Versenkt

Die Nachricht von einem schrecklichen Schiffsunglück im britischen Canal ist soeben in London eingetroffen. Das Auswandererschiff „Northfleet“, welches vor einigen Tagen von hier nach Australien mit 412 Passagieren an Bord, außer der Bemannung, abgesegelt war, hatte um Mitternacht eine Collision mit einem unbekannten fremden Dampfer, etwa zwei Seemeilen von Dungeneß, und wurde bis auf die Wasserlinie zerstört. Man weiß nur von 8 Personen, die gerettet wurden, und glaubt, daß alle Uebrigen, die an Bord waren, ihr Grab in den Wellen gesunden haben. Der Dampfer nahm nach dem Vorfalle gar keine Notiz von dem Auswandererschiff und setzte, die Schiffbrüchigen ihrem Schicksal überlassend, seine Reise fort.

Eine schreckliche Panik brach an Bord der „Northfleet“ nach dem Zusammenstoße dieses unglücklichen Schiffes mit einem unbekannten Dampfer aus. Die Passagiere, aus dem Schlaf gestört, stürzten von ihren Kojen nach allen Theilen des Schiffes, wo sie sich sicher glaubten, und verweigerten dem Capitan rundweg allen Gehorsam. Der Capiiän sah sich, als letzte Hülfsmittel zur Erzwingung des Gehorsams gegen seine Befehle, gezwungen, auf die vom Entsetzen gelähmte Menge zu feuern und einer aus derselben ward verwundet. Man glaubt, hätten die Passagiere den Befehlen des Capitäns gehorcht, mehr der Passagiere hätten gerettet werden können.

Weitere Einzelheiten ueber den schrecklichen Zusammenstoß auf der Höhe des Feuers von Dungeneß sind zu Händen gekommen. Der „Northfleet“ lag zur Zeit des Unfalls vor Anker. Seine Ladung bestand aus Eisenbahnschienen. Dreihundert und zwanzig Menschenleben sind zu beklagen, darunter der Capitän des unglücklichen Schiffes. Den Namen des Dampfers, welcher das Unglück anrichtete, hat man noch nicht erfahren können, doch vermuthet man, daß es ein spanischer Dampfer, von Antwerpen kommend, gewesen sei.

Die hiesige Handelskammer hat eine Belohnung von 100 Pfund auf die Entdeckung desselben ausgesetzt. Der Dampfer, welcher das Emigrantenschiff „Northfleet“ in den Grund bohrte, wird für ein portugiesisches Fahrzeug gehalten. Der Name wird nicht eher bekannt werden, bis der Dampfer im Hafen angekommen ist. Zwölf weitere Personen von dem Auswandererschiff sind gerettet worden. Dies macht 97 Menschen, die als gerettet bekannt sind. Die Lloyds haben an ihre Agenten in allen südlichen Stationen telegraphirt, womöglich den Dampfer anzuhalten, der die „Northfleet“ in den Grund gebohrt hat.

Die Regierung hat eine vorläufige Untersuchung ueber die Zerstörung der „Northfleet“ angeordnet. Das Untersuchungs-Comite wird morgen seine Sitzungen in Dover beginnen.

Januar 1873. (Schreibweise original).

Ergänzung. Mehrere Personen, die sich als Passagiere an Bord des Dampfers „Murillo“ befanden, haben vor dem hiesigen britischen Consul beschworene Aussagen über die zwischen diesem Fahrzeuge und dem Emigrantenschiff „Northfleet“ im englischen Canale stattgehabte Collision gemacht. Nach ihrer Darstellung erfolgte die Collision zur Nachtzeit mit einem sehr heftigen Stoße, der von Allen, die sich an Bord des „Murillo“ befanden, gefühlt wurde. Wenige Augenblicke darauf hörten die Passagiere die Rufe: „Hülfe! Hülfe! und erfuhren dann, man sei mit irgend einem Fahrzeuge zusammengestoßen, das auf dem Punkte stehe, unterzugehen. Der Dunkelheit und der zur Zeit herrschenden Nebels wegen konnte man von dem unglücklichen Schiffe, von dem die Hülferufe ausgingen, nur wenig unterscheiden.

Mehrere Passagiere des „Murillo“ baten sowohl den Capitän wie Leute von der Bemannung, die Boote auszusetzen und die Personen auf dem andern Schiffe zu retten, allein ihr Gesuch blieb unerhört und wurde abgewiesen. Weder der Capitän noch seine Offiziere legten das geringste Interesse für das Schicksal der Leute auf dem fremden Schiffe, das sie gefährdet hatten, an den Tag. Die Passagiere entsetzten sich über die Unempfindlichkeit und Unmenschlichkeit des Capitäns, welcher bei den verzweifelten Hülferufen, die von dem sinkenden Schiffe herbeitönten, völlig ungerührt blieb. Er ließ unbarmherzig die Maschine des „Murillo“, die einige Augenblicke angehalten worden war, wieder in Bewegung setzen und dampfte mit seinem Schiffe davon, die Leute auf dem untergehenden Fahrzeuge ihrem Schicksale überlassend. Etwa 300 Personen verloren bei dem Unglück das Leben, soviel bis jetzt bekannt ist.

Februar 1873. (Schreibweise original).

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