Verkommene Individuen

Constanz. Gestern Abend fällte das Schwurgericht zwei Todesurtheile gegen Albert Wetzel und Johann Ortlieb von Bermatingen wegen Mordes, Brandstiftung und Betruges. Diese Verbrechen wurden mit seltener Berechnung und Rohheit vollbracht. Wetzel, ein 29jähriger roher Mensch, hatte eine Brauerei in Bermatingen erheirathet und gerieth durch Vergrößerung derselben und weil das Geschäft nicht ging, in mißliche Vermögensverhältnisse. Ein Brand sollte helfen. Da er Entdeckung fürchtete, beschloß er, das Feuer nicht selbst anzulegen, und er fand in dem verkommenen, 49 Jahre alten Schreiner Ortlieb, dem er 300 M. versprach, hülfreiche Hand.

Während Wetzel zur Hunde-Ausstellung nach Ulm verreist war, Anfangs Juli, zündete Ortlieb Nachts das Haus an, welches sammt der Brauerei und Oekonomie gänzlich niederbrannte. Frau Wetzel und zwei Dienstmädchen konnten sich mit Noth retten, ein Knecht kam in den Flammen um, Wetzel hatte sein Besitzthum viel zu hoch versichert und erhielt nicht die erwartete Entschädigung.

Hierdurch und durch den Neubau gerieth er noch mehr in Schulden und nun faßte er den Entschluß, seine Frau wegzuschaffen und eine Heirath einzugehen, durch welche Geld in’s Haus komme. Anfang Februar gab er seiner arglosen Frau mehrmals Arsenik, welchen wieder Ortlieb herbeischaffen mußte. Derselbe erhielt das Gift von einem umherziehenden Rattentödter Namens Allgäuer. Erst mehrere Monate nach dem Tode der vermeintlich an Magenkrämpfen verstorbenen Frau ergaben sich Verdachtsgründe, welche durch die Ausgrabung und chemische Untersuchung bestätigt wurden.

Wetzel wurde in Herdwangen verhaftet, als er mit seiner Braut Besuche machte, um zu der Hochzeit einzuladen, die drei Tage später stattfinden sollte. Auf dem Transporte hierher und im Gefängniß machte Wetzel mehrere Selbstmordversuche; in der Verhandlung leugnete er Alles, während Ortlieb ein umfassendes Geständnis ablegte. Die Verhandlung währte zwei Tage und brachte ein reiches Beweismaterial an’s Licht, welches keinem Zweifel Raum ließ, so daß das Schuldig erfolgte.

Aus dem Jahr 1878. (Schreibweise original).

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