Erbschaft in Wien. Akt I. Das Spiel beginnt.

Vor mehreren Monaten ging die Nachricht durch die Presse, daß in Wien der Hausbesitzer Martin Ott ohne Erben mit Hinterlassung eines ungeheurn Vermögens gestorben sei, und daß die gesetzlichen Erben gesucht würden. In Baltimore wohnt eine Familie Ott, deren Eltern noch mit dem Wiener Ott correspondirt haben. Dieselben haben Schritte gethan, um ihre Verwandtschaft mit Hülfe eines tüchtigen Advokaten feststellen zu lassen. Auch in Pittsburg wohnen Otts, welche in Deutschland nachgeforscht haben; ihnen ist durch das Landesgericht in Wien durch den östreichisch-ungarischen Konsul Max Schaumburg in Pittsburg folgende Auskunft ertheilt worden:

In Erwiderung auf das dortamtliche geschätzte Schreiben vom 02. Juli 1879, beehrt man sich, Nachstehendes bekannt zu geben: In Ansehung der Abstammung des in Wien am 27. März 1879 verstorbenen angeblich 80 Jahre alten Hausbesitzers Martin Ott kann aus den bisherigen Akten eine authentische Aufklärung nicht gegeben werden. Der Verstorbene bezeichnete in seinem Testamente vom 16. Juni 1854 Zimmern im Großherzogthum Baden als seinen Geburtsort, war jedoch nicht im Besitze eines Geburtsscheines. Durch die Nachforschungen des bestellten Curators der unbekannten gesetzlichen Erben, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Michael Ritter, wurde eruirt, daß in Zimmern bei Grünsfeld im Großherzogthum Baden am 13. September 1799 ein Johann Martin Ott, Sohn des Bartlomeus Ott und der Anna Marie Henneberg geboren ist; doch ist die Identität dieses Letzteren mit dem Erblasser bisher nicht sicher gestellt.

Laut des vorgefundenen Reisepasses des Amtes Gerlachsheim in Baden, vom 07. Juli 1818 war Martin Ott, damals 19 Jahre alt, Handlungs-Comis und aus Grünsfeld, Zimmern gebürtig. Über die Verwandtschafts-Verhältnisse ist aus dem Testamente des Erblassers weiter nur zu entnehmen, daß er seinem Vetter mütterlicherseits, Max Schmidt, Bürgermeister in Unter-Wittighausen in Baden, die Summe von 100,000 Gulden und seinen übrigen Verwandten in Unter-Wittighausen 10,000 fl. legirte. Der Nachlaß des Verstorbenen besteht in den Häusern Nr. 14, Johannisgasse, und Elisabethstraße Nr. 1, im 1. Bezirke in Wien, im Schätzwerthe von 750,000 fl. und vielen Werthpapieren und ist mit 2,072,626 fl. inventirt.

Schließlich wird bemerkt, daß bis heute noch keine Erbschaftserklärung angenommen wurde, und daß sich zwar schon viele Personen im Inlande und Auslande gemeldet haben, ohne ihr Erbrecht jedoch gesetzmäßig auszuweisen, und daß die Ediktalfrist der Erben-Convocation mit dem 23. Mai 1880 abläuft, heute daher noch nicht bekannt ist, ob und welche Erben zur Erbschaft berufen sind.

In Baltimore wohnen fünf Kinder eines muthmaßlichen Neffen des reichen Erblassers. Dieser Neffe hieß Johann Karl Ott, Sohn von Franz Ott, einem Bruder des Martin Ott in Wien. Johann Karl Ott erhielt angeblich im Jahre 1849 einen Brief von dem „reichen Onkel in Wien“, welches Schreiben jedoch bei einer Feuerbrunst verbrannte. Die Baltimorer Erben haben Herrn Heinrich Tieck als ihren Anwalt engagirt, und wird sich derselbe, sobald es erwiesen ist, daß Martin und Franz Ott Brüder waren, nach Deutschland begeben, um die Angelegenheit zu betreiben.

September 1879. (Schreibweise original).
Fortsetzung folgt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: