Die gefährlichen Eisgänge der Weichsel

Die strenge Januarkälte hat wieder einmal zu einer starken Vereisung der Weichsel geführt. Das wäre an sich nichts Besonderes, wenn dieser Strom nicht geradezu berüchtigt wegen seines gefährlichen Eisganges wäre, der in der Regel dadurch entsteht, daß Tauwetter im Quellgebiet der Weichsel, das etwa 5 Grad südlicher als die Mündung liegt, meist schon eintritt, wenn über dem Weichseldelta noch strenger Frost herrscht. Die Eisschollen schwimmen dann stromabwärts, schieben sich unter- und übereinander und verstopfen so die Fahrrinnen, die Gefahr von Überschwemmungen und Dammbrüchen heraufbeschwörend.

So jährt sich in diesen Tagen zum hundersten Male der große Weichseldurchbruch im Januar 1840, der ungeheure Schäden verursachte und die ganze Bevölkerung der Weichselniederung tage- und nächtelang in Angst und Schrecken hielt. Auch damals war im Oberlauf des Stromes durch ein rasch eintretendes Tauwetter die Eisdecke geborsten und trieb nun in mächtigen Schollen abwärts. Vor der alten Mündung bei Danzig türmten sich die Eismassen zu hohen Bergen, immer höher und höher stieg das Wasser und ein ohrenbetäubendes Klirren und Poltern erfüllte die Luft. Panikartig verließen die Bewohner ihre Häuser.

Zu allem Unglück kam noch ein mächtiger Sturm auf, der gegen die Eisberge drückte und sie gegen die Dämme schob. In einer dunklen Nacht ereignete sich dann die unausbleibliche Katastrophe. Ein explosionsartiger Knall ließ die Erde erbeben, dem ein unheimliches Rauschen folgte. Die Weichsel hatte den Dünenwall bei dem Fischerdorf Neufähr, 14 Kilometer von Danzig entfernt, gesprengt und sich einen zweiten Ausgang zur Ostsee verschafft. Eine Reihe kleiner Fischerhäuser wurde von der Gewalt des Stromes und der polternden Eismassen zerdrückt und hinweggeschwemmt. Die Bewohner, die die Gefahr frühzeitig erkannt hatten, hatten schon Tage vorher die Flucht ergriffen und das Notwendigste mit sich genommen.

Es dauerte viele Jahre, bis alle Schäden beseitigt werden konnten. Weitere Dammbrüche durch Eisgänge ereigneten sich im Winter 1855, wobei viele Menschen und Tiere den Tod fanden; ferner in den Jahren 1879 und 1888. Die Eindeichung der Weichsel geht schon auf viele Jahrhunderte zurück und reicht bis in die Anfänge des 13. Jahrhunderts. Im Laufe der Zeit wurden die Dämme bedeutend verstärkt. Um eine Wiederholung einer ähnlichen Katastrophe wie vor 100 Jahren zu verhindern, wird im Winter auch bei starkem Frost eine etwa 10 Meter breite Wasserrinne im Strom durch Eisbrecher offengehalten. Dadurch finden die vom Oberlauf der Weichsel kommenden Eisschollen einen freien Weg und gefährliche Verstopfungen werden auf ein Mindestmaß reduziert. Ein eigener Warndienst hält die vereiste Weichsel andauernd in Beobachtung.

Von 1940. (Schreibweise original)

Eine Antwort to “Die gefährlichen Eisgänge der Weichsel”

  1. Milly Roeder Says:

    Wir kennen die Geschichte meiner Urgroßmutter Caroline Salomon-Marquardt, deren Mutter mit einer gefüllten Kiepe in den nächsten Ort ging, um ihre Waren, Gemüse, Eier und was weiß ich verkaufen wollte. Als sie fertig war und nach Hause zurückkehren wollte, war die Weichsel durch die Dünen gebrochen und sie musste warten, bis das Wasser abgelaufen war. Inzwischen blieben die 9-jaehrige Caroline und ihr Bruder allein zuhaus. Caroline langweilte sich und befahl ihrem Bruder ihr ein Spinnrad zu bauen, was er auch tat. Mit dem fertigen Spinnrad spann Caroline die herum liegende Wolle auf. Als ihre Mutter nach Hause kam, war die sehr erfreut, die Wolle versponnen zu sehen und meinte: nun wissen wir, dass du spinnen kann und wirst das weiter hin tun. Merke dir, sage nie jemandem, dass du eine Sache gut tun kannst, denn dann wirst du sie immer tun müssen.

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