Erbschaft in Wien. Akt IV. Eine Gräfin im Zuchthaus.

In Bayreuth begann am 12. Dezember (1883) vor dem Schwurgericht die Verhandlung gegen die Gräfin Baudissin von Bamberg und Genossen wegen Verbrechens des Meineids. Dem Prozesse liegt folgende Vorgeschichte zu Grunde.

Am 27. März 1879 starb in Wien der unverheiratete Juwelier Martin Ott mit Hinterlassung eines Vermögens von ungefähr 4 Millionen Gulden östreichischer Währung. In seinem Nachlaß fand sich ein Testamente, welches aber dadurch hinfällig geworden, daß der in demselben eingesetzte Universalerbe, ein Wiener Handelsmann, Namens Siré, vor dem Erblasser mit Tod abgegangen war. Um die Verwandten des Ott zu ermitteln, gab es eine öffentliche Aufforderung, in Folge Dessen meldeten sich nicht weniger als 51 millionenbedürftige Familien.

Es kam in der That zur Klagestellung und Beweisaufnahme. Letztere ergab das alleinige Erbrecht der Unterwittighausener Erbengruppe mit solcher Evidenz, daß sämmtliche Klagen unbedingt und vorbehaltlos abstanden und durch Bescheid die Erbengruppe um Katharina Schmidt und Genossen, als einzige legitimirte Erben anerkannt wurden. In diesem Bescheide wurde auf Grund des geführten Beweisverfahrens festgestellt, daß der Erblasser Martin Ott der am 13. September 1799 in Grünsfeld-Zimmern (einem badischen Orte, hart an der bayerischen Grenze) geborene Johann Martin Ott, ehelicher Sohn des Bartholomäus Ott aus Grünsfeld-Zimmern und dessen Ehefrau Anna Marie, geb. Henneberger, war.

Die badische Erbengruppe hatte also vollauf gegründete Aussicht, die ganze Erbschaft nach Abzug der Legate des hinfällig gewordenen Testaments zu erhalten. Da machte ihnen plötzlich in letzter Stunde eine neue Erbengruppe einen sehr unliebsamen Strich durch die Rechnung. In der Nähe von Bamberg, in dem Dörfchen Unteroberndorf meldeten sich plötzlich die Enkel eines gewissen Andreas Ott, welcher am 12. Mai 1763 in Unteroberndorf geboren war. Sie behaupteten, daß Andreas Ott außer dem Peter und der Kunigunda Ott noch ein drittes Kind in seiner Ehe erzeugt habe, nämlich einen im Jahre 1802 geborenen Johann Martin Ott. Letzterer sei in seiner Jugend, um einer drohenden Criminaluntersuchung aus dem Wege zu gehen, geflüchtet, habe sich über Baden nach Wien begeben und sei dort als reicher Juwelier gestorben.

Zwar ergab sich aus den Taufmatrikeln kein Geburtseintrag des Johann Martin Ott, und auch in den sogenannten Firmungsregistern war Nichts von ihm zu finden, doch wußte man diese fehlenden Einträge gar bald durch Zeugenaussagen, sowie durch amtliche Bestätigungen zu ersetzen. Aus der Anklage geht hervor, daß die ganze Gegend nach Zeugen abgesucht wurde und daß sich schließlich auch verschiedene Personen fanden, die sich dazu hergaben, zu bestätigen, daß Andreas Ott einen Sohn Johann Martin gehabt habe, daß er im Jahre 1802 geboren und mit ihnen lange Zeit in die Schule gegangen sei, daß derselbe in den 20er Jahren plötzlich wegen dringenden Mordverdachtes flüchtig geworden sei und sich nach Wien begeben, wo er sich im Laufe der Zeit ein kolossales Vermögen erworben habe.

Die Gräfin Karoline v. Baudissin, Ehefrau des in holsteinischen Diensten gestandenen, nunmehr in Bamberg lebenden Rittmeisters a. D. Grafen Julius v. Baudissin, ist bei Cannstatt am 29. Oktober 1825 geboren und seit 27 Jahren mit ihrem jetzigen Mann verheirathet, mit welchem sie u. a. Reisen nach Amerika, Spanien, dem Orient u. f. w. gemacht hat. Die Angeklagten, welche des Meineids angeklagt sind, sind sämmtlich bis auf Johann Groh, jun., geständig. Speziell der alte Groh erklärt mit voller Bestimmtheit, daß die Gräfin Baudissin und Johann Ott ihn zum Meineid angestiftet hätten; mit dem Versprechen, ihn für sein ganzes Leben gut zu versorgen, wenn er so aussage, wie sie es wünschten. Auch die anderen Angeklagten wollen mit der Versprechung, sie bekämen einen halben Kopftheil der Erbschaft, verführt worden sein. Die Gräfin stellt mit aller Entschiedenheit in Abrede, den Groh verleitet, sie will ihn im Gegentheil ausdrücklich ermahnt haben, nur die reine Wahrheit zu sagen, lieber Etwas weniger, als Etwas mehr.

Johann Groh, jun., blieb indessen hartnäckig auf seinen vor dem Untersuchungsrichter abgegebenen Angaben stehen. Die Gräfin Baudissin erzählt in längerer, fließender Ausführung, wie sie überhaupt dazu gekommen sei, sich in die Erbschaftsangelegenheit einzumengen. Es hätten die vermeintlichen Erben des Juweliers Johann Martin Ott sich ihr förmlich angeboten; nicht sie sei zuerst zu ihnen gegangen und habe sich ihnen angeboten. Sie habe von vornherein an die Identität des Wiener Ott mit dem Unteroberndorfer Ott geglaubt, zumal den Bamberger Erbbetreibern von Wien aus sowohl von den Advokaten, die in dieser Angelegenheit in Wien für die Unteroberndorfer Erbprätendenten thätig waren, als auch von den von Bamberg aus hingeschickten Agenten stets die glänzendsten Hoffnungen über den Betrieb der Sache gemacht wurden. Sie habe allerdings die umfassendsten Recherchen gepflogen, sei nach Wien gereist, habe dort an Ort und Stelle Erkundigungen eingezogen und in Erfahrung gebracht, daß sich Ott stets als Bayern bezeichnet habe, sei auch in Zimmern in Baden gewesen und habe gefunden, daß die dortigen Prätendenten ihrer Sache durchaus nicht gewiß waren.

Sie bleibe fest darauf stehen, weder den Groh, noch irgend einen Anderen zu einem falschen Zeugnisse veranlaßt zu haben. Ebenso bestreitet Johann Ott, auf irgend einen Zeugen in strafbarer Weise eingewirkt zu haben. Am 15. Dezember wurde das Urtheil gefällt. Sämmtliche Angeklagte wurden schuldig gesprochen; Gräfin Baudissin wurde zu drei Jahren Zuchthaus, die anderen Angeklagten zu Zuchthausstrafen in der Dauer von einem bis zu den drei Jahren verurtheilt.

Januar 1884. (Schreibweise original).
Fortsetzung folgt

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