Deutsche Auswanderungsstatistik. Teil I. Eine klaffende Wunde.

In der deutschen Reichstagssitzung vom 8. März dieses Jahres bezeichnete der Abgeordnete Lingens die Auswanderung als eine klaffende Wunde Deutschlands, als eine Krankheitserscheinung, mit deren Untersuchung sich die leitenden Staatsmänner ernstlich zu beschäftigen hätten. Diese Worte waren auf keinen steinigen Boden gefallen. Man muß indeß der preußischen Regierung gerecht werden und die Thatsache anerkennen, daß diese es sich schon seit Mitte der vierziger Jahre hat angelegen sein lassen, über die Aus- und Einwanderung zuverlässige Daten zu sammeln. Wenn uns nun auch keine Statistik über die Auswanderung aus dem gesammten Deutschland vorliegt, so haben wir doch an der Statistik über die Auswanderung aus den preußischen Provinzen einen Anhaltepunkt, der uns eine annähernde Zahl von der Gesammtauswanderung aus den deutschen Gauen zu bilden gestattet.

Es ergibt sich daraus, daß in dem Zeitraume vom 1. October 1844 bis zum Schlusse des Jahres 1877 nicht weniger als 821,033 Personen das Gebiet des jetzigen preußischen Staates verlassen haben. Auf die einzelnen Provinzen waren sie auf folgende Prozentsätze vertheilt: Preußen 15,9, Rheinland 13,1, Schlesien 11,6, Hannover 11,1 (seit 1867 einschließlich), Schleswig-Holstein 10,3, Posen 11,1, Pommern 6,8, Brandenburg 6,6, Sachsen 5,9, Hessen-Nassau 4,2, Westfalen 3,9, Hohenzollern 0,5. Berücksichtigt man, daß diese Ziffern im Wesentlichen nur den Austritt aus dem preußischen Unterthanenverbande, soweit derselbe von den Behörden zur Zahl gebracht ist, erkennen lassen, daß die Tabellen für den Zeitraum von 1844 bis 1854 die Zahl der ohne förmliche Entlassungs-Urkunden Ausgewanderten nicht enthält, sodann daß die Ermittlungen für die neugewordenen Gebietstheile erst seit dem Jahre 1877 anheben, so erhellt, daß die wirkliche Auswanderung eine ungleich größere gewesen sein muß. Obige Gesammtsumme vertheilt sich auf die einzelnen Provinzen wie folgt: Preußen 77,905, Rheinland und Hohenzollern 150,359, Schlesien 52,103, Hannover 67,407, Schleswig-Holstein 39,640, Posen 64,774, Pommern 118,386, Brandenburg 60,768, Sachsen 69,766, Hessen-Nassau 34,373, Westfalen 85,551.

In Gruppen eingetheilt ergeben sich 443,703 für die sechs östlichen Provinzen, 235,910 für die beiden westlichen, 141,420 für die neu erworbenen drei mittleren. Die selbstredend für jeden einzelnen Regierungsbezirk oder Landdrostei ausgemittelten Jahreszahlen ergeben, daß die Flut der Auswanderung im Westen beginnend, sich in ziemlich regelmäßiger Bewegung nach dem Osten fortgesetzt hat, daß sie ihren ersten Höhepunkt in der Mitte der fünfziger Jahre in den westlichen Provinzen, ihren zweiten gegen Ende der sechziger Jahre in den mittleren und ihren dritten zu Anfang der siebziger Jahre in den östlichen Provinzen erreichte, wo die Flut zwar abläuft, sich anscheinend aber von Neuem zu erheben beginnt.

Eben so läßt sich erkennen, daß der Strom der Auswanderung seit 1867 stellenweise ein ungleich heftigerer gewesen ist als je zuvor, daß also die von Westen heraufgekommene Flut an Kraft nicht nachgelassen, vielmehr gewonnen hat; eine um so beachtenswerthere Erscheinung, als die Auswanderung in dem östlichen Theile der Monarchie eine dünnere Bevölkerung betroffen, als um so größere Lücken gerissen hat.

Von 1879. (Schreibweise original)
Fortsetzung folgt.

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