„Das saubere Bräutchen“

Ein Berliner Ballokal, an den Litfaßsäulen stets mit fetter Schrift namentlich den Berlin besuchenden Fremden empfohlen, war jüngst in einer Nacht von Sonntag zum Montag der Schauplatz einer recht traurigen Komödie. Am genannten Abend kamen nämlich gegen 12 Uhr drei Herren in den Ballsaal, als gerade die Musik zu dem dort unvermeidlichen Cancan anstimmte und die Damen sich zum Tanzen aufstellten. Schon sollte die erste Tour beginnen und in dichten Reihen hatte sich die nichttanzende Herrenwelt um die Cancanistinnen gestellt, bereit offenherzige und ungenirte Bewegungen in jenem Local längst eine traurige Berühmtheit erlangt haben.

Auch jene drei Herren, welche so eben in den Saal getreten waren, musterten aufmerksam die Balldamen; plötzlich erbleichte aber der Eine und trat auf die am kurzröckigsten und sonst auch ziemlich auffallend costümirte Dame zu, die, Jenen bemerkend, gleichfalls die Farbe wechselte und sich die Hände vor die Augen haltend, mit Blitzesschnelle ihren Tänzer verließ und in den Nebensaal eilte. Hier holte sie der Unbekannte ein, ergriff ihre Hand und riß ihr gewaltsam einen Ring vom Finger, den er mit den Füßen zertrat. Die Dame rief zwar mit flehender Geberde: „Gustav, vergib mir nur noch diesmal!“

Aber Herrn Gustav schien hier eine traurige Entdeckung die Sprache geraubt zu haben. Er antwortete nicht und wurde von seinen beiden Begleitern in eine Droschke gebracht und nach Hause gefahren. Frau Nemesis ließ in jenem Local den nichtsahnenden Herrn seine Braut finden, welche seit etwa drei Monaten mit ihm verlobt war. Das saubere Bräutchen ist die Tochter anständiger Eltern in der Gollnowstraße. Unter dem Schleier der Nacht liefert die Kaiserstadt manches trübe Lebens- und Sittenbild, das häufig erscheint, als wäre es nach Pariser Muster zugeschnitten.

Aus dem Jahr 1873. (Schreibweise original).

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