Erbschaft in Wien. Akt II. Die monetären Begehrlichkeiten fordern einen Prozeß.

Die große Erbschaft des Wiener Hausbesitzer und Spießbürgers Martin Ott, auf welche auch zahlreiche Deutsch-Amerikaner in Baltimore, Pittsburg, Buffalo und anderen Orten hoffen, hält die europäische Presse noch immer in Bewegung, trotzdem die Sache vorläufig dadurch abgethan wurde, daß das Gericht dem Fiskus die Hinterlassenschaft überwies. Wie bekannt, gründet sich die gerichtliche Abweisung der Ansprüche auf den Nachlaß Ott’s hauptsächlich darauf, daß der urkundliche Nachweis über den Geburtsort, das Alter und die eheliche Abstammung des Martin Ott fehle.

Der Verstorbene bezeichnete in seinem Testamente den Ort Zimmern in Baden als seinen Geburtsort, gab auch eidlich an, von dort gebürtig zu sein, wurde bei der Volkszählung im Jahre 1857 als aus Zimmern in Baden conskribirt, spendete im Jahre 1847 der dortigen Kirche einen werthvollen Kelch, vermachte in seinem Testamente seinem Vetter mütterlicher Seite, Max Schmitt, Bürgermeister in Unter-Wittighausen, und doch will das Wiener Landesgericht die Identität des Verstorbenen mit dem im Jahre 1799 geborenen Johann Martin Ott nicht anerkennen. Nun sind aber zahlreiche Personen, und besonders in Böhmen, vorhanden, welche vollkommen glaubwürdig die nächste Verwandtschaft mit dem Verstorbenen nachzuweisen im Stande sind. Hr. Karl Obermann, Kaufmann in der Stadt Weinberge, ist ein Großneffe des Erblassers und besuchte ihn auch in Wien. Mit nicht geringer Mühe hat er einen Stammbaum nach den Matrikeln zusammengestellt, der bis zum Jahre 1655 hinaufreicht.

Als Stammhalter erscheint hier ein gewisser Balthasar Ott aus Zimmern in Baden, von dessen eilf Kindern sich blos die direkten ehelichen Nachkommen des Sohnes Johann Ott, geboren im Jahre 1751, erhalten haben, und zwar war dieser ein Onkel des am 13. September 1799 geborenen Johann Martin Ott, der auch nach dem Stammbaume wirklich als ein Vetter mütterlicherseits des im Testamente bezeichneten Max Schmitt angeführt ist. Diese Linie, zu welcher auch Hr. Obermann gehört, hat die meiste Aussicht auf Erfolg, doch wird selbstverständlich ein längerer Prozeß mit der Finanz-Prokuratur, welche gegenwärtig das Nachlaßvermögen verwaltet, vorangehen müssen.

September 1880. (Schreibweise original).
Fortsetzung folgt

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