Tumult in Wollstein

Im Jahre 1883 schlossen Emma Emilie Bertha S. und Johann Wilhelm Oswald J. den Bund der Ehe – der Bräutigam ist ein allgemein geachteter Eigentümer und wird später Gemeindevorsteher werden. Ungefähr sieben Jahre nach der Heirat wird ihr gemeinsamer Sohn Alfred Oswald geboren, der im Jahr 1908 für eine gewaltige Aufregung in Wollstein und der Umgegend sorgen wird, was zu diesen Zeitpunkt freilich noch niemand wissen oder erahnen kann. Was ist also passiert an jenem 15.12.1908, nur wenige Tage vor Weihnachten?

Der Sattlergeselle Alfred Oswald J. – offenbar durch das Lesen vieler Detektiv- und Räubergeschichten inspiriert – beschloß an diesem 15.12. „auch mal so was zu machen“, was er in seinen Büchern las und so wollte er bei dem Wollsteiner Kaufmann Friedrich K. einbrechen, um Geld zu erlangen; etwa 100 Mark, „um sich am Jahrmarkt verschiedenes zu kaufen“. Er nahm an, daß in der Getreidehandlung zum Jahrmarkt viel Geld vorhanden sein würde und so setzte er seinen Plan in die Tat um. „Er habe versucht, mit dem am Sonntag vorher selbst gefertigten Dietrichen den Geldschrank zu erbrechen. Da ihm dies nicht gelang, sei er in das Nebenzimmer gegangen, dort die Schrankschlüssel zu suchen. Infolge des Bellens der Hunde sei K. erwacht und habe ein Streichholz angezündet. Um unerkannt zu entkommen, habe er dem K. einen Schlag mit dem Stemmeisen an den Kopf versetzt, um ihn zu betäuben. Darauf sei er von dem Kaufmann angegriffen worden und so an der Flucht verhindert worden“. Der Angeklagte gab zu, den Angriff mit den Worten begleitet zu haben: „Hund! – ich mache dich kalt“ und während des nachfolgenden Ringens: „jetzt kommst du und dann dein Geld; wart mal, da draußen stehen noch zwei mit Gewehren“.

Auf dem Richtertisch liegen die Instrumente, mit denen sich der Angeklagte versehen hatte, darunter starke Schnüre zum Binden des Kaufmanns und einen Lappen, den er als Knebel benutzen wollte. Ferner hatte Alfred Oswald J. vergiftete Würste mitgenommen, um die Hunde zu töten. Der Kaufmann K. gab an, nachdem er den Schlag mit dem Eisen erhalten habe, sei er aus dem Bett gesprungen und habe den Angeklagten gefaßt, im Ringen seien sie auf das Bett zu liegen gekommen und dabei habe J., der unten lag, ein Messer gezogen und ihm einen Stich in den linken Unterschenkel versetzt. Der weitere Kampf dauerte 15 Minuten, in dessen Verlauf K. einen Messerstich in den Kopf bekam, sowie einen Ritz in den Zeigefinger der rechten Hand erhielt. Außerdem sei er im Gesicht und am Körper gehörig gekratzt worden. Als der Angeklagte hörte, daß Hilfe herbei komme, suchte er zusammen und wollte die Flucht ergreifen.

Kaufmann B. und Bäckermeister K. waren als erste zur Stelle und fesselten den Angreifer. Der Zeuge Sattlermeister K. zugleich Lehrherr des Angeklagten stellte diesem das beste Zeugnis aus. Er sei stets fleißig und solide gewesen, auch habe er sich gehorsam und folgsam gezeigt. Gelesen habe der Angeklagte sehr viel.

Der Staatsanwalt beantragte wegen Einbruchsdiebstahl und versuchten Mord zehn Jahre Gefängnis, die Verteidigung indessen plädierte nur auf Einbruchsdiebstahl und schwerer Körperverletzung. „Nach einhalbstündiger Beratung verkündete der Vorsitzende das Urteil, nach welchem der Angeklagte wegen versuchten Mordes im einheitlichen Zusammenhange mit schwerem Einbruchsdiebstahl zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren verurteilt wird.

urteil

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