Schlechter kann es uns nirgends gehen! Teil II. Immense Teuerung aller Lebensbedürfnisse.

Auch in der Provinz Schleswig nimmt die Auswanderung nach Amerika dieses Frühjahr enorme Dimensionen an. Es ist dies eine recht traurige Erscheinung, da größtentheils junge rüstige Leute fortgehen, um sich der Militärpflicht zu entziehen, wodurch leider dem Lande die besten Kräfte entzogen werden.

Aus Czarnikau, in Posen, meldet man: Die Auswanderungslust, ist namentlich bei jungen Leuten, auch im diesseitigen Kreise sehr groß, so daß beispielsweise bei dem in voriger Woche hierselbst stattgehabten Ersatzgeschäfte an dem etatsmäßigen Contingente 150 Rekruten fehlten.

Ähnlich lauten die Berichte aus dem Königreich Sachsen; so wird aus Leipzig gemeldet: Am 4. April ist die erste Quote der Mitglieder des Auswanderungsvereins „Colonie Saxonia“, welche sich bekanntlich im nördlichen Theile des Staates Michigan in Nordamerika niederzulassen gedenken, von hier aus nach Hamburg abgereist, wo sie sich am anderen Tage nach Liverpool eingeschifft haben, um von dort aus zur Überfahrt einen der nach Amerika gehenden Dampfer der Star-Linie zu benutzen. Von Dresden und aus der Umgebung sollen 50-60 Personen mit fortgegangen sein. An der Spitze dieser ersten Auswanderer-Expedition stand der Maurer und Schankwirth Wilhelm Ehregott Müller, welcher Vorstand des genannten Auswanderungsvereins ist.

Auch in der Gegend um Werdau greift das Auswanderungsfieber immer mehr um sich. So haben am 26. März mehrere Familien – 33 Köpfe stark – die Stadt verlassen, um nach Brasilien zu gehen, und es sind mit ihnen an demselben Tage aus den Städten Zwickau und Crimitschau resp. 100 und 80 Personen gezogen. Dem Vernehmen nach werden ihnen aus Werdau und Crimitschau Mitte Mai noch 400 Personen folgen. Die Familienhäupter sind lauter junge und kräftige Arbeiter im Alter bis zu 36 Jahren. Sie klagen sämmtlich, daß sie bei den kärglichen Lebensmitteln und der immensen Theuerung aller Lebensbedürfnisse hier außer Stande seien, ihre Familien zu ernähren und rechtlich durchzukommen.

Aus dem Jahr 1873. (Schreibweise original)

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