, führte nach dessen Tode der Vater des jetzigen Inhabers Carl August die Firma weiter, übergab sie 1871 seinem Bruder Hermann, übersiedelte nach Leipzig und gründete dort Brühl 45 eine Rauchwarenhandlung, wo auch der jetzige Inhaber Benno Schulz aufgewachsen ist.

1890 trat der jetzige Inhaber in die Lehre, zuerst um den Rauchwarenhandel und sodann um das Kürschnerhandwerk zu erlernen. Im Jahre 1899 übernahm er die Leitung der Firma, um sie 1902 käuflich zu erwerben. 41 Jahre hat Herr Schulz, der Weltkriegsteilnehmer ist, das alte Familiengeschäft durch alle Fährnisse, Krieg, Inflation und Polenherrschaft sicher gesteuert und die führende Stellung im Pelzhandel behauptet. Wir wünschen dem Jubilar noch eine recht lange erfolgreiche Tätigkeit.

Aus dem Jahr 1940. (Schreibweise original)

Wie die Hauländereien im Kreis Grätz entstanden

April 3, 2019

Während Polen im 16. und 17. Jahrhundert den Protestantismus bekämpfte und daher den hier ansässigen Deutschen viele Rechte verlorengingen, zeigte es sich neuen Einwanderern gegenüber von großer religiöser Duldsamkeit und versprach den einwandernden Bauern die persönliche Freiheit, die sie in der Heimat nicht besaßen. So kamen zuerst die Böhmischen Brüder in dieses Land und gründeten 1547 Lissa, auch nach Bentschen kamen sie, dann die unter religiösem Druck abwandernden Holländer, die sich von der Weichselniederung, in der sie zuerst angesetzt wurden, weiter nach Süden zogen, wo sie 1593 im Warthegau ihre ersten Siedlungsplätze schlugen. Seit 1550 kamen auch brandenburgische und pommersche Bauern ins Wartheland.

Je nach ihrer Herkunft hatten die Zugewanderten eine andere Art zu siedeln. Entweder lebten sie in geschlossenen Schulzendörfern, die auf schon kultiviertem Boden bestanden, wie die Brandenburger und pommersche Bauern, oder sie errichteten sich wie die Holländer Einzelhöfe in Sumpf- und Waldgebieten, die sie allmählich urbar machten. Entsprechend ihrer schweren Arbeit erhielten sie mehr Freiheiten und Rechte; mußten aber auch Besitz und Vermögen mitbringen und waren daher wohlhabender als die Bewohner der Schulzendörfer. In späterer Zeit waren nicht mehr alle Bewohner der Holländereien Holländer. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Bezeichnung „Holländer“ in „Hauländer“.

In der Umgebung von Tirschtiegel wurden die Hauländer zuerst geduldet und später mit Privilegien ausgestattet. Durch Zuzug entstand in Tirschtiegel eine deutsche Neustadt, und im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde die Stadt vorwiegend deutsch. Auch in und um Kirschneustadt (Neustadt/Pinne) setzten sich deutsche Kolonisten fest, und seit 1672 siedelten hier vor allem Sachsen, Lausitzer, Schlesier und später Bauern aus der Neumark und allmählich entstanden immer mehr Hauländereien um Neustadt, die nach Birnbaum eingepfarrt wurden. 1709 erhielten Roßfelde, später Jägersheim ein Privilegium vom Grafen Opalenski, die Hauländerei Ziegenkrug entstand aus einem Gasthaus, das der Sage nach vom Grafen Opalenski errichtet wurde – als Dank für die Errettung aus dem Urwald, in dem er sich auf der Jagd nach einem Hirsch verirrt hatte.

Die Hauländer hatten an den Grundherrn einen jährlichen Pachtzins zu zahlen, der in Bentschen zehn Taler für die Hufe = 30 Morgen, die jeder Hauländer zugeteilt erhielt; in Alttomischel sechs Taler, dazu noch zwei Taler für freie Hütung des Viehs im Walde, betrug. Während der ersten sieben Jahre wurde der Pachtzins erlassen, dann versuchten die Hauländer Geld zu verdienen und stellten Pottasche, Holzkohle, Holzteer, Mulden, Schaufeln, Tröge, Schwingen, Brechen u. a. m. aus Holz her. Der Wohlstand setzte erst Ende des 18. Jahrhunderts durch den Hopfenanbau ein, den die Bauern von den Hussiten um Zisker Hauland gelernt hatten.

Seit 1750 wurden die Freiheiten und Rechte der Hauländer stark beschnitten und sie erhielten an Stelle der verbrieften Selbstverwaltung Schulzen, die immer mehr die Wünsche der Grundherren in den Vordergrund stellten. Im Zusammenhang damit zogen mehrere Bauern gemeinsam aus den Kreisen Grätz und Wollstein in die Wälder von Kalisch ab.

E. Schulemann, 1945.

Fahnenweihe des Kriegervereins Wollstein & 3. Kreiskriegerverbandsfest in Wollstein. Teil II.

März 18, 2019

Fortsetzung von Teil I.

Mit einem poetischen Glückwunsch überreichte danach Frl. Bongscho ein von den Damen gestiftetes Fahnenband und die Vertreter einer größeren Anzahl Vereine Fahnennägel. Auch vom Provinzial-Landwehrverband, dem Kreiskriegerverbande, dem Landwehrverein Grätz, Herrn Landtagsabgeordneten v. Wentzel waren Fahnennägel gestiftet worden. Gesang des Seminar-Chors beschloß die wirkungsvolle Feier.

Nun setzte sich der imposante Zug, der 25 Kriegervereine mit 22 Fahnen und über 1000 Mitglieder umfaßte, wieder in Bewegung, durchzog die Posener, Fraustädter, Bergstraße und gelangte über den Markt gegen 2 ¼ Uhr nach dem Schützengarten, wo die verschiedenen Trinkstätten von den in der Sonnenglut fast verschmachteten Teilnehmern gestürmt wurden. Um 3 Uhr begann das offizielle Festessen im Saale des „Viktoria-Hotels“, an dem etwa 100 Herren teilnahmen. Den Kaisertoast brachte hier Herr Landtagsabgeordneter v. Wentzel-Belencin aus, den Dank der Gäste stattete Herr Landrat v. Pommer-Esche aus Grätz ab, während Herr Hauptmann Lämmerhirt den städtischen Vertretern für ihr Erscheinen und für die pekuniäre Beihilfe zu dem Fest dankte, worauf Herr Beigeordneter Krause erwiderte und auf den Festverein sein Glas leerte.

Das Essen, bei dem die Rawitscher Regimentskapelle konzertierte, nahm dank der guten Speisen und Getränke, einen animierten Verlauf. Inzwischen war ½ 5 Uhr geworden und die höchste Zeit zum Beginn des großen Gartenkonzertes im Schützenhause, zu dem sich ungezählte Besucher eingefunden hatten, sodaß sich bald ein toller Trubel entwickelte, in dem leider manch schönes Musikstück der braven Fünfziger verloren ging. Nach dem Regen wurde das Konzert fortgesetzt und beendet und das Fest mit dem üblichen Tänzchen beschlossen, das erst in früher Morgenstunde sein Ende fand.

Die Fahne ist aus der Fahnenfabrik in Bonn am Rhein hervorgegangen und zeigt auf der Vorderseite von blauem Sammet den Namen des Vereins in Seidenstickerei, auf der Rückseite von weißem Atlas die Germania ebenfalls in Seidenstickerei. Auch das kostbare Fahnenband hat die Bonner Fahnenfabrik geliefert.

1910. (Schreibweise original)

Der Zeppelin läßt auf sich warten…

März 12, 2019

Die vielen Verehrer Zeppelins, die sich bereits für die Fahrt nach Breslau gerüstet haben, um das Luftschiff, sei es in seinem stolzen Fluge oder gar gelandet, zu sehen, werden ihre Ungeduld noch einige Zeit die Zügel anlegen müssen, da die Fahrt Friedrichshafen-Wien-Dresden verschoben ist. Durch die Presse geht nämlich folgende Meldung: Wie die Luftschiffbau-Gesellschaft Zeppelin mitteilt, haben die Versuchsfahrten mit dem „Z. 6“ mit verschiedenen Neuerungen notwendige Aenderungen ergeben.

Der Zeppelin über Berlin

Es erscheint dem Grafen Zeppelin deshalb vorsichtiger, eine Fernfahrt nicht zu unternehmen, bis noch eine gründlichere Erprobung erfolgt ist. Die Fahrt nach Wien und Dresden muß daher zurzeit abgesagt werden. Graf Zeppelin selbst teilte der Redaktion der „Wiener Neuen Freien Presse“ mit, daß der Motor des Luftschiffes nicht einwandfrei funktionierte und er die Reise nicht unternehmen kann, da er für den Erfolg nicht einstehen könne. Vor dem Spätherbst könne er jedenfalls nicht daran denken, die Reise nach Wien anzusetzen.

Die Zeitungen gaben bereits ausführlichste Ratschläge, wo man das Schiff am besten beobachten könne. Der Kommandant der Luftschifferabteilung sandte gestern nachmittag einen genauen meteorologischen Bericht nach Friedrichshafen. In Hofkreisen will man wissen, Fürst Fürstenbergs Reise nach Berlin hänge mit der Angelegenheit zusammen. Kaiser Wilhelm wünsche selbst bei Zeppelins Ankunft in Wien zugegen zu sein. Der Zeitpunkt der künftigen Fahrt sei schon bestimmt.

Graf Zeppelin & Kaiser Wilhelm II.

Im Juni 1910. (Schreibweise original)

Chronologie

Der Zeppelin kommt

Lotterie für Graf Zepplin

Fahnenweihe des Kriegervereins Wollstein & 3. Kreiskriegerverbandsfest in Wollstein. Teil I.

März 3, 2019

Ein schönes Fest liegt hinter uns. War es auch nicht ganz von der Ungunst des Wetters verschont, so vermochte der zwischen 6 und 7 Uhr hereinbrechende plötzliche Gewittersturm- und Regen die Tausende, welche den Schützenhausgarten bis auf den letzten Platz gefüllt hatten, nicht zu vertreiben und das Fest vorzeitig zu beenden; man suchte Unterschlupf in gedeckten Räumen, so gut es eben ging und genoß, als die Gewitterwolken vorüber gezogen waren, die nach dem Regen doppelt schöne Juniluft in vollen Zügen, bis spät in die Nacht hinein. Die Hunderte aber von Kriegern, welche aus allen Teilen des Kreises und von weiter her zusammengekommen waren, um die Fahnenweihe des hiesigen Vereins und das 3. Kreiskriegerverbandsfest feiern zu helfen, sie werden hoffentlich vollbefriedigt heimgekehrt sein und gern an die schönen Stunden zurückdenken, die ihnen in unserer guten Stadt Wollstein geboten wurden.

Unserm nachstehenden Bericht über den Verlauf des Festes behalten wir uns vor, einen ausführlicheren folgen zu lassen. Schon am Tage vorher hatten die Straßen der Stadt ihr Festkleid angelegt. Drei große Ehrenpforten waren errichtet worden, Fahnen und Wimpel, Girlanden und Laubbäume grüßten die Festteilnehmer, die am Festmorgen mit den zwischen 10 und 11 Uhr eintreffenden Eisenbahnzügen, oder auf mit Maien geschmückten Leiterwagen angekommen waren. Vom Bahnhof aus wurden sie alle gegen 11 ¼ Uhr eingeholt, und in den Bleßmannschen Garten geleitet, wo ein Frühschoppenkonzert stattfand, während die Fahnen nach dem Rathaussaal eskortiert wurden.

Bei einem Glase Freibier vergnügten sich die Festteilnehmer in den Gartenlokalen der Stadt bis zu den um 12 ½ erfolgenden Antreten zum Festzuge in der Unruhstraße. Der Festzug setzte sich um 1 Uhr in Bewegung und zog durch die Königsstraße zum Marktplatze, wo vor der dort errichteten Tribüne haltgemacht wurde. Es begann alsbald, nachdem die geladenen Gästen aus dem Magistratssitzungssaale eingeholt worden waren, die Weihefeier, welche durch den Gesang des unter Leitung des Herrn Seminar-Musiklehrers Sanik stehenden Seminarchors „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ eingeleitet wurde. Sodann betrat der Vorsitzende des hiesigen Kriegervereins Herr Hauptmann d. L., Realschuldirektor Professor Dr. Lämmerhirt die Rednertribüne, um in seiner Ansprache die erschienenen Krieger und sonstigen Gäste zu begrüßen und ihnen für ihr Erscheinen zu danken.

Gleichzeitig stattete er allen denen, die sich um das Gelingen des Festes verdient gemacht, seinen Dank ab und schloß mit einem dreifachen Hurrah Se. Majestät den Kaiser, das in der tausendköpfigen Festversammlung einen brausenden Wiederhall fand. Nach ihm nahm der Vorsitzende des Kreiskriegerverbandes, Herr Zollinspektor Twachtmann das Wort zu seiner Weiherede, in der er in trefflichen Worten den Verein an dem Tauftage seiner neuen Fahne an die Pflichten mahnte, die dieselbe verkörpern solle; Pflichten der Dankbarkeit gegen die Gründer des geeinigten deutschen Reiches, Pflichten der Treue gegen Gott, gegen König und Vaterland. Die Fahne, welche von 20 weißgekleideten Ehrenjungfrauen in einer Blumengirlande im Festzug getragen worden war, entfaltete sich in ihrer Schönheit und erhielt den Weihegruß unter dem Donner von Kanonenschlägen. Mit einem brausend erklingenden Hurrah auf das Vaterland schloß der Redner.

(Schreibweise original), Fortsetzung folgt…

Herr Heinrich und seine Odyssee

Februar 25, 2019

Der Fleischergeselle Wilhelm Heinrich aus Gloden, Kreis Bomst gebürtig, wurde von den Klafterschlägern im Renskoer Walde mit starken Knüppeln so geschlagen, daß ihm ein Arm und ein Bein gebrochen wurde und er leblos zur Erde fiel. Ein im Walde anwesender Holzwagenführer lud den Heinrich auf und übergab denselben dem Schulzen zu Rensko behufs dessen Kur und Verpflegung. Der Schulze erfuhr, daß der Schwerkranke in 2 Meilen Entfernung und zwar in der Stadt Rostarzewo (Rothenburg an der Obra), Kreis Bomst einen Vater habe. Er schaffte daher den Heinrich auf einen Wagen und lud ihn ohne Weiteres daselbst ab. Die Stadt Rostarzewo erblickte in Heinrich eine nicht in ihre Armenpflege gehörige Persönlichkeit. Es wurde daher dort abermals ein Wagen zurecht gemacht, Heinrich auf denselben geladen und nach der Stadt Wielichowo gebracht, weil in derselben sich das der Gemeinde Rensko vorgesetzte Königliche Distrikts-Amt befindet.

Das letztere sollte den Heinrich wieder in die Gemeinde schaffen, wo er geprügelt, arm und hilflos geworden und zuerst verladen worden war. Der Distriktsbeamte erklärte jedoch, daß ihm dergleichen Sachen nichts angehen. Sonach befand sich Heinrich im tiefsten Winter vogelfrei und mit gebrochenem Arm und Bein auf der freien Straße in der Stadt Wielichowo, wodurch der Vertreter der Stadt sonach gezwungen war, für die Kur und Verpflegung des beinahe Halbtodten zu sorgen. Die Verpflegung konnte aber nur für 7 Sgr 6 Pf incl. Wohnung, Wäsche, Heizung pp. erfolgen. Auch war es geboten, einen Arzt herbeizuholen, damit derselbe die zerschlagenen Glieder des Heinrich wieder herstelle.

Die Gemeinde Rensko wurde nun direct aufgefordert, für die weitere Pflege des Heinrich zu sorgen und da sie dies nicht that, das vorgesetzte Königl. Landrathsamt ersucht, im Aufsichtswege, die Verpflichtete anzuhalten. Diese Behörde erklärte sich in der Sache nicht zuständig und verwies an die Posensche Deputation für das Heimathwesen. Auch diese erkannte in ihrer Sitzung vom 11 April wegen Incompetenz auf Abweisung der Stadtgemeinde Wielichowo. Die letztere Gemeinde wandte sich nun endlich wegen ihrer Auslagen an die Landarmen-Direction zu Posen, worauf diese sich nur zur Bezahlung von 5 Sgr pro Tag unter Abweisung der liquidirten Gebühren und Fuhrkosten für den Arzt verstand. Es wurde behauptet, Heinrich hätte in die nächste Lazarethstadt verladen werden müssen. Dieser Vorwurf wurde dadurch widerlegt, daß es schon die vom Arzte gesteiften und verbundenen Glieder des Erkrankten nicht gestatteten, ihn so lange herumzufahren, bis sich eine Lagerstadt ermittelt hätte, die ohne andere gesetzliche Verbindlichkeiten die Heilung des Genannten gratis übernommen hätte.

Darauf wurden die Arzneikosten noch angewiesen, ungeachtet dessen hat die ganz unschuldige Stadt Wielichowo durch Verpflegung 35 Tage à 2 Sgr 6 Pf, 2 Thlr 27 Sgr 6 Pf und durch Prozeßkosten an die Heimath-Deputation 3 Thlr 7 Sgr 8 Pf in á 6 Thlr 5 Sgr 2 Pf Schaden erlitten. Durch die Wegräumung des Kranken wälzt sich also nun die betreffende Gemeinde die ihr nach 28 des vorallegirten Gesetzes auferlegte Verpflichtung einfach ab. Weitere Consequenzen verfolgt jene Gesetzesstelle nicht und so kann derselben auch ein Nachdruck nicht verschafft werden. Ordnungsstrafen Seitens der Königl. Landräthe gegen einen gefühllosen Schulzen würden kaum eine bessere Handhabung der erwähnten Gesetzesstelle herbeiführen, im schlimmsten Falle scheidet der Schulze aus seinem Amte oder er opfert schon für die Gemeinde 1 Thaler Ordnungsstrafe, weil dieselbe beim Fortschaffen des in ihre Armenpflege nicht unmittelbar gehörenden Armen dennoch besser wegkommt als beim Behalten desselben. Die Organe eines civilisirten Großstaates dürfen es daher für die Folge nicht dulden, daß Arme und Kranke auf die geschilderte Weise verladen werden.

In der Jetztzeit findet sich Niemand bereit, die Beköstigung nebst Wohnung und Wäsche eines Erwachsenen für 5 Sgr täglich herzugeben. Demgemäß wird es Behufs besserer Ausführung des § 28 des Unterstützungsgesetzes vom 6 Juni 1870 als unbedingt nothwendige Maaßregel erachtet, dies Gesetz dahin zu ergänzen, daß gegen denjenigen welcher einen Kranken oder Armen aus einer Ortschaft in die andere, Zwecks der Loswerdung der pflichtmäßig obliegenden Armenpflege wegen schafft, eine Strafe von 100 Thlr oder verhältnißmäßige Haft festgesetzt wird, ferner daß der Armenverband des losgewordenen Armen dennoch verpflichtet bleibt, die sämmtlichen Kur und Verpflegungskosten eines solchen Verarmten der zur Verpflegung durch Zufall hineingerissenen Gemeinde zu entrichten und endlich daß diese Kosten ohne Weiteres im Administrativwege beizutreiben sind. Dadurch würde ein wichtiges Ziel erreicht werden und das Verladen und Wegräumen der Armen und Kranken in kurzer Zeit verschwinden.

So trug es sich zu, im Jahr 1874. (Schreibweise original)

Anmerkung. Ohne explizite Ansätze prüfe ich nicht alle Jahrgänge der Geburten von Gloden, um oben genannten Wilhelm Heinrich zu identifizieren. Wer Hinweise auf jene Person hat, kann dies hier im Kommentarfeld melden oder per Mail (siehe Kontakt) oder als Mitglied der Wollstein-Mailingliste entsprechend in der Liste.

Das Leben eines Landstreichers

Februar 22, 2019

Carl Ferdinand Franz Christian Cords, Büchsenmacher, geboren zu Schönebeck, Sohn des jetzt in Delitzsch angestellten Steuer-Einnnehmers Cords. Alter 29 Jahre, geboren am 21. November 1835, Statur 66´´, schlank, Haar und Augenbrauen blond, Stirn hoch, Augen blaugrau, Nase aufgestülpt, Kinn oval, Bart blonder schwacher Schnurrbart, Gesicht oval gesund. Kennzeichen auf der linken Hand, zwischen Zeigefinger und Daumen eine Narbe.

Seit mehreren Jahren der Landstreicherei ergeben, lebt Cords nur vom Betrug und Betteln. Seine Heimath-Behörde hält ihn für unverbesserlich und bedauert, daß er seinem Vater, einem geachteten Manne, so viel Kummer und Schande gemacht habe. Nachdem Cords früher wegen Bettelns an verschiedenen Orten bestraft und er vergebens wegen müßigen Umhertreibens in die Heimath gewiesen worden war, erhielt er noch folgende Strafen: Im Herbst 1860 zu Strzelno wegen Bettelns und Straßenunfugs mehrere Tage Gefängniß, am 18. September 1860 zu Grünberg in Pr. wegen Landstreicherei 14 Tage Gefängniß, am 20. Oktober 1860 in Eilenburg wegen Bettelns 24 Stunden Gefängniß durch Urtheil des K. Kreisgerichts zu Stettin, vom 18. März 1861 wegen Erregung eines öffentlichen Aergernisses durch Verletzung der Schamhaftigkeit wegen Bettelns, Fälschung von Legitimations- und Führungs-Attesten 5 Monate Gefängniß, laut Urtheil desselben Gerichts vom 5. April 1861 wegen Beleidigung eines Beamten zu Stettin weiter 3 Wochen Gefängniß. Laut Urtheil des K. Landgerichts zu Aachen vom 29. Januar 1862 wegen Bettelns unter Vorspiegelung eines Unglücksfalles 14 Tage Gefängniß, worauf er 9 Monate lang in das Arbeitshaus Brauweiler gesperrt wurde.

Dort erhielt er am 22. Oktober 1862 einen Paß zur Auswanderung nach Amerika; allein er wanderte nicht aus, sondern strich in den meisten deutschen Ländern, Bettelei und Schwindelei treibend umher. Er wurde in Folge dessen ferner bestraft: Am 19. Mai 1863 vom Kurfürstl. Hess. Justizamt Netra wegen Bettelns mit 5 Tagen Gefängniß, am 23. Juni 1863 zu Paderborn wegen Bettelns, Landstreicherei, Führung eines falschen Namens und Fälschung von Legitimationspapieren zu 3 Monate Gefängniß und 1jähriger Einsperrung in das Arbeitshaus Benninghausen.

Hierauf ließ er sich am 16. Oktober 1864 einen Paß zum Eintritt in eine Arbeit zu Crefeld geben, den er aber zur fortgesetzten Landstreicherei benutzte. Er ging über Mayen, St. Wendel und Mainz nach Frankfurt und Offenbach, woselbst er auf Grund falscher Zeugnisse und unter der Rolle eines Taubstummen wahrscheinlich unter dem falschen Namen Oskar Felsenstein aus Schleswig bettelte. Er hatte auf Papier geschrieben, sein Vater, ein Prediger aus Schleswig, sei seiner deutschen Gesinnung wegen, vom Dänenkönig vertrieben worden und jetzt darbe derselbe mit Frau und 6 Kindern in Paderborn. Dieser Betrug scheint ihm viel Geld eingetragen zu haben, denn nach vorgefundenen Notizen hat er die Comité-Mitglieder der Schleswig-Holstein-Vereine aufgesucht.

Eine Familie zu Offenbach hat ihn ganz besonders reichlich an Geld und Kleidern beschenkt. Hierauf kam Cords auch hierher (Gießen) und verkaufte einen zu Offenbach geschenkt erhaltenen Rock für 7 Gulden. Dabei hatte er auf der Herberge geäußert: „bis morgen will ich zwei Röcke dafür haben – in Frankfurt habe ich 27 fl. zusammengeklopft und bin dort nicht eher weggegangen bis sie durchgebracht waren“. Gleich darauf wurde er hier verhaftet. Nachdem man über ihn nähere Erkundigungen eingezogen und ermittelt hatte, daß er in Offenbach auf betrügerische Weise gebettelt, hat man ihn, behufs seiner Bestrafung dorthin transportiren lassen, woselbst er zu einer geschärften Gef. Strafe von 4 Wochen verurtheilt worden ist.

Januar 1865. (Schreibweise original)

Anmerkung. Die Eltern waren Friedrich Wilhelm Cords und Friederike Amalia Eck.

Ausbrecher gesucht

Februar 16, 2019

Ein gewisser Joseph Walter aus dem Dorfe Kolzig in Schlesien, und Johann Friedrich Wilhelm Schulz aus dem Neu-Obraschen Haulande, Bomster Kreises gebürtig, welche Beide der Verübung des Diebstahls beschuldigt worden, sind in der Nacht vom 4. auf den 5. April d. J. (1816) mittelst gewaltsamen Durchbruchs aus dem rathhäuslichen Gefängnisse zu Kosten entwichen.

Das Publikum wird daher auf diese Verbrecher aufmerksam gemacht, und Jedermann aufgefordert, die im nachstehenden Signalement näher bezeichneten Walter und Schulz, im Fall sie sich irgendwo betreten lassen sollten, dingfest zu machen, und an das Königliche Polizei-Besserungs-Gericht zu Fraustadt gegen Erstattung der Kosten abliefern zu lassen.

Signalement.

1) Der Joseph Walter ist 18 Jahr alt, mittler Größe, hat braune Haare, blaue, eingefallene Augen, eine kurze Nase, ein kleines längliches, pockennarbiges Gesicht, trägt einen dunkelgrünen tuchenen Mantel mit einem großen Kragen, unter demselben einen aschgrauen-tuchenen mit flachen gelben Knöpfen besetzten Spenzer, eine blautuchene mit erhabenen Knöpfen besetzte Weste, ein Paar lange blau tuchene Beinkleider, gute kalblederne Stiefeln, ein baumwollenes Tuch auf weißem Grunde mit rothem Quarrees, einen ordinairen Huth, und spricht bloß deutsch.

2) Johann Friedrich Wilhelm Schulz ist mittler Größe, hat braune Haare, blaue Augen, ein glattes hageres Gesicht und eine kurze dicke Nase. Er ist mit einem grün tuchenen Mantel mit einem großen Kragen, einer rothgeblümten kattunen Weste, einem weiß leinenen Halstuch, einem Paar grün tuchenen Beinkleidern mit einem Paar geblümten blauen Tragebändern und kalbledernen Stiefeln bekleidet, und spricht bloß deutsch.

Im Juni des Jahres 1816 befanden sich beide noch auf der Flucht. (Schreibweise original)

Gewitter über Posen

Februar 10, 2019

Schwere Gewitter sind gestern abend und heute in den Morgenstunden hier (Wollstein) und in der Richtung auf Posen zu niedergegangen. Nach einem glühend heißen Tage, der die geistige und körperliche Regsamkeit aller Lebewesen lähmte, zogen abends gegen 8 Uhr schwarze Wolkenmassen über der Stadt auf, und kaum waren die meisten der schnell nach Hause eilenden Ausflügler unter dem schützenden Dache, da prasselte starker Regen herab, und nun folgte Blitz auf Blitz, rollte unaufhörlich der Donner, ein schaurig-schönes Naturschauspiel, das fast ununterbrochen die ganze Nacht bis morgens andauerte.

Den Fluren haben dieselben den langersehnten Regen gebracht. Leider sind dabei eine größere Anzahl schwerer Blitzschäden zu verzeichnen gewesen und mehrere Menschen erschlagen worden. In Schwenten fuhr der Blitz gegen 12 Uhr nachts in das Wohnhaus des Eigentümers Krumrein und äscherte es in kurzer Zeit ein. Die Bewohner konnten mit knapper Not ihr Leben retten. Um 5 ½ Uhr morgens wurde auf der Chaussee Wollstein-Obra ein Ochsengespann des Dominiums Groß Nelke, welches mit Düngerfahren beschäftigt war, vom Blitz getroffen. Die 21jährige Hofegängerstochter Brichey, welche dem einen Ochsen gerade das Joch zurecht rücken wollte, wurde erschlagen, ebenso die beiden Tiere.

Kurze Zeit darauf fuhr ein Blitz in ein Zwölffamilienhaus des Dominiums Berzyn. Dieses und eine daneben stehende Scheune brannten ab. Die hiesige freiwillige Feuerwehr war als eine der ersten auf der Brandstelle erschienen und leistete Löschhilfe. Das weiterziehende Gewitter schlug in Adamowo in die mit Getreide gefüllte Scheune des Eigentümers Opaska ein und legte sie in Asche. Nachrichten über weitere Blitzschäden treffen noch fortwährend ein. So soll auch in Wroniawy ein Mädchen vom Blitz erschlagen worden sein. Die ganze Nacht über rollte der Donner und verbreiteten die Blitze grelles Licht – es war eine Nacht des Schreckens für manche!

Die Temperatur hat sich trotz der reichlichen Regengüsse nur wenig abgekühlt. Auch in Posen dauerten die elektrischen Ladungen die ganze Nacht an. Meldungen über große Hitze liegen auch aus Berlin vor, in dessen Umgebung gestern nachmittag gleichfalls schwere Gewitter niedergingen, bei denen mehrere Personen erschlagen wurden. Ferner liegen Nachrichten über große Sonnenglut aus Hamburg, Frankfurt a. M., München, Stettin, Köln, auch aus dem Auslande, aus Wien, Brüssel, London und Rom vor, wo schwere Unwetter großen Schaden anrichteten.

So geschehen im Juli 1911. (Schreibweise original)

Überkluge Jungens

Januar 31, 2019

Lehrlinge, die aus der Lehre laufen, gehören heutzutage nicht zu den Seltenheiten. Die Herren Jungens sind oftmals schon so überklug, wenn sie aus der Schule entlassen werden, daß sie eine energische Zurechtweisung von Seiten des Lehrherrn nicht vertragen können; haben sie in ihrer Ansicht noch gar „zu Hause“ etwas Unterstützung, dann ist schwer mit diesen jungen „Herren“ fertig zu werden; oftmals reißen sie einfach aus.

Der Meister schützt sich in der Regel dadurch, daß er im Lehrvertrag eine Entschädigung ausbedingt, die der Vater dem Lehrherrn zahlen muß, wenn sein Sohn unbefugt und ohne begründete Ursache die Lehre verläßt. Nun hat neuerdings das Gericht entschieden, daß der Meister eines entlaufenen Lehrlings in diesem Falle eine Entschädigung fordern könne, also auch dann, wenn diese kontraktlich nicht vereinbart ist. In dem Falle ist der Meister berechtigt, für jeden auf den Tag des Vertragsbruches folgenden Tag der Lehrzeit, höchstens 6 Monate, die Hälfte des in dem betr. Handwerke ortsüblich gezahlten Gesellenlohnes als Entschädigung zu beanspruchen.

Aus dem Jahr 1912. (Schreibweise original)

Tochtermord

Januar 17, 2019

Die Kindersterblichkeit war in alten Zeiten stets relativ hoch und ich kenne Fälle, in denen alle 14, 12 oder 10 Kinder eines Paares in jungen Jahren verstarben. Und subjektiv betrachtet, empfinde ich die Kindersterblichkeit bei unehelichen Kindern noch ausgeprägter, doch nur selten fand ich Einträge wie der nachfolgende, wo der traurige Sachverhalt explizit festgehalten wurde.

Im Jahr 1832 wurde ein Mädchen – ungetauft – begraben und der Pfarrer hielt fest, daß es sich um eine „ermordete Tochter“ der unverehelichten Julianne L. handelte. Zudem notierte er: „von der Mutter und Großmutter ermordet“.

Ich will dies nicht weiter bewerten, sie hatten ihre Gründe und doch ist es mehr als traurig, wenn ein kleines und unschuldiges Wesen seines Lebens beraubt wurde.

Eine strenge Kälte

Januar 7, 2019

Die strenge Kälte, die wir auch hier (Wollstein) empfindlich spüren, hat in vielen Gegenden eine Höhe erreicht, die seit Jahren nicht verzeichnet worden ist. Im Eisenbahn-, Telegraphie- und Telephonverkehr hatte die Kälte mehrfache unliebsame Störungen zur Folge. In Berlin wurde am Montag früh 6 Uhr die größte diesjährige Kälte von 20 Grad bei scharfem Ostwind festgestellt.

In der Eifel und auf den sonstigen Rheinhöhen herrscht eine Kälte bis zu 30 Grad. Infolge des Eisganges auf dem Rhein müssen in Köln und anderen Orten die Schiffbrücken ausgefahren werden. Wie aus Bonn gemeldet wird, mußte auch das Eisenbahntrajekt Bonn-Oberkassel den Betrieb einstellen.

Aus Köln wird gemeldet: Infolge der Kälte sind durch Drahtbruch zahlreiche Störungen der Fernsprechleitungen nach allen Richtungen eingetreten, was den Betrieb erschwert.

Aus Hamburg berichtet man: Der Eisenbahnverkehr hat infolge der strengen Kälte von 16 Grad mehrfach Störungen zur Folge. Die Züge trafen teilweise mit mehrstündigen Verspätungen ein. Bei einigen Zügen sind die Heizvorrichtungen eingefroren und die Verbindungsrohre geplatzt. Auch in Kiel und anderen Orten Schleswig-Holsteins herrscht starke Kälte. Das Thermometer sank an einigen Orten auf 24 Grad. Die Passage im Kaiser-Wilhelm-Kanal ist nur noch für starke Dampfer möglich, schwache Dampfer sitzen seit drei Tagen im Kanal fest. In der Kieler Bucht liegt festes Eis bis Langeland, 5 bis 12 Zoll dick. Vor der Förde sitzen drei Dampfer im Eise fest und bitten um Hilfe. Die Postdampfer Kiel-Korfoer verkehren noch.

Von einer kalten Welt im Februar 1912. (Schreibweise original)

Ein Spitzbube in Wollstein

Dezember 14, 2018

Mehrere Einbruchsdiebstähle sind, anscheinend von ein und derselben Person, heute Nacht in hiesiger Stadt (Wollstein) verübt worden. In dem Schuhwarengeschäft von Paul Kötzsche, Königsstraße wurde ein Schreibpult erbrochen und aus demselben ein Betrag von 300 Mark entwendet. In dem hinter dem Laden belegenen Wohnraum erbrach der Dieb mehrere Behältnisse und entwendete daraus eine wertvolle goldene Herrenuhr mit goldener Kette und eine Damenuhr. Der Geschäftsinhaber, welcher mit seiner Familie im Obergeschoß seines Hauses schläft, hat nicht das geringste verdächtige Geräusch wahrgenommen, auch in der Nachbarschaft ist nichts gehört worden.

Der Dieb ist durch die Haustür, die er mittels Nachschlüssels geöffnet hat, eingedrungen und hat sich, nachdem er Laden- und Stubentür wieder verschlossen, auf demselben Wege wieder entfernt, die Haustür ließ er offen. Die Ladenkasse, in welcher sich ein noch höherer Geldbetrag befand, ließ der Spitzbube merkwürdigerweise unberührt. Bei der Firma Ferdinand Baruch, Bergstraße hob der Einbrecher die Rolljalousie der Eingangstür soweit in der Höhe, daß er sich durchzwängen konnte, schloß die Glastür mit einem Nachschlüssel auf und entwendete aus einer Schublade einen Geldbetrag von 50 Mark., eine goldene Damenuhr und ein silbernes Armband.

Zwei Häuser weiter bei der Firma Oswald Grün fand sich ein zerbrochenes Fenster nach dem Hofe und eine geöffnete Ladentür vor. Also auch hier hat der Bursche einen Besuch abgestattet, aber nichts gestohlen. Heute früh wurden die Diebstähle entdeckt und sofort der Polizei gemeldet, welche alsbald die eifrigsten Recherchen vornahm, die bis jetzt aber zu einem greifbaren Resultat noch nicht geführt waren. Auch der Polizeihund „Bomst“ wurde in Anspruch genommen, leider vergebens. Hoffentlich gelingt es, den Verbrecher recht bald ausfindig und unschädlich zu machen. Merkwürdig ist, daß fast sämtliche Schlösser nicht erbrochen, sondern mit Nachschlüsseln geöffnet wurden, man geht daher wohl in der Annahme nicht fehl, daß der Einbrecher gelernter Schlosser sein muß.

Im Juni 1912. (Schreibweise original)

Generalversammlung des Kriegervereins Rothenburg an der Obra

Dezember 1, 2018

Rothenburg an der Obra. Der hiesige Kriegerverein hielt am vergangenen Sonntag im städtischen Gasthofe seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Bürgermeister Lieck, eröffnete diese mit einem Kaiserhoch. In den Vorstand wurden wiedergewählt: Vorsitzender Bürgermeister Lieck, stellvertretender Vorsitzender Eigentümer Krause, Schriftführer Kaufmann Rielke, stellver. Bauunternehmer Hahn, Rendant Töpfermeister Herkt, stellver. Ackerbürger Kernchen, Beisitzer Fleischermeister Bederke I und Kaufmann Raschke.

Der Verein zählt 113 Mitglieder. Verstorben sind im vergangenen Jahre 2, Zugang 5. Die Hinterbliebenen jeder verstorbenen Kameraden wurden 60 Mark Begräbnisbeihilfe gewährt. Die Einnahme des Vereins betrug im vergangenen Jahre 558,23 Mark, die Ausgabe 543,19 Mark so daß ein Bestand von 15,04 Mark übrig blieb. Die Feier des Geburtstages S. Majestät wird in der üblichen Weise durch Zapfenstreich, Wecken, Kirchgang mit anschließendem Frühschoppen und Ball gefeiert.

Rothenburg an der Obra im Januar 1911. (Schreibweise original)

Höhere Mädchenschule in Wollstein

November 27, 2018

Von Ostern dieses Jahres ab wird die von der Stadt Wollstein neu errichtete höhere Mädchenschule eröffnet. Die Anstalt wird nach dem Lehrplan des Lyceums unterrichten und nimmt Schülerinnen von 4. Schuljahr an auf. Das Schulgeld beträgt für die beiden oberen Klassen 100 Mark, für die unteren beiden Klassen 90 Mark pro Schülerin. Anmeldungen werden sofort an uns erbeten.

Es ist beabsichtigt, der Anstalt noch eine Unterklasse anzugliedern, so daß die Schülerinnen bereits vom 3. Schuljahr an Aufnahme finden können. Um feststellen zu können, ob die Durchführung dieses Vorhabens möglich ist, wird gebeten, auch für die Klasse Anmeldungen, die zu nichts verpflichten, zu machen.

Wollstein im März 1912. (Schreibweise original)

Der verlorene Reisepaß

November 23, 2018

Der Pferdemakler David Marcus aus Rostarzewo Bomster Kreises (Rothenburg an der Obra), hat den ihm von der dortigen Ortsbehörde vor ungefähr 2 Monaten ertheilten Reisepaß zwischen Berlinchen und Mückenberg verloren.

Der Marcus ist 42 Jahr alt, 5 Fuß 4 Zoll groß, hat schwarzgraue Haare, blaue Augen, schwarze Augenbraunen, eine lange starke Nase, einen gewöhnlichen Mund, fehlerhafte Zähne, ein rundes Kinn, ein längliches Gesicht von gesunder Farbe, an der rechten Seite des Kinns eine Narbe, und ist mittler Statur.

Um etwaigem Mißbrauche mit diesem Passe vorzubeugen, werden die Polizei-Behörden darauf aufmerksam gemacht.

Im Jahr 1819, (Schreibweise original)

Blutegelhandel in Rakwitz

November 14, 2018

Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts herrschte in unserm Orte ein schwungvoller Handel mit Blutegeln. In einem geographischen Werk aus jener Zeit (Verfasser Seminarlehrer Bäck aus Posen), das nach amtlichen Nachrichten bearbeitet ist, wird über den Blutegelhandel geschrieben: „Ein lebhafter Fang der Blutegel wird besonders in den Gewässern des Obrabruches betrieben. Die meisten Blutegelhändler wohnen im Bomster Kreise (Rakwitz).

Es waren im Jahre 1841 damit beschäftigt 2 Großhändler, 12 Kleinhändler und 115 Gehilfen und Fänger, überhaupt 129 Personen. Eingeführt wurden aus Ungarn und dem südlichen Rußland 2 ½ Millionen Blutegel, überwintert haben in den Teichen bei Rakwitz 1 Million Stück, so daß 3 ½ Millionen Blutegel zum Verkauf vorhanden waren.

Davon sind teils nach Hamburg, teils nach Berlin 2.100.000 Stück abgesetzt, der Ueberrest von 1.400.000 Stück aber ist in den Teichen zur Ueberwinterung zurückgehalten. Durchschnittlich sind pro Mille 30 Taler, also 63.000 Taler eingekommen. Die Kosten des Einkaufs, des Transports, die Reise- und sonstigen Kosten betrugen 42.000 Taler, und es ergibt sich daher ein Ueberschuß von 21.000 Taler. 1910, (Schreibweise original)

Ein Familiendrama

November 9, 2018

Zugegeben, temporär ist meine Wahrnehmung der Altvorderen latent romantisch verklärt oder auch das Bild der Familie idealisiert – durch den verzerrten Abstand der Jahrhunderte kann ich dem nicht wirklich entkommen. Dennoch ist mir bewußt, daß die damaligen Menschen genau wie wir heute waren und dementsprechend gab es den wahren Familienfrieden, geboren in Harmonie und Liebe wohl auch eher selten; indessen Zank und Zwistigkeiten wahrscheinlich keine Seltenheiten waren. Die nachfolgende Begebenheit offenbart dies auch eindrücklich und ist nur ein Beispiel von vielen aus jener Gegend.

Eines Tages brannte in Schussenze im Kreis Bomst auf dem Grundstück der Familie Herkt eine Scheune ab. Als später die Überreste begutachtet wurden, entdeckte man die verkohlten Leichen von Vater und Sohn Herkt. In der Nachbarschaft munkelte man, der Sohn hätte seinen Vater im Streit erschlagen, anschließend die Scheune angezündet und sodann sich erhängt. Woher diese relativ trefflichen Annahmen stammten, läßt sich nicht mehr ergründen. Im Zuge der Ermittlungen kamen aber neuerliche Details an das schmerzende Licht der Erkenntnis.

Vater Herkt galt als stolzer Veteran, der die Feldzüge 1866 und 1870 mitgemacht hatte – er war Invalide, dies galt auch für seinen Sohn, der nur ein Bein besaß und eine kleine Rente bezog. Die Ursache des Familienstreites resultierte in der Tatsache, daß der Sohn im Rahmen von Erbschaftsangelegenheiten gegenüber seinen Geschwistern zurückgesetzt wurde. Oder sich doch nur benachteiligt fühlte? In den Wochen vor der Tragödie kam es vermehrt zum Streit zwischen den Beteiligten und bei dem Sohn reifte der Gedanke, sich mörderisch zu rächen.

Er nahm also eine scharf geschliffene Axt, attackierte jählings seinen Vater und streckte ihn tödlich getroffen zu Boden. Nach der Tat begab er sich in die Scheune und setzte sein Leben mit einem Revolverschuß in den Kopf ein Ende. Vermutlich sind durch den Schuß die Heu- und Strohvorräte in Brand geraten, was wiederum zum vollständigen Niederbrennen der Scheune führte. So endete einst ein Familiendrama, welches – wie so oft und auch heute noch – durch einen banalen Erbschaftsstreit begründet wurde. Menschen. Wir ändern uns nicht und bleiben uns treu; über Jahrhunderte hinweg.

Zirkus „Olympia“ in Wollstein

Oktober 31, 2018

Für nur einen Tag und zum ersten Mal überhaupt gastierte der Zirkus „Olympia“ in der Stadt Wollstein, um alle Einwohner zu begeistern. Zuvor wurde bereits in der Umgebung darüber berichtet.

„Zweimaster-Zelt-Zirkus-Olympia. Den Berichten auswärtiger Blätter zufolge handelt es sich um ein zweifellos groß angelegtes Unternehmen, das erfreulicherweise auch nach hier seine Schritte lenkt. Ueber die Vorstellungen schreibt die „Ostd. Volksztg.“: Voll Vergnügen strömten am Sonnabend abend, zu der Eröffnungsvorstellung, Alt- und Jung-Insterburg in Scharen herbei. Der Zirkus war wohlgefüllt und tausend Augen warteten der Dinge, die da kommen sollten. Des gleichen Zuspruches erfreute sich der Zirkus an den beiden Vorstellungen am Sonntag. Aus dem reichen Repertoire von 52 Nummern kamen bei jeder Vorstellung gut die Hälfte an die Reihe.

Der Zirkus arbeitet mit guten Kräften und gediegenem Material, es waren unter alt bekannten und beliebten Sachen auch viele neue Tricks zu sehen. Wir erwähnen gerne das sichere Arbeiten der dressierten Pferde, die graziöse Kraft der jungen Reiter in den Jockeyakten, die elegante sichere Blitzvoltige der Mulattin Martha Jackson. Coko und Max, die kleinsten Pferde der Welt, wirken wie lebendig gewordene Schaukelpferdchen und ergötzten besonders das kleine Volk. Die Clownakte wurden herzlich belacht, die Akrobaten erregten viel Staunen und ebenso die athletischen Kraftproduktionen. Lieblich anzuschauen waren die reizenden Ballettakte. So wurde das reichhaltige Programm jedem Geschmack gerecht. Selbst der Musikfreund konnte sich ergötzen an einem musikalischen Akt, ausgeführt auf für gewöhnlich nicht gebräuchlichen Instrumenten, Schellen und Glocken.

Das „Meseritzer Kreisblatt“ schreibt von gestern: „Ueber den Zirkus Olympia, der hier am Montag und Dienstag Vorstellungen gab, ist zu berichten, daß man es mit einem guten artistischen Unternehmen zu tun hat. In den Freiheitsdressuren, den vier russischen Hengsten und dem Feuer- und Kanonenpferd Fanny, Freiheitsdressuren des Herrn Alfons und den kleinsten Pferden Max und Coko wurden Glanzleistungen auf dem Gebiete der Pferde-Dressur geboten. Erwähnenswert sind ferner die athletischen Kraftvorführungen der Geschwister Maximilian und Wilhelmine. Der Jongleur verbindet Komik und Kunstleistungen auf das trefflichste. Ebenso ist der Clown Sterndorf voll urwüchsiger Komik. Ein recht anmutiges Bild bietet das Ballett. Man sah etwas Gutes für sein Geld. Im Oktober 1910, (Schreibweise original)