Zu spät – einfach zu spät

Ein trauriger Vorfall hat sich in Eisenach ereignet. Ein dort am 9. April angekommenes Brautpaar hatte in einem Hotel Wohnung genommen und eine Waldpromenade gemacht. Am Nachmittage hörten Passanten in der Landgrafenschlucht zwei Schüsse fallen und fanden im hinteren Theile der Schlucht an einer Buche ein Taschentuch mit einem Zettel angeheftet, worauf die Worte geschrieben waren: „Auf dem Felsen rechts liegen zwei Leichen“.

Man fand denn auch sofort ein junges Paar in seinem Blute schwimmend vor. Der junge Mann, ein 25jähriger Kaufmann, aus dem Kreise Ratibor stammend, hatte zuerst seine Braut und dann sich selbst mit einem sechsläufigen Revolver durch die linke Brust geschossen. Nach sofort herbeigerufener ärztlicher Hülfe wurden die Unglücklichen ins Krankenhaus übergeführt.

Ehehindernisse scheinen den Grund zu dieser traurigen Katastrophe gegeben zu haben, denn kurze Zeit nach dem Vorfalle lief ein Telegramm von dem Bruder der jungen stattlichen Dame an die Eisenacher Polizei ein, mit der dem Polizeiamt in Leipzig unterstützten Bitte, nach einem näher bezeichneten, sich mit Selbstmordgedanken tragenden Brautpaare zu forschen und dasselbe zur Rückkehr aufzufordern, da alle Hindernisse beseitigt seien und sich Alles zum Guten gewandt habe.

Leider kam das errettende Telegramm für das unglückliche Paar einige Stunden zu spät. Ob die jungen Leute, welche vereint zu sterben beschlossen, dem Leben erhalten werden, ist noch zweifelhaft, besonders bei dem Zustande der jungen Dame.

Mai 1880. (Schreibweise original)

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