100 Jahre Obra-Meliorations-Verband

Im Zuge des Warschau-Berliner Urstromtales erstreckt sich von Moschin an der Warthe über Kosten bis zur Gaugrenze bei Wollstein und darüber hinaus bis zur Oder das Obra-Tal. Die im Reichsgau Wartheland liegende Obra-Niederung bildete den „Großen Obrabruch“, der südöstlich von Wollstein bis zu 9 km breit ist. Dieser Bruch war in der Vorzeit in große Seebecken und noch vor 150 Jahren ein Sumpf mit Schilf, Rohr, Erlen und Weiden. Wasser und Morast erzeugten in den angrenzenden Ortschaften verheerende Krankheiten unter Menschen und Vieh. Die am Rande des großen Sumpfes befindlichen Wassermühlen in Kiebel, Klosterwiese, Paulswiese, Kopnitz, Bentschen, Altkloster, Karge und Moschin sorgten für die Erhaltung des unwirtlichen Zustandes.

Nach der Übernahme des Gebietes in die preußische Verwaltung wurde im Jahre 1793 durch die Posensche Kriegs- und Domänenkammer die erste Anregung zur Urbarmachung des großen Obrabruches gegeben, nachdem die Versuche der früheren polnischen Regierung zur Beseitigung des schädlichen Sumpfes durch Abbruch von 6 Wassermühlen nicht zum Erfolg führte. Man begann sofort mit Vermessungen und 1796 auch mit Nivellierungsarbeiten im heutigen Gebiete von Wollstein, Bentschen und Schwerin. Trotz der schwierigsten Verhältnisse konnte 1799 mit dem Kanalbau begonnen werden, und 1804 waren bereits zwei damals sehr wichtige Verbindungskanäle fertiggestellt. Schon im August 1806 waren ein Teil des Kostener Obra-Kanals, der Moschiner Kanal, der Obra-Süd- und Obra-Nordkanal vollendet, obwohl sich die Arbeiten in dem unzugänglichen Sumpf ungewöhnlich schwierig gestalteten und man erst Vorgräben auswerfen, das Herausquellen des sandigen Seegrundes in den Kanälen bannen und einzelne Bezirke umwallen mußte.

Mit Beginn des Krieges im Jahre 1806 kamen die Entwässerungsarbeiten ins Stocken, die Kanäle verschlammten und versandeten, Komitees versuchten eine Räumung durchzuführen, doch erst 1825 nahm man den Bau von Kanälen wieder auf. Mit dem Ergebnis der langjährigen, heute kaum noch vorstellbaren Bemühungen der Urbarmachung des großen Moorgebietes war man jedoch wegen zu geringer Querschnitte der Kanäle nicht zufrieden, weshalb im Dezember 1841 auf Veranlassung des Oberpräsidenten in Posen die Generalversammlung der beteiligten Landwirte eine Kommission wählte, die den Wasserbaumeister Henning mit der Aufstellung eines umfangreichen Entwurfes beauftragte, dessen Kosten später aus Staatsmitteln bestritten wurden.

Der großzügige Plan dieses Sachverständigen, der damals ein hervorragendes Werk darstellte, lag am 17. Mai 1843 fertig vor. Die Bauarbeiten sollten in 6 bis 8 Jahren vollendet werden und wurden von der preußischen Staatsregierung finanziell unterstützt. In dieser Zeit erfolgte eine Maßnahme, die nicht nur für das rd. 30000 ha große Obra-Meliorationsgebiet, sondern für alle nachfolgenden Landesmeliorationen in der ehemaligen Provinz Posen von grundlegender Bedeutung war. Am 16.08.1842 wurden durch König Friedrich Wilhelm von Preußen in Sanssouci durch Allerhöchste Kabinetts-Ordre die Interessenten des Obra-Bruches zu einer Sozietät „verpflichtet“ und ein Statut: „Allgemeine Kanal- und Grabenordnung für die Meliorationen der im Großherzogtum Posen gelegenen Obrabruchgegend“ herausgegeben.

Die älteste und größte, selbständig verwaltete Wassergenossenschaft des heutigen Reichsgaues Wartheland war damit gegründet. Die Verfassung des Obra-Verbandes war so hervorragend ausgearbeitet, daß sie bis zum 1. Februar 1939, also 97 Jahre gültig war und immer wieder als Muster für später durchgeführte, großzügige Entwässerungsmaßnahmen unseres Gaues diente. Hevorzuheben ist der Umstand, daß man durch diese Satzung des Wasserverbandes einen Mangel bei früheren Meliorationen beseitigte, indem eine zielbewußte Verwaltung und eine örtliche, hauptamtliche Aufsicht in sieben Aufsichtsbezirken, von denen sechs im Wartheland liegen, statutarisch begründet wurde, welche die regelmäßige Unterhaltung der 284 km langen Kanäle, 93 Verbandsbrücken und 60 Stauschleusen in 96 Gemeinden auf auf 63 Gutsbetrieben mit 5566 Einzelmitgliedern bis heute sicherte.

Stauschleuse und Uferabbruch am Kostener Obra-Kanal

Das umfangreiche Kanalsystem, das mit Einsatz von Strafgefangenen aus Posen und Schlesien im Jahre 1863 vollendet wurde und heute noch als hervorragende technische Leistung zu bezeichnen ist, erfaßte auch das Seitental der Obra von Kosten südwärts bis in den Kreis Gostingen, den Bau des Altklosterkanals und ermöglichte außer der Entwässerung der großen Niederungsmoorgebiete auch ihre Anfeuchtung bei eintretender Dürre. Heute genügen jedoch diese Anlagen des Obra-Verbandes den hohen Ansprüchen der neuzeitlichen Bodenkultur nicht mehr.

Nach Übernahme der von jeher in vorwiegend in polnischen Händen befindlichen Verwaltung des Obra-Verbandes sind seit 1940 großzügige Planungen teils in Arbeit und teils schon fertiggestellt, um eine Beherrschung des Wassers bei Winter- und Sommerhochwasser zu erwirken, den Überfluß an wertvollem Wasser bei Fluten lange Zeit aufzuspeichern, um die Kulturpflanzen in Dürrezeiten mit dem köstlichen Naß zu tränken. Auch eine einheitliche, sachgemäße, systematische Binnenentwässerung ist vorgesehen, weil diese bis dahin an Besitzgrenzen gebunden war und aus vielen Einzelsystemen bestand, die ihren Zweck nicht erfüllen konnten.

Die Durchführung der wasserwirtschaftlichen Baumaßnahmen muß jedoch während des Krieges auf die allerdringlichsten Arbeiten, insbesondere auf die Behebung der durch Kriegshandlungen und Hochwasser entstandenen Schäden beschränkt bleiben. Ferner sind die heute oft unpassierbaren Wirtschaftswege zu befestigen, damit die Ernte mit neuzeitlichen Fahrzeugen leichter und sicherer eingebracht werden kann. Die umfangreichen Naturwiesen, die schon heute auf dem wertvollen, kalkreichen Niederungsmoorboden erhebliche Erträge, leider vielfach geringwertigen Heues für die vielen umliegenden landwirtschaftliche Betriebe und für andere wichtige Zwecke abringen, sind in ertragreichste, hochwertige Kulturwiesen, Viehweiden und Gemüsekulturen umzuwandeln.

Sodann wird erstrebt, die großen Kanäle für den Kanusport herzurichten. Schließlich sollen in dem zeitweise unter Landschaftsschutz zu stellenden großen Obrabruch, die heute vielfach recht kahl und öde aussehenden, kilometerweiten Grünflächen nicht nur fruchtbares Kulturland, sondern auch durch Landschaftsgestalter in zweckdienlicherweise mittels Windschutzanlagen in einen für jeden Naturliebhaber gern aufgesuchten großen Naturpark verwandelt werden, die den Obrabruch für viele Bewohner der Stadt Posen zu dem macht, was der Spreewald landwirtschaftlich und landschaftlich für den Berliner ist.

Aus den 1940er Jahren. (Schreibweise original)

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