Kamele in der Berliner Straßenbahn?

Im August des Jahres bestieg eine Dame mit einem kleinen Kinde, welches eben geimpft worden war, einen Wagen der Ringbahn und bat einen ihr gegenübersitzenden Herrn, der sich später als der Redakteur Cuno, Herausgeber des „Apollo“, erwies, mit Rücksicht auf ihr Kind doch das Fenster zu schließen, da es im Wagen stark zog. Der also Angesprochene lehnte diese Bitte mit brüsken Worten rundweg ab; die Dame rückte bescheiden in eine Ecke, äußerte aber ihren Mißmuth, als der Herr sie gar noch weiter mit spitzen Redensarten behelligte.

Herr Cuno wurde dadurch gewaltig gereizt, schrie der Dame entgegen: „Sie sind ein Kameel!“ und zog gleichzeitig noch einige Vergleiche zwischen „Frauenzimmern und Kameelen“ im Allgemeinen. Die Dame sah sich in Folge Dessen genöthigt, den Wagen zu verlassen, aber auch der Störenfried mußte auf Intervention des Condukteurs den Wagen verlassen, nachdem seine Rache festgestellt war.

Herr Cuno war aus Anlaß dieses Vorfalls in eine Polizeistrafe von 5 Mark genommen, beruhigte sich dabei aber nicht, sondern sorgte durch seine Berufung an das Schöffengericht für möglichste große Publizität dieses unerquicklichen Vorfalls. Das Schöffengericht faßte die Sache ernster auf und verurtheilte den Angeklagten nicht nur wegen Straßenpolizei-Contravention zu 5 Mark, sondern auch wegen groben Unfugs zu 50 Mark Geldbuße, welche Strafe mit Hinweis darauf motivirt wurde, daß sich der Angeklagte gegen die schutzlose Frau in recht brutaler Weise vergangen habe.

Im Dezember 1880. (Schreibweise original)

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