Der Bergarbeiterstreik von 1889

Ueber die Entstehung des großen Bergarbeiter-Streiks im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier, an welchem an 100,000 Bergleute theilnahmen, heißt es: Die Bewegung ist aus sich selbst heraus als eine wirtschaftliche Frage entstanden. Seit Jahren kämpfen im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier die Bergleute öffentlich für die Verbesserung der Knappschaftskasse, die leider vielfach als ein Muster-Institut hingestellt wird. Hier ist der Zündstoff zu suchen, der seit Jahren sich angehäuft hat. Im März und April des Jahres fanden Delegirten-Berathungen vieler Knappen-Vereine in Essen statt, zur Berathung der Reform der Knappschaftskasse.

Im Laufe der Debatte kam auch die Lohnfrage zur Sprache, und man einigte sich dahin, die Frage in den einzelnen Vereinen zu discutiren. Man kam bei den weiteren Besprechungen überein, insbesondere eine Lohnerhöhung von 15 Proc. und die 8stündige Schicht (einschließlich Ein- und Ausfahrt) zu fordern. Diese Forderungen sollten auf einem für den 2. Juni d. J. in Dorstfeld angesetzten Delegirtentage berathen und dann ordnungsmäßig bei den Zechenverwaltungen vorgebracht werden. Hier und da war in einzelnen Versammlungen und Vereinen von Streikern die Rede, indeß die Mehrheit entschied sich überall sofort dagegen, und die katholische Presse insbesondere warnte entschieden vor solchem Beginnen. So standen die Actien noch Freitag vor acht Tagen und keiner der Führer der Bewegung hat das Kommende geahnt.

Plötzlich forderten am Samstag vor acht Tagen auf Zeche Hibernia etwa 60 Schlepper und Pferdetreiber Lohnerhöhung. Die Zechenverwaltung gab den Leuten die Abkehr. Diese fingen an zu scandaliren und stießen mit der requirirten Polizei zusammen. Dieses Vorgehen der Polizei machte die Streikenden aufgeregt, sie zogen nach Zeche Pluto, veranlaßten dort eine Anzahl Schlepper und Pferdetreiber zu gleichem Vorgehen und zogen dann in die Stadt Gelsenkirchen, wo vornehmlich durch einen Revolverschuß ans einem Geschäftshause die Scandalscenen sich entwickelten. Es wurde Militär requirirt, der Stein war in’s Rollen gebracht, und sofort streikten die ganzen Belegschaften von Hibernia, Pluto und den angrenzenden Zechen.

Nunmehr trat die Frage an die Bergleute: sollen wir die Kameraden bei Geilenkirchen im Stich lassen, oder im kameradschaftlichen Interesse sofort gemeinschaftlich vorgehen? Diese Frage führte dazu, daß eine Belegschaft nach der andern niederlegte, daß also etwas ausgeführt wurde, was nicht geplant war. Die Bergleute haben sich dadurch formell durch einen Contractbruch ins Unrecht gesetzt. So ist der wahrheitsgetreue, chronologische, ursächliche Zusammenhang des Streikes, der tausende und aber tausende Familien in Noth zu stürzen droht und unsägliches Leid über unser Vaterland gebracht hat und weiter bringen wird.

Mai 1889. (Schreibweise original).

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