Versöhnung auf dem Friedhof …

… oder warum es sich die Menschen so unnötig schwer machen im Leben.

Eine Versöhnungs-Scene auf einem Friedhofe schildern die Berliner Blätter sehr rührend. Der geachtete Kaufmann Lessing hatte bis vor 5 Jahren in glücklichen Familien-Verhältnissen gelebt, denn außer einer liebenswürdigen Gattin erfreut er sich einer zur blühenden Jungfrau herangewachsenen Tochter im Alter von 17 Jahren. Sein Glück wurde mit rauher Hand zerstört, denn als Frau und Tochter eines Tages mit verstörten Mienen umhergingen, forschte er nach der Ursache, und der ehrenhafte, über den Ruf seiner Familie eifersüchtig wachende Mann vernahm die niederschmetternde Nachricht, daß seine Tochter, die er über Alles liebte, sich mit einem Anverwandten in ein näheres Verhältniß eingelassen hatte.

In der ersten Zornes-Aufwallung jagte er die Tochter aus dem Hause und entließ den jungen Mann, der bisher in seinen Diensten gestanden hatte. Die jungen Leute heiratheten sich nun, aber trotz rastloser Anstrengungen ging es mit ihnen rückwärts. Plötzlich starb der Mann, nachdem die junge Frau Zwillingen das Leben gegeben hatte. Die Mutter, welche immer in Verbindung mit der Tochter geblieben war, bestürmte nun den Vater, die Verlassene zurückzurufen, aber vergeblich.

Der Kummer über das Unglück ihrer Tochter führte ein Herzübel herbei, dem sie nach längerem Leiden erlag. Die bei der Beerdigungsfeierlichkeit erschienenen Leidtragenden, die alle den herben Schmerz der Dahingeschiedenen kannten, standen noch um die offene Gruft versammelt, unter ihnen der verlassene Gatte, als ein junges Weib, bitterstes Weh in den verfallenen Zügen tragend, herangewankt kam. An jeder Hand führte die ärmlich gekleidete Frau ein liebliches blondes Mädchen.

Starr blickten die Augen des Vaters auf die verhärmte Gestalt der Tochter – denn diese war es – die jetzt still herantrat und der dahingeschiedenen Mutter nachweinte. Als sie und die kleinen Mädchen die üblichen drei Hände voll Erde auf den Sarg geworfen hatten, wandte sie sich zum Gehen, warf aber einen jammererfüllten Blick auf den alten Vater.

Dieser Blick drang ihm wohl ins Herz, denn er breitete plötzlich die Arme aus, und die somit Wiederaufgenommene barg schluchzend das Haupt an des Vaters Brust. Die anderen Trauergäste hatten sich respektvoll zurückgezogen, und Vater, Tochter und die kleinen Enkelinnen bestiegen vereint den Wagen des Ersteren und fuhren nach Hause.

Aus dem Jahr 1886.
(Schreibweise original)

Wie viel anders wäre das Leben dieser Familie wohl verlaufen, wenn der Vater seine Tochter damals in den Arm genommen hätte – statt sie des Hauses zu verweisen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: