Feuer in Siedlec. Akt II. Der Aufruf.

Am 3. des Monats ist die Landgemeinde Siedlec, Kreis Bomst von einem schweren Brandunglücke heimgesucht worden. Durch Schornsteinbrand verursacht, und von dem am Tage herrschenden Winde stark angefacht, verbreitete sich das Feuer mit einer derartigen Schnelligkeit, daß an ein Retten kaum zu denken war. In einem Zeitraum von etwa einer halben Stunde standen 24 Wirthschaften mit 50 Gebäuden in Flammen; 40 Familien sind obdachlos. Das Mobiliar ist größtentheils verbrannt; auch einiges Vieh ist in den Flammen umgekommen.

Die Gebäude sind fast durchweg versichert. Indeß sind die Versicherungssummen, da die Gebäude fast ausschließlich mit Stroh gedeckt waren, und die Prämien in Folge dessen außerordentlich hohe sind, nur sehr kleine, so daß die Beschädigten für die zu erhaltenden Versicherungssummen die abgebrannten Gebäude nicht annähernd aufbauen können. Das Inventar und das Getreide war bis auf 4 Fälle gar nicht versichert, da die Beschädigten die Versicherungsprämien, die bei der weichen Bedachung der Häuser sehr erheblich sind, aufzubringen außer Stande waren.

Die Beschädigten sind kleine Wirthe und Arbeiter. Obwohl die Leute fleißig und ordentlich sind, so sind sie doch nicht in der Lage gewesen, große Ersparnisse zu machen, haben vielmehr von ihren Wirthschaften in den für die Landwirthe so schweren Zeiten nur gerade ihre Existenz sichern können. Während in diesem Jahre die Umgebung nur eine knappe Mittelernte hatte, freuten sich die Bewohner des abgebrannten Dorfes über einen noch verhältnißmäßig guten Ertrag ihrer Felder. Heute irren sie obdachlos, ihrer Habe und ihres Erntesegens beraubt, umher. Herzzerreißend ist daher der Anblick der Verunglückten, wie sie bei ihren wenigen Habseligkeiten klagen und jammern.

Sehr viele der Beschädigten werden weder aufbauen, noch sich auf ihrer Scholle halten können, wenn ihnen nicht von ihren Mitmenschen geholfen wird. Die Unterzeichneten richten daher an alle Menschenfreunde die dringende Bitte, durch Spenden mithelfen zu wollen, daß die so hart betroffenen in den Stand versetzt werden, wieder aufbauen und ihre Wirthschaft fortführen können.

Wollstein im August 1901. (Schreibweise original)

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