Das Unglück der Deutschland. Teil IV. Die Untersuchung & eine Romanze.

Von der letzten Woche ist ein Seeunglück zu berichten. Am 4. Dez. verließ der schöne große Dampfer „Deutschland“ Bremerhaven um eine Anzahl Auswanderer nach unserm Lande zu bringen, doch schon ehe das Schiff den Canal passirt und in den atlantischen Ocean gekommen war, geschah das Unglück: der Dampfer strandete in der Nordsee. Fortsetzung.

Nach den letzten Berichten schätzt man, daß wenigstens 88 Personen, von denen 46 Passagiere waren, umgekommen sind. In Sheerneß fand ein Inquest über die in dem Quartiermeisterboote gefundenen Leichen statt. Die Verhandlungen waren nur formell. Die Jury weigerte sich, eine Vertagung zu beschließen, bis das Resultat der amtlichen Untersuchung in Harwich vorliegt. Capt. Brickenstein wurde zuerst vernommen. Er sagte, daß die Bemannung des Dampfers 99 Personen zählte. Nachdem derselbe Bremerhaven verlassen, steigerte sich der Sturm zum Orkane. Die Schnelligkeit des Dampfers wurde reduzirt. Am Sonntag Morgen gegen 4 Uhr zeigte das Senkblei 17 Faden Tiefe; dieses war 7 Minuten vorher, ehe der Dampfer auflief. Sofort wurde die Brandung durch das Schneegestöber sichtbar. Ließ die Maschine rückwärts arbeiten, die Schraube brach, ehe der Dampfer sich rückwärts bewegte.

Das Boot trieb auf den Sand 28 Stunden vor der Rettung der noch lebenden Passagiere. Am Dienstag Morgen gegen 3 Uhr füllte sich der Dampfer mit Wasser, und die Passagiere mußten in die Takelage klettern. Wenn in der Montags-Nacht ein Rettungsboot ausgeschickt worden wäre, hätten viel mehr Personen gerettet werden können. Es ergab sich, daß in Harwich kein Rettungsboot stationirt ist. Capt. Brickenstein sagte während des Verhörs, er habe keine Befürchtung empfunden, weil er das Leuchtfeuer von Galloper nicht gesehen, denn er habe nicht erwartet, dasselbe vor ½ 7 Uhr Morgens zu Gesicht zu bekommen. Wenn man die Brandung früher wahrgenommen, hätte das Schiff vielleicht gerettet werden können. Die anderen Offiziere bestätigten die Aussagen.

Bei der Untersuchung in Harwich sagte gestern Capt. Brickenstein aus, daß er vorüberfahrenden Fahrzeugen Signale gegeben habe, daß jedoch keins dieselben beachtete. Die Geschworenen und Andere gaben zu, daß man die Nothsignale in Harwich sah. Ein Geschworener sagte, daß die Seeleute sich nicht verpflichtet fühlten, ohne Rettungsboot ihr Leben zu wagen.

…wird berichtet (10.12.), daß der Dampfer Deutschland entzwei gebrochen ist.

…wird berichtet, als am Dienstag Morgen die Passagiere in die Wanten beordert wurden, begingen ein Mann und eine Frau Selbstmord aus Verzweiflung. Adolph Hermann half dem Fräulein Anna Petzold von New-Jork in die Takelage und Beide wurden gerettet. Sie sind jetzt verlobt. Viele der Geretteten litten durch Frostbeulen. Mehr als die Hälfte der Passagiere waren Deutsch-Amerikaner.

Das Unglück der Deutschland.
Teil I. Erste Nachrichten.
Teil II. Details. (Namensliste)
Teil III. Noch mehr Gerettete. (Namensliste)
Teil IV. Die Untersuchung & eine Romanze.
Teil V. Der Bericht des Kapitäns.
Teil VI. Schriftverkehr. I. Gekränkte Ehre.
Teil VII. Schriftverkehr. II. Die Antwort des Abgeordneten.
Teil VIII. Schriftverkehr. III. Die Antwort von Reichskanzler Bismarck.

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