Familiensinn

So bedauerlich es sein würde, wenn der Familiensinn, d. h. die Liebe zur Familie, in welcher man geboren, das Interesse für deren Geschichte, etc., in adeligen Kreisen, wo er von jeher mit soviel Pietät gepflegt wurde, abzunehmen drohte, so erfreulich, schreibt ein Mitarbeiter, ist die Gegenströmung, welche sich zurzeit im Bürgerstande geltend macht, wo man sich neuerdings mit viel Eifer und großer Gründlichkeit der Genealogie zuwendet und durch dieses Studium dem Familiensinn neues Leben und neue Nahrung bringt. Daß dieses letztere unserer heutigen Zeit überaus noththut, scheint mir fraglos.

Wenn ich mich daher an die Mütter wende und sie bitte, in den Herzen ihrer Kinder den Familiensinn zu hegen und pflegen, so geschieht es in der festen Ueberzeugung, daß derselbe ein wichtiger Faktor bei der Erziehung der herangewachsenen Jugend ist. Die Familie soll den jungen Leuten – wenn ich sagen kann – eine Persönlichkeit – sein und zwar eine wichtige Persönlichkeit, über deren Ansehen ein jeder ängstlich wacht, für deren Ruf ein jeder sich verantwortlich fühlt. Das Interesse für sie sei der gemeinsame Boden, auf welchem sich alle Familienmitglieder zusammenfinden, das Band, welches die einzelnen Zweige verbindet, welches sich von Generation zu Generation schlingt und ein festes Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugt zwischen den jetzt Lebenden und allen, welche je denselben Namen getragen haben oder einstens tragen werden.

Der moderne Zeitgeist preist die Lebensauffassung jener Menschen, welche nur die Gegenwart kennen, nicht Vergangenheit noch Zukunft. Da ist es gut, wenn die Blätter der Familiengeschichte uns daran erinnern, wie oft die Gegenwart die Früchte der Vergangenheit genießt, und wie vielmals wir vielleicht mühelos ernten, was unsere Vorfahren im Schweiße ihres Antlitzes gesäet. Und sollte sich ein Abschnitt finden, der uns vor Augen führt, welch großes Unheil die Sünde und der Leichtsinn und die Verschwendungssucht eines einzelnen über ganze Familien, ja Generationen bringen kann, und wie der wirthschaftliche Niedergang einer Familie häufig mit dem moralischen Hand in Hand geht – so ist auch das eine heilsame Lektüre.

Zu Zeiten unserer Großeltern war es üblich, daß die Familie sich an langen Winterabenden um den knisternden Kamin versammelte. Da wurden die Bilder der Vergangenheit lebendiger, Erinnerungen an längst entschwundene Zeiten wachgerufen. Das Vaterhaus der Eltern, ihre Kinderjahre traten vor die Seele der lauschenden Jugend. Die Gestalten der Vorfahren wurden ihnen liebe, vertraute Bekannte. Der Tageslauf des modernen Menschen mit seiner fiebernden Hast kennt keine langen gemüthlichen Winterabende, und seine Gedankenwelt umschließt nur die Lebenden. Die Gestalten seiner Vorfahren, deren Erbe er angetreten, deren Blut in seinen Adern rollt, sind ihm oft fremder als Fremde. Versetzungen in der Ausübung des Berufs, geschäftliche Rücksichten treiben ihn von Stadt zu Stadt.

Er hat nie den Ort gesehen, wo die Wiege seiner Voreltern stand noch die Stätte, wo ihre Gebeine ruhen. Familiensinn und Pietät sind ihm leere Begriffe. Daß sie auch euren Kindern nicht leere Begriffe werden, das liegt in eurer Hand. Der Familiensinn ist so eng mit der Liebe zur heimathlichen Scholle verwachsen, so innig auch mit dem deutschen Charakter, daß man ihn nur zu wecken braucht. Drum thut es!

Aus dem Jahr 1910. (Schreibweise original).

Welch ein weiser und bemerkenswerter Artikel zu jener Zeit, der nichts, aber auch gar nichts an Aktualität eingebüßt hat. Beklagenswert manche Mitglieder meiner Familie, die nicht mal ihre Großeltern oder Urgroßeltern benennen, geschweige denn Detailwissen ihrer Herkunft oder mehr erläutern können. Gepflegte Ignoranz. Ich hörte gar von Menschen, die stolz auf ihre familiäre Unwissenheit sind – mein Mitleid ist diesen Toren sicher. Die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet. Und so schließe ich mit den Worten von Karl May:

„Wer auf seine Verstorbenen verzichtet, der ist nicht wert, daß sie für ihn gelebt haben. Er würde ja dadurch auf sich selbst verzichten, weil er sein Dasein nur dem ihrigen verdankt.“

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