„Na, das ist aber nicht schlecht!“ oder Der Hauptmann von Köpenick

Die Sensation des Tages bildet noch immer die gelungene Raubaffaire in Köpenick, deren schon gemeldete Einzelheiten durch weitere Berichte vollkommen bestätigt werden. Hier ist thatsächlich kaum von etwas Anderem die Rede. Die Ausführung des genial erdachten Gaunerstückchens, dessen Held der Mann mit der Gardeoffiziers-Maske gewesen, war allein möglich einmal durch den Riesen-Bluff des Thäters, sodann aber kam ihm ein bedeutender Faktor zugute: die absolute Hülflosigkeit des Bürgermeisters Langerhans in Köpenick und des Kassenrendanten Wiltberg.

Beide müssen als die reinen Unschuldsperlen vom Lande nicht schlecht Spießruthen laufen. Daß der höchste Civilbeamte einer Stadt von mehr als 21,000 Einwohnern sich in völligster Unkenntnis der Befugnisse des Militärs befindet und dieses zur Vornahme von Verhaftungen berechtigt wähnt, erregt ein allgemeines Schütteln des Kopfes.

Köpenick muß es sich deshalb gefallen lassen, als modernes Schilda und Schöppenstedt ausgelacht zu werden. Den Gipfel der Komik aber erreichte ein Extrablatt der „Niederbarnimer Zeitung“, welches heiligen Ernstes meldete, daß auf allerhöchsten Befehl das Rathaus von Köpenick militärisch besetzt und der Bürgermeister der Stadt in Haft genommen worden sei.

Wie der Herr „Gardehauptmann“ es fertig bringen konnte, die Abtheilung Soldaten von Berlin nach Köpenick zu führen, ohne daß diese Lunte roch, ist auch noch ein ungelöstes Räthsel. Es hat sich herausgestellt, daß der falsche Offizier nicht nur durchaus vorschriftswidrig gekleidet war, sondern auch einen ganz unmilitärischen Eindruck machte. Trotzdem glückte der Bluff.

Die Soldaten, mit deren Hülfe der Gauner seinen Geniestreich vollführte, wurden heute Vormittag auf das Köpenicker Rathaus gebracht, um dort zu schildern, wie die ganze Geschichte, vor sich gegangen ist. Die Aussagen lauten widersprechend. Der Köpenicker Bürgermeister Dr. Langerhans ist infolge des eigenartigen Erlebnisses und der damit verbundenen gewesenen Aufregungen schwer erkrankt.

Kaiser Wilhelm soll, als ihm die Nachricht hinterbracht wurde, unwillkürlich gelacht und dabei: „Na, das ist aber nicht schlecht!“ gerufen haben. —

Die erste Spur, welche schließlich zur Entdeckung des Thäters, des 57 Jahre alten Schuhmachers Wilhelm Voigt, führte, gab ein Sträfling im Zuchthaus zu Rawitsch im Regierungsbezirk Posen an, wo auch der falsche Hauptmann lange Zeit einquartirt gewesen war. Er erzählte, daß Voigt wiederholt geäußert habe, „mit dem Militär könne man die schwierigsten Sachen machen“.

Voigt war nach Verübung seiner Köpenicker That ruhig in Berlin geblieben und nahm auch seine Verhaftung durchaus gemüthlich auf. Der Polizei, welche ihn hinter Schloß und Riegel brachte, lieferte er von der erbeuteten Summe noch über zweitausend Mark ab. Auf die im Gewahrsam an ihn gestellten Fragen antwortete er frank und frei. Er legte ohne Weiteres ein volles Geständnis ab. Er ist ein wohlbekannter Zuchthausvogel, der insgesammt 25 Jahre Gefängnis und Zuchthaus wegen Fälschungen, Schwindeleien und Einbruchs abgebüßt hat. Gefälschte Dokumente, mit denen er ja auch sein Köpenicker Räuberstückchen ausführte, waren seine Spezialität. Einen 15jährigen Straftermin hatte er erst im letzten Februar absolvirt.

Oktober/November 1906. (Schreibweise original)

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