Der große Brand in Wollstein am 19.09.1810

Mai 20, 2013

Am 19.09.1810 gegen 17 Uhr – ein warmer Tag – nach Wochen ohne Regen kündigte sich Unheil an, als vom östlichen Teil der Judengasse eine Rauchwolke aufstieg. Ein Teil der Bewohner von Wollstein war verreist, während viele andere der Feldarbeit nachgingen. Schnell eilten die Einwohner zur Löschung des Brandes, doch die Flammen griffen bereits auf das Haus der Fleischerwitwe Ulrich über. Die brennenden Speckseiten stiegen in Rauchwolken auf, breiteten sich über die ganze Stadt aus und fielen wie ein Feuerregen hernieder. Bald darauf erfaßte das Feuer das Rathaus und dem Bäckermeister Schulz gelang es nur mit höchster Mühe, die neue Feuerspritze aus dem angrenzenden Schuppen zu retten, deren größter Teil allerdings verbrannte – wodurch nun an ein Löschen nicht mehr zu denken war.

Indessen eroberten die Flammen mehr und mehr Terrain. Gegen 19 Uhr wurde die evangelische Kirche ein Opfer des Feuers. Später kam ein Teil der Bürger aus Karge mit ihrer Spritze, um zu helfen, was auch für einige adelige Herren galt, die dort auf dem Markt weilten. Obwohl der Giebel des Hauses von Schmied Dohnke bereits rauchte, konnte selbiges vor der Feuermacht gerettet werden. Doch der Gasthof „Zum grünen Baum“ stand in vollen Flammen und das Feuer war im Begriff, das frühere Schießhaus zu ergreifen, was von einem adeligen Herren verhindert wurde. Mittlerweile wurden die Kirchenbücher unter Lebensgefahr des Pfarrers in Sicherheit gebracht. Nur 61 Häuser von 225 überstanden das große Feuer. Insgesamt verbrannten 164 Gebäude, wie die evangelische Kirche, der katholische Kirchturm, das Rektor- und Glöcknerhaus, das Rathaus, die Synagoge und das Brauhaus der Stadt. Während dieser schrecklichen Momente der Angst wurden die verarmten Bewohner noch von einigen boshaften Mitbewohnern bestohlen. Nicht wenige alte Menschen fielen später als Folge der Aufregung dem Tod anheim.

Quelle: Heinrich Gerlach: „Chronik der evangelisch-lutherischen Kirche und Gemeinde zu Wollstein von 1602 bis 1839“.

Der Mordanschlag auf Pfarrer Wittke am 23.05.1684

April 26, 2013

Anno 1684, am 23.05. – zu Pfingsten – in der vermutlich ruhigen Nacht gegen ein Uhr klopfte es lauthals lärmend am Pfarrhaus. Der Pfarrer Samuel Wittke wird dringend gebeten, die urplötzlich erkrankte Frau Pietsch zu besuchen, schallt es durch die Dunkelheit. Dem Bittenden wird der Einlaß nicht verwehrt und der arglose Pfarrer, welcher im Nebenzimmer schläft, wird geweckt. Als dem Bittsteller nun Bescheid gegeben werden soll, finden sich im Hausflur mehrere mit Gewehren und Säbeln bewaffnete Männer. Die Tür wird prompt zugeworfen, verriegelt und der Pfarrer wird sofort informiert. Doch ehe er sich nur angemessen ankleiden kann, wird die Tür krachend aufgebrochen. Sodann versucht der Mann der Kirche durch das Hinterfenster zu flüchten, was indessen scheitert. Brutal an den Haaren ergriffen, wird er auf die Straße gezogen. Barfuß und nur im Hemde, welches man ihn auch noch entreißt, steht er in der Nacht und empfing gnadenlos zahlreiche Peitschenhiebe.

Hernach versuchte man, ihn auf ein Pferd zu binden, was nicht wirklich gelang, da der Pfarrer sich mit großer Kraftanstrengung partiell losmachen konnte. Das Pferd, nun scheu geworden, warf ihn zu Boden. Über den mißlungenen Versuch wütend geworden, vergriffen sich die Gewalttäter erneut an seiner Person und stopften ihm Sand in Mund und Augen, weiterhin erhielt er Schläge in das Gesicht. Auf dem Weg zur Nelker Wassermühle setzten sie ihre Versuche fort, den Pfarrer auf das Pferd zu binden, was nicht gelingen sollte. Im Anschluß nahmen ihn zwei Reiter zwischen die Rösser und schleppten ihn über die Brücke, der Gottesmann selbst konnte auf Grund der vielen Mißhandlungen nicht mehr alleine gehen. Hinauf ging es den Berg auf den Kielpiner Weg. Just an dieser Stelle gewahrten die Männer, daß sie von der Stadt aus verfolgt wurden und überlegten, ob sie den Pfarrer töten sollten. Bald wurde ihm der Säbel, bald das Schießgewehr auf die Brust gesetzt, doch schlußendlich erhielt er weitere heftige Peitschenhiebe – nicht nur auf den Rücken, sondern auch auf die Brust und in das Gesicht. Wie tot ließen sie ihn liegen, in einem Zustande von rohem Fleisch – und so wurde der Pfarrer von Bürgern seiner Gemeinde gefunden.

Jener Mordzug soll seinen Ursprung im Kloster Obra gehabt haben. Neben einigen katholischen Geistlichen (Religionshaß) waren die Hauptverantwortlichen ein Propst aus Thorn, ein Fähnrich aus Preußen und ein Blutschänder, der einst zur evangelischen Gemeinde Wollstein gehörte und der, um sich seiner Strafe zu entziehen – in das Kloster Obra geflüchtet war. Im hiesigen Gefängnis saßen auf den Tod wegen Blutschande und Kindesmord die Mutter und Schwester jenes genannten Blutschänders, welche durch die katholischen Geistlichen zur Verleugnung ihres eigenen Glaubens und Übernahme des katholischen gebracht wurden (dadurch Straffreiheit). Pfarrer Wittke hatte durch treue Ermahnungen den Erfolg, daß die Tochter tiefe Reue empfand und die verdiente Todesstrafe erdulden wollte und auch die Mutter wollte nun dem katholischen Glauben wieder abschwören. – – Wie ein Wunder erschien es, daß Pastor Wittke überlebte und nicht an seinen Verletzungen verstarb. Seine Frau Elisabeth Wittke, geborene Grottke, Tochter des Magisters David Grottke, Pastor zu Driebitz entband zwei Wochen später einen gesunden Knaben.

Pfarrer Wittke weilte noch acht Wochen in Wollstein, obwohl immer noch mehrfach versucht wurde, sich seiner Person zu bemächtigen. Erst als die Gemeinde die notwendigen Nachtwachen nicht mehr leisten konnte, verließ er sein Amt und begab sich zu seiner Familie nach Fraustadt. Selbst hier wurde ihm zugesetzt, bis er später nach Griesel bei Crossen in das Pfarramt berufen wurde.

Quelle: Heinrich Gerlach: „Chronik der evangelisch-lutherischen Kirche und Gemeinde zu Wollstein von 1602 bis 1839“.

Wittke_Taufe

Ein ungeklärtes, tödliches Schicksal

April 5, 2013

Am 09.07.1805 erblickte einer meiner Vorfahren das Licht der Welt. Seine stolzen Eltern ließen ihr Kind taufen und auch der Vater erschien bei diesem feierlichen Ereignis und alle blickten hoffnungsfroh in die Zukunft. Jener Mann war eigentlich Handwerker und zum Zeitpunkt der Taufe beurlaubter Soldat. Er war Musketier in der Compagnie (Kompanie) des Herrn Major von Niebelschütz im Infanterie Regiment von Tschepe und weilte damals wohl nur selten bei seiner lieben Familie. Das Leben, nein, die kriegsgeilen Menschen sollten sodann dafür sorgen, daß er nicht erleben durfte, wie sein Sohn aufwuchs und sein Leben lebte. Er durfte ihn nicht begleiten, aufwachsen sehen, mit ihm spielen, miteinander lachen und weinen, umarmen oder einfach nur für ihn da sein. Nichts von alldem wurde ihm zuteil. War es denn zu vermessen, sich eine derart f r i e d l i c h e Zukunft zu wünschen?

Und so zog er am 14.10.1806 in die Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt als Mitglied der preußischen Armee unter Friedrich Ludwig zu Hohenlohe-Ingelfingen und Ernst von Rüchel gegen die französischen Einheiten unter Napoleon Bonaparte und Louis-Nicolas Davout. Wie stets in allen Kriegen tobte ein sinnentleertes, törichtes, albernes und blutiges Gemetzel mit dem Ergebnis, daß ca. 33.000 Menschen auf deutscher Seite und ca. 15.000 auf französischer unnötig abgeschlachtet wurden. Und für was sind all jene Menschen und nicht zuletzt mein Vorfahre gestorben? Für nichts. Nie wieder erhielt jemand aus dem Kreise seiner Geliebten eine Nachricht von ihm. So sollte er seine geliebte Familie niemals wiedersehen, seine letzten Minuten bleiben für immer ungeklärt. Nur daß er den Tod fand, das ist gewiß. Viel zu früh im Rahmen sinnloser Kriegsspiele von unsagbar blutgierigen Menschen, die nur für Mord und Zerstörung lebten – wie unsere gesamte Spezies.

Selbst im Todeseintrag seiner Mutter, die vier Jahre später ihr Leben aushauchte, wurde das ungeklärte Schicksal ihres Sohnes nochmals thematisiert. Welch Trauer muß sie empfunden haben, wie viel Tränen hat sie vergossen und selbst auf dem letzten Weg ihrer eigenen Lebensreise wehte die Ungewißheit finster hernieder über den Verbleib ihres Sohnes. So ist es geschehen. Die Kriege und die Mordindustrie wurden später weiter perfektioniert und noch mehr liebe Verwandte aus meiner Familie mußten ihr kostbares Leben – wie schon immer – sinnlos für nichts lassen. Menschen. Bei all dem unendlichen Leid, was wir in unserer Geschichte wieder und wieder erfahren haben, lernen wir nicht dazu. Wir lernen – nichts! Wir haben uns keinen Deut verändert. Der nächste Krieg kommt, ganz bestimmt – versprochen!

Ein melancholischer Tod

Dezember 9, 2012

Am 23.06.1819 beschloß der kinderlose Schäferknecht Johann George Martin aus Mlynsker Hauland seinem Leben mit 51 Jahren ein bewußtes Ende zu bereiten. In einem Anfall von Melancholie erhängte er sich und folgte damit seiner Frau in die Endlichkeit, welche längst verstorben war. Wer weiß, was für Beweggründe ihn zu diesem Entschluß getrieben haben; vielleicht war er allein und einsam, verlassen. Die Zeit, das Leben hat ihn für immer in die vergessene Vergänglichkeit verbannt, doch nach gut 200 Jahren wird dieser Artikel ein wenig an ihn gedenken.

Tod_1819

Identifikation Hochzeitsbild, 1931, Provinz Posen

November 27, 2012

Wer erkennt Personen auf diesem Bild und kann sie identifizieren? Das Hochzeitsphoto entstand im November 1931 in der Provinz Posen. Sehr wahrscheinlich in Dombrofker Hauland, Barloschen, Tuchorzer Hauland, Komorowo Hauland, Blumer Hauland oder Karpitzko oder Umgebung – nahe Wollstein im Kreis Bomst. Vielleicht aber auch in Borui und Umgebung. Namenlose Menschen aus längst vergangenen, aber nicht vergessenen Zeiten.

Alltagsbeobachtungen aus und um Wollstein

Juli 28, 2012

Begebenheiten aus dem Alltag aus und um Wollstein. Folgende Auszüge stammen aus der „Chronik der evangelisch-lutherischen Kirche und Gemeinde zu Wollstein von 1602 bis 1839 von Heinrich Gerlach.

April 1656 Flucht der evangelischen Bürger aus Wollstein, wahrscheinlich durch die aufgelöste öffentliche Ordnung als Kriegsfolge. Die Rückkehr erfolgte 1660; entsprechend ist eine Lücke von vier Jahren in den Kirchenbüchern aufgetreten.

1666 Der Tischler Peter Heinrich hat seine Frau ermordet.

1684 Auf Pastor Wittke wurde am 23.05.1684 ein Mordanschlag verübt, mit einhergehender Folter und Mißhandlungen, was er aber überlebte.

1709 Eine pestartige Krankheit tritt auf; allein in Wollstein über 1400 Tote.

1719 Am 12.12.1719 wurde beim Pfarrer eingebrochen und 200 Taler geraubt.

1720 Die Kornpreise verteuern sich.

1724 Erneut ein Einbruch beim Pfarrer – dieses Mal wurden Geschirr und Küchengerät gestohlen.

An einem hitzigen Fieber erkrankten 48 Personen, selbiges führte zur Raserei und endete meistens mit dem Tod.

1726 Anfang des Jahres herrscht tiefer Schnee bis Ende März. Das Frühjahr war sehr trocken und heiß. Und obwohl das Sommergetreide vertrocknete, war der Roggen billig.

1728 Zu Beginn des Jahres breitete sich eine ansteckende Krankheit aus. Später trat eine Raupen- und Heuschreckenplage auf. Zahlreiche starke Gewitter und ein Orkan am 28.07. machten die Bürger zu schaffen.

Am 07.08.1728 wurde der Schäferknecht Andreas Sigismund aus Widzim, der Sohn von Andreas Sigismund aus Silzer Hauland verhaftet, weil er nach Angabe von drei Mägden über die „Jungfrau Maria“ lästerte. Er blieb bei seiner Meinung, dafür wurde ihm die Zunge abgeschnitten und anschließend wurde er unter größten Qualen hingerichtet.

1729 Ein heftiger Winter herrschte und später trat eine neuerliche Heuschreckenplage auf.

1730 Erneut eine Raupen- und Heuschreckenplage. Das Vorwerk Karpitzko wurde zu einem Holland (Hauland).

1733 Eine sächsische Armee zog in die Gegend, doch eine „Bedrückung“ blieb aus.

1736 Es herrschte große Nässe, so daß in der Konsequenz viele Krankheiten auftraten; auch erhöhten sich dadurch viele Preise.

1737 Mit einem heftigen Sturm begann das Jahr. Wieder verbreitete sich eine sehr ansteckende Krankheit, so daß einige Häuser ausstarben. Auch viele Tierseuchen traten auf.

1739 Bei einem starken Gewitter wurde der Wirth Bartsch in Tloker Hauland mit seiner Frau und einem Dienstknaben vom Blitz erschlagen. Im Sommer des Jahres entstand viel Schaden durch Wölfe.

1740 Der Januar begann mit ungewöhnlich starker Kälte, selbst die Fische erfroren. Wer sich über das Verbot hinweg setzte, die toten Fische zu verzehren, erkrankte tödlich.

1742 Im Herbst herrschte in Wollstein ein Überfluß an Obst, während es sonst überall sehr teuer war.

1743 In Silzer Hauland verloren fünf Wirthe ihre Wohnungen und Ställe durch eine Feuerbrunst.

1746 Eine Welle von Blattern trat auf, selbst Zwanzigjährige erkrankten. Im Frühjahr herrschte großer Brotmangel, was später durch eine gute Ernte abgemildert wurde.

1747 Der „Verbrecher“ George Kerger aus Komorowo Hauland wurde hingerichtet. Er wollte nicht zum katholischen Glauben übertreten.

1748 Im Sommer sind in Silz mehrere Häuser durch Blitzeinschläge abgebrannt. Indessen in Gloden eine Feuerbrunst wütete.

1749 In der Umgebung von Wollstein setzte ein großes Viehsterben ein, zusätzlich sorgten die Heuschrecken für Unbehagen.

1751 Eine verheerende Viehpest grassierte, was in der Folge zu einer großen Armut führte.

1753 Der Gutsherr Malczewski zu Goscieszyn verbot Anfang April allen evangelischen Untertanen, ebenso den Einwohnern von Gloden – die hiesige evangelische Kirche zu betreten; bei 10 Talern Strafe. Erst später wurde das Verbot aufgehoben.

1777 Die Frau von Schuhmacher Gäbler sollte wegen Mordes hingerichtet werden, allerdings wurde sie katholisch, so daß sie freigesprochen wurde.

Nach 1800 Das Vorwerk Dembowitz und die Kolonie Neu Tloki entstehen. Letztere wird fast nur von Evangelischen aus Oranien-Nassau bevölkert.

Die toten Kinder

Juli 13, 2012

Vor nicht langer Zeit lernte ich in den Kirchenbüchern eine Familie kennen, die von 1875 bis 1889 sage und schreibe 11 Kinder bekam. Nun, das ist freilich keine Besonderheit – ich habe andere Familien in meiner Datenbank, die weitaus mehr bekamen. Ungewöhnlich ist jedoch die Tatsache, daß von diesen Kindern nicht eines überlebte; sie durften nicht aufwachsen und bekamen nie die Chance ihr Leben zu leben. Ein Kind hielt mit drei Monaten „lange“ durch, bevor es verschied. Alle anderen starben nach wenigen Tagen. Natürlich, die Kindersterblichkeit war früher exorbitant hoch und dennoch! Derlei ist durchaus ein seltenes Beispiel, denn wenigstens ein Kind – wenn nicht mehrere – überlebten in der Regel; selbst 200 Jahre zuvor fand ich keine extremen Begebenheiten dieser Art. Was muß die Familie gelitten haben. Wie viel Qual muß diese arme Frau ertragen haben!? Wieder und wieder m u ß t e sie Nachwuchs gebären und alle 11 Abkömmlinge schieden nahezu sofort in das Totenreich hinüber. Wie muß sich diese Mutter gefühlt haben? Was ging in ihr vor? Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Doch heute sind all die Schmerzen längst vergessen, niemand wird sich an diese Familie mit ihrer sicher einzigartigen Trauer erinnern. In Gedanken fühle ich mit ihnen und in meinen Unterlagen bekam die Familie einen Ehrenplatz, wenngleich ich ihre Trauer nicht wirklich ermessen kann. Das Leben ist nicht fair, das war es nie.

Die alte Frau

Mai 20, 2012

In den vermutlich grauen und kalten Novembertagen des Jahres 1718 verstarb eine alte Dame. Nach all den zahllosen Einträgen in den Kirchenbüchern, die ich bisher lesen durfte, stellt dieser Todeseintrag ein Novum dar. Ihr Name fehlt und ebenso das Alter. So bleibt nur festzuhalten, daß „…eine alte Frau“ beerdigt wurde. Wer war sie? Wie lautete ihr Name? Wann wurde sie geboren? Wie lebte sie? Mit wem? Blieb sie wirklich kinderlos? Ohne Nachkommen? Warum war selbst ihr Name unbekannt? Offenbar kannte sie niemand. Namenlos im Tod. Wahrscheinlich hat sie selbst nie daran gedacht, daß sie eines Tages in dieser Form ihr Leben beschließen wird. Als unbekannte, alte Frau. Möge ihr Leben anderer Natur gewesen sein, ja, glücklicher. Nach gut 300 Jahren, die das vergängliche Leben in die Vergangenheit verbannt hat, wünsche ich ihr das – nachträglich.

Heimat. 1593-1945.

April 24, 2012

Oh, geliebte Heimat. Ein Hauptzweig meiner Vorfahren führt in die Provinz Posen. Aktuell kann ich sie nachweislich bis 1593 zurückverfolgen. Wahrscheinlich sind ihre Spuren dort noch viel älter. Im Jahr 1939 beschlossen widerwärtige Vertreter unserer primitiven, kriegsgeilen Spezies wieder einmal Krieg zu spielen. In der Konsequenz mußten meine Vorfahren ihre alte Heimat 1945 aufgeben, unter Tränen verlassen. Für immer. Eine Heimat, in der sie seit Jahrhunderten friedlich lebten, lachten und liebten. Ein liebgewonnenes Zuhause, basierend auf alten Traditionen – ein Ort, an dem sie hart arbeiteten, weinten und ja, vielleicht auch glücklich waren. Sie gehörten dorthin, sie waren dort tief verwurzelt. War es doch ihre geliebte Heimat!

Aber wer schert sich schon um solche Begrifflichkeiten, wenn unsere selbstzerstörische Rasse sich dem Krieg hingibt und Abermillionen Menschen abschlachten kann; einfach, weil es in unserer dümmlichen Natur liegt? Wie dem auch sei, die Heimat fand ihren Schlußpunkt im Jahr 1945. Sie starb und mit ihr sank das familiäre Band in diese Region hernieder. Als Nachkomme habe ich jene Ländereien viele Jahrzehnte später besucht und ja, ich fühlte mich in irgendeiner surrealen Art und Weise mit der einstigen Heimat verbunden. Nichts ist mehr, wie es einst war und doch, und doch – es ist auch meine Heimat. Im Geiste sah ich meine zahlreichen Urgroßeltern über ihre Heimstätte spazieren; in lachend tanzender Form und traurig weinend. Und ich, die unbedeutende Summe ihrer gelebten Existenz weilte zwischen ihnen und betrachtete mit einer latenten Sehnsucht die alte, geliebte Heimat. Sie klagten mich an und bedauerten aufrichtig, daß die Menschen immer noch nicht dazu lernen. Es nie werden. Ich wandte mich ab und versank traurig in den vergangenen Jahrhunderten gelebter Leben.

Unterschriften in Kirchenbüchern

Februar 10, 2012

Ich habe diverse Kirchenbücher im Laufe der Jahre lesen dürfen. Der Zeitrahmen bewegt sich zwischen 1643 und 1890. In all den vielen Jahren kam es jedoch nur in der Zeit von 1808 bis 1812 vor, daß der Anzeigende eines Todes persönlich unterschrieben hat. Grundsätzlich hat nur der Pfarrer die Feder geführt und in den vier Jahren las ich in der Mehrheit nur, daß der oder die Anzeigenden nicht schreiben konnten. Doch einige wenige waren tatsächlich der Schreibkunst mächtig und machten davon auch Gebrauch – wie folgendes Bild beweist: „…da Heinrich nicht schreiben konnte.“ – Christian Arlt hingegen schon. Dies ist ein Glücksfall für diejenigen Forscher, die einen oder mehrere Vorfahren finden, die damals persönlich unterschrieben haben. Doch vor 1808 oder nach 1812 fand ich derlei nie wieder; freilich kann ich nur für diese Region in der Provinz Posen sprechen. Dennoch, die Unterschrift eines Vorfahren – eine formidable Angelegenheit.

Gefangene der Zeit

Januar 11, 2012

Vor nicht langer Zeit las ich den Eintrag eines Mannes, der 59 Jahre alt wurde. Geboren wurde er im Jahre 1595. Was mag jener alles erlebt haben? Herausragend war sicherlich der 30jährige Krieg, den er nicht nur er- sondern auch überlebte. Er liebte, lachte, weinte, freute, litt und lebte. Wie wir heute noch. Gut 358 Jahre später las ich seinen Todeseintrag. Wer mag er gewesen sein? Und wie? Wie war er? Wie sah er aus? Und seine Familie? Seine Frau? Die Kinder? All das werde ich nie erfahren. Ich reihe ihn ein, in meinen Datenbestand von Tausenden Personen, die ich im Laufe der Jahre erfaßte. Tausende Unbekannte; Gesichtslose, die nicht zu meiner Familie zählen und nicht weniger Menschen, die zu meinen Vorfahren zählen. Nur die Namen. Geburts-, Heirats- und Sterbedaten. Selten mehr.

Wie gern würde ich sie alle kennenlernen, mehr erfahren. Doch sie sind Gefangene ihrer Zeit. Gefangen in einem Zeitalter, welches längst von dem unendlichen Nichts der Vergessenheit absorbiert wurde. Ja, so wie ich selbst ein Gefangener bin – gefangen in meiner eigenen Zeit. Genealogie. Eine meiner liebsten Beschäftigungen. Eintauchen und Versinken in die Vergangenheit. Und doch, und doch! Schlußendlich eine sinnlose Beschäftigung. Denn letzten Endes kratze ich nur an der Oberfläche toter Zeit, ohne wirklich tief in vergangene Leben eindringen zu können. Irrelevant, wie weit ich in die Geschichte zurückgehe. Was ist mit meinen Vorfahren vor 1000 Jahren? Vor 2000? Nirgends sind sie verzeichnet. Vergessen. Verflüchtigt in Raum und Zeit. Für immer und immer. Und ich? Ich werde ihnen irgendwann folgen, in das allumfassende Nichts. Ich werde das gleiche Schicksal teilen. Dereinst.

Vereint im Schwertarm der Geschichte

November 17, 2011

Derzeit konzentriere ich mich mehrheitlich auf jenen Zweig meiner Familie, der in die Provinz Posen führt. Mehr und mehr Personen sammeln sich in meiner Datenbank an und viele von ihnen identifizierte ich als Familienangehörige. Vor kurzem gewann ich die Erkenntnis, daß ein Vorfahre von mir 1798 dem “Königlichen Preußischen Füsilierregiment Prinz Heinrich von Preußen” angehörte. Bemerkenswert war für mich seine damalige Funktion: Grenadier. Denn exakt 200 Jahre später war ich selbst Grenadier – wenn auch in keinem königlichen Regiment. Dennoch, so vereinen sich die Vor- mit den Nachfahren im Schwertarm der Geschichte. Das Leben wiederholt sich.

Mysterium Genealogie

November 3, 2011

Nicht viel später, nachdem mein genealogisches Anfangsinteresse für die Familie erwachte, gelang es mir, einen ersten Erfolg zu verzeichnen. In den Kirchenbüchern entdeckte ich Person x mit seiner Familie, die ich stolz zu meinen Vorfahren zählen durfte. Der Name der Person x war korrekt, ebenso der Herkunftsort – der alles andere als groß zu bezeichnen gewesen wäre. Ich erforschte mehr und mehr über diesen Zweig und das Wissen intensivierte sich. Bis zu jenem denkwürdigen Punkt, als ich eruierte, daß diese Person x gar nicht zu meinen Vorfahren zählt. Denn es gab einen Menschen, Person y, der explizit den gleichen Namen trug – in jenem sehr kleinen, beschaulichen Ort. Wer hätte das gedacht?

Freilich war ich damals noch ein absoluter Anfänger in der Familienforschung, was allerdings nicht als Entschuldigung gelten mag. In der Folge änderte ich meinen Stammbaum, Familie x verschwand; stattdessen kam Familie y zu ihrem Recht. Die gesammelten Informationen über die fälschlich vermuteten Vorfahren fristeten seitdem ihr trostloses Dasein in der Datenbank. Viele Jahre vergingen. Vor wenigen Tagen erlebte ich dann – einmal mehr – einen sogenannten Zufallstreffer, der mich immer noch überrascht wie fasziniert.

Denn nun stellte sich heraus, daß Familie x von einst, die erst in meinem Stammbaum weilte, bis ich sie gefühllos verbannte, doch! – und doch! zu meiner Familie gehört. Ich darf sie zu meinen direkten Vorfahren zählen, wenngleich in einem anderen Zweig. Welch Überraschung! Zwei identische Namen im gleichen Ort zur gleichen Zeit. Glücklicherweise befanden sich alle diesbezüglichen Daten wohlbehalten in meiner Datenbank, so daß das entsprechende Einpflegen unverzüglich begonnen werden konnte. Und jener Zweig stellt nun sogar meine Spitzenahnen dar. Nach Jahren der unwissenden, verbannten und ignorierten Ruhe. Genealogie. Immer wieder ein Mysterium.

Identifikation Hochzeitsbild, 1931, Provinz Posen

August 12, 2011

Wer erkennt Personen auf diesem Bild und kann sie identifizieren? Das Hochzeitsphoto entstand im Juni 1931 in der Provinz Posen. Sehr wahrscheinlich in Dombrofker Hauland (Wolfsau), Barloschen, Tuchorzer Hauland, Komorowo Hauland, Blumer Hauland oder Karpitzko oder Umgebung – nahe Wollstein im Kreis Bomst.

Ein Blick in das Vergessen

Juli 1, 2011

In Kindertagen. Vergangene Zeiten. Während einer Familienfeier geistert plötzlich ein altes Photoalbum durch die Reihen der zahllosen Gäste. Die älteren und ältesten Gäste betrachten die uralten Bilder mit wehmütigen Blicken, versinken in fast schon vergessene Welten, betreten im Geiste das Land ihrer eigenen Kindheit und lächeln ob ihrer schönen Erinnerungen. Ein reger Austausch findet statt, vielleicht verklärter Art. Die Protagonisten jener alten Photos werden sofort mit Namen erkannt, „das hier ist …!, und da!, das ist Onkel …! – und auf dem Bild hier erkennt man meine Großmutter …!“. So oder so ähnlich spielten sich diese Szenen in vielen Familien ab. In meiner Familie war das einst so.

Allein, ich selbst war ein Kind. Von wahrhaftem Interesse kann keine Rede sein. Entsprechend blieben die Erläuterungen der vergilbten Aufnahmen nicht in meinem Gedächtnis haften. Und heute? Die alten und ältesten Gäste, Verwandten sind längst verstorben – aber nicht vergessen. Nicht, solange ich lebe. Doch ihr Wissen, ihr hervorragendes Wissen ist seit langem dem Vergessen anheim gefallen. Die ehemals bekannten Darsteller besagter Bilder wurden zu namenlosen Personen. Ob sie nun lächelten, lachten oder ernst in die Kamera blickten; ihre Namen haben sich verflüchtigt. Und damit auch die Menschen selbst, die einst ihr Leben lebten. Für immer und immer.

Mir ist bewußt, daß es fast schon Unfug ist, hier alte Bilder zu veröffentlichen, um möglicherweise gewisse Personen zu identifizieren. Doch ich habe gelernt, daß so ziemlich nichts im Leben unmöglich ist. Und mein Weg innerhalb der Genealogie bestätigt diese Einstellung. In jedem Fall gedenke ich meiner Vorfahren und solange ich lebe, leben sie auch noch. Bis die letzten Erinnernden in das unendliche Reich des unvorstellbaren Nichts eingetreten sind, dann, erst dann ist das Vergessen absolut. Dann ist es so, als ob sie nie gelebt hätten. Der Weg allen Lebens.

Identifikation einer lustigen Gesellschaft

Juni 27, 2011

Ein Photo einer lustigen Gesellschaft aus den 30er Jahren (geschätzt); vermutlich in Brandenburg an der Havel aufgenommen. Sehr wahrscheinlich waren einige Musiker unter den Gästen. Wer erkennt Personen und kann nähere Angaben machen?

Identifikation Gruppenbild

Juni 13, 2011

Ein Gruppenbild aus den 30er Jahren (geschätzt); vermutlich in Greiz (Thüringen) aufgenommen. Sehr wahrscheinlich einige Musiker. Wer erkennt Personen und kann nähere Angaben machen?

Identifikation Gruppenbild

Juni 6, 2011

Ein Gruppenbild aus den 30er Jahren (geschätzt); vermutlich in Brandenburg an der Havel aufgenommen. Sehr wahrscheinlich einige Musiker. Wer erkennt Personen und kann nähere Angaben machen?

Oh Leben, was bist Du für ein Leben!

Mai 7, 2011

Ein Geburts- respektive Taufeintrag einer verwandten Person in meiner Familie. Für mich sehr spannend zu lesen und ja, mit einer gewissen Freude verbunden. Aber wie groß muß erst die Freude meiner Familie gewesen sein? Über ihre süße, kleine Tochter. Sicherlich wurde der Tag groß gefeiert, innerhalb der Familie, mit Freunden und Verwandten. Ein wichtiger Tag, ein würdiges Ereignis. Gerne wäre ich dabei gewesen und hätte mitgefeiert, allein ich erhielt keine Einladung. Ich wurde nicht bedacht. Wie auch?

Jene Person, über die ich hier schreibe und die ihr ganzes Leben vor sich hatte, war eine unmittelbare Verwandte von mir. Ihre Niederkunft fand 1781 statt; sie wurde weit über 80 Jahre und hat ihr Leben gelebt. Niemand lebt mehr aus dieser Zeit, alle Festteilnehmer sind längst in die Vergangenheit eingetreten, ebenso ihre Kinder, Enkel und Urenkel. Sie hat ihr – wahrscheinlich mehr oder weniger hartes – Leben gelebt, mit Freude und Leid, mit Lachen und Weinen, in Liebe und Trauer. Wenn ich diese Kirchenbucheinträge lese, in denen über die Geburt berichtet wird, ist es mir, als ob es eben erst passiert wäre. Die klare, gut lesbare Schrift scheint noch nicht einmal getrocknet zu sein und doch liegen ganze Leben, Zeiten dazwischen.

Wie gern hätte ich sie und andere kennengelernt. Aber das ist das Leben. Menschen kommen und gehen. Was sind 80, 90 Jahre in dieser unseren Menschenwelt? Nichts. Ein Wimpernschlag im Hauch der Äonen im großen nebelhaften See des allumfassenden Vergessens. Heute lebe ich, atme die einzigartige Lebensenergie ein und bald – in diesem Moment in Raum und Zeit – bin ich längst vergessen. Für immer und immer. Für alle Zeiten. Wie das süße, kleine Mädchen – eben erst geboren und doch ganze Menschenalter tot. Oh Leben, was bist Du doch für ein Leben!

Im Wandel der Zeiten

April 11, 2011

Ich recherchiere und forsche, sammele Informationen, werte Daten aus und beschäftige mich intensiv mit Kirchenbüchern und alten Urkunden. Somit gewinne ich neue Erkenntnisse über meine Familie und über meine Vorfahren. Und das weite Internet ermöglicht gar einen Kontakt mit Nachfahren, deren Linien sich von meinen direkten Vorfahren vielleicht vor 150 oder 200 Jahren trennten. Über neue Erkenntnisse freue ich mich und bin natürlich fasziniert. Aber sind diese Informationen wirklich neu? Ja. Doch nur für mich. Nur für mich.

Für Familienmitglieder, die lange verstorben sind, wären das keine neuen Zusammenhänge. Für jene war das einst selbstverständlich. Man kannte sich. Sie haben die verwandtschaftlichen Verhältnisse und nicht nur diese mehr oder minder gepflegt, bis irgendwann ignorante Nachkommen in die Welt traten, die sich für derlei nicht mehr interessierten. Mit anderen Worten, was ich heute mühsam recherchiere, wußte einst jeder in der Familie. Das war banales Allgemeinwissen.

Ein sehr geschätztes Familienmitglied von mir, seines Zeichens 85 Jahre alt – erzählte mir vor kurzem, daß er in dem Ort, wo er geboren wurde jeden einzelnen Menschen mit Namen kannte und heute noch weiß. Jedes einzelne Haus. Er wußte, wo sie herkamen und sogar, wen sie heirateten und woher diese stammten – sie kannten sich einfach; alle miteinander. Und heute? Wer kennt heute noch seine Nachbarn? Oder weiß gar, wie die Ehepartner heißen und wo sie herkamen? Und dann die eigene Familie. Wer kennt noch alle fernen Verwandten? Die Zusammenhänge? Wer interessiert sich dafür heute noch? Oh welch Wandel der Zeiten!

In meiner Familie bin ich der einzige, der sich mit dieser Thematik beschäftigt. Mir gelang es, ein wenig Licht in ein Dunkel zu bringen, was früher klar und einleuchtend war. Allerdings nur in einem reduzierten Rahmen von partiell 300 Jahren. Wenn meine unbedeutende temporäre Existenz für immer und immer ausgehaucht sein wird, wird dieses Wissen vermutlich erneut begraben werden. Und wer weiß, vielleicht lebt in 150 Jahren – sofern es dann noch Menschen gibt – erneut ein Familienforscher, der dann Erkenntnisse an den Tag bringt, „neues“ Wissen, was mir heute selbstverständlich erscheint. Das ist das Leben.


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