Unwetter über Westpreußen. Akt II.

Die Nachrichten aus den Provinzen lauten in Bezug auf die Ueberschwemmungen täglich schlimmer. Nicht nur Schlesien, sondern auch Ost- und Westpreußen haben schrecklich gelitten. Die Ernte ist total ruinirt und die Lage ist so bedenklich, daß sogar die Divisions-Manöver in diesem Jahre nicht stattfinden werden. In einigen Gegenden hat es seit drei Wochen ununterbrochen geregnet.

Man kann von den Ernten in einigen Districten dieser Provinzen sagen, daß sie total zerstört wurden. Menschenleben sind zu Grunde gegangen und Flußdeiche weggeschwemmt, Brücken zerstört und Dörfer überschwemmt worden, Landgüter wurden unter Wasser gesetzt und ungeheure Strecken Getreidefelder durch die Regengüsse in Seen und Sümpfe umgewandelt. Man befürchtet eine große Hungersnoth in allen obengenannten Provinzen.

Ein Correspondent, der bis an die äußersten Grenzen von Schlesien kam, berechnet, daß in einem Kartoffeldistrict allein ein Schaden von 150,000 Mark angerichtet wurde, während 2000 Morgen Acker- und Weideland durch das Überfließen der Oder unter Wasser gesetzt wurde. In der Gegend von Oppeln sind 3000 Morgen Kartoffelfelder mit Wasser bedeckt. Ganze Gruppen von Dörfern sind isolirt.

Der Regen war so heftig, daß innerhalb einiger Stunden mancher Fluß um sechs Fuß stieg. In Posen wurde eine ungeheure Fläche Wiesenland überschwemmt. Auf den Ackerfeldern wurde nicht nur das Getreide, sondern auch das Stroh verdorben. Man befürchtet, daß an einigen Plätzen die Feuchtigkeit des Bodens die Bearbeitung desselben für die nächste Saat in verhängnisvoller Weise verzögern oder ganz und gar verhindern werde. Im District von Kulm, Westpreußen, vernichtete ein 24stündiger Regen die Ernte, besonders den Weizen. In einigen Gegend von Ost- und Westpreußen sind die Felder so unpassirbar, daß es unmöglich ist, die Ueberreste der Getreideernte einzuheimsen. Die Kartoffeln fangen an zu verfaulen.

Es geht hieraus hervor, daß die amtliche Schätzung der deutschen Ernteaussichten, welche neulich veröffentlicht wurde, bedeutend heruntergesetzt werden muß. Der Roggen ist beinahe ganz zerstört. Weizen und Gerste behalten nur noch einen sehr geringen Marktwerth. Für die arbeitende Klasse ist das Zerstören der Kartoffelernte höchst verhängnisvoll und die Regierung wird bereits ernstlich um Hülfe anrufen.

August 1880. (Schreibweise original)

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