Herr Heinrich und seine Odyssee

Der Fleischergeselle Wilhelm Heinrich aus Gloden, Kreis Bomst gebürtig, wurde von den Klafterschlägern im Renskoer Walde mit starken Knüppeln so geschlagen, daß ihm ein Arm und ein Bein gebrochen wurde und er leblos zur Erde fiel. Ein im Walde anwesender Holzwagenführer lud den Heinrich auf und übergab denselben dem Schulzen zu Rensko behufs dessen Kur und Verpflegung. Der Schulze erfuhr, daß der Schwerkranke in 2 Meilen Entfernung und zwar in der Stadt Rostarzewo (Rothenburg an der Obra), Kreis Bomst einen Vater habe. Er schaffte daher den Heinrich auf einen Wagen und lud ihn ohne Weiteres daselbst ab. Die Stadt Rostarzewo erblickte in Heinrich eine nicht in ihre Armenpflege gehörige Persönlichkeit. Es wurde daher dort abermals ein Wagen zurecht gemacht, Heinrich auf denselben geladen und nach der Stadt Wielichowo gebracht, weil in derselben sich das der Gemeinde Rensko vorgesetzte Königliche Distrikts-Amt befindet.

Das letztere sollte den Heinrich wieder in die Gemeinde schaffen, wo er geprügelt, arm und hilflos geworden und zuerst verladen worden war. Der Distriktsbeamte erklärte jedoch, daß ihm dergleichen Sachen nichts angehen. Sonach befand sich Heinrich im tiefsten Winter vogelfrei und mit gebrochenem Arm und Bein auf der freien Straße in der Stadt Wielichowo, wodurch der Vertreter der Stadt sonach gezwungen war, für die Kur und Verpflegung des beinahe Halbtodten zu sorgen. Die Verpflegung konnte aber nur für 7 Sgr 6 Pf incl. Wohnung, Wäsche, Heizung pp. erfolgen. Auch war es geboten, einen Arzt herbeizuholen, damit derselbe die zerschlagenen Glieder des Heinrich wieder herstelle.

Die Gemeinde Rensko wurde nun direct aufgefordert, für die weitere Pflege des Heinrich zu sorgen und da sie dies nicht that, das vorgesetzte Königl. Landrathsamt ersucht, im Aufsichtswege, die Verpflichtete anzuhalten. Diese Behörde erklärte sich in der Sache nicht zuständig und verwies an die Posensche Deputation für das Heimathwesen. Auch diese erkannte in ihrer Sitzung vom 11 April wegen Incompetenz auf Abweisung der Stadtgemeinde Wielichowo. Die letztere Gemeinde wandte sich nun endlich wegen ihrer Auslagen an die Landarmen-Direction zu Posen, worauf diese sich nur zur Bezahlung von 5 Sgr pro Tag unter Abweisung der liquidirten Gebühren und Fuhrkosten für den Arzt verstand. Es wurde behauptet, Heinrich hätte in die nächste Lazarethstadt verladen werden müssen. Dieser Vorwurf wurde dadurch widerlegt, daß es schon die vom Arzte gesteiften und verbundenen Glieder des Erkrankten nicht gestatteten, ihn so lange herumzufahren, bis sich eine Lagerstadt ermittelt hätte, die ohne andere gesetzliche Verbindlichkeiten die Heilung des Genannten gratis übernommen hätte.

Darauf wurden die Arzneikosten noch angewiesen, ungeachtet dessen hat die ganz unschuldige Stadt Wielichowo durch Verpflegung 35 Tage à 2 Sgr 6 Pf, 2 Thlr 27 Sgr 6 Pf und durch Prozeßkosten an die Heimath-Deputation 3 Thlr 7 Sgr 8 Pf in á 6 Thlr 5 Sgr 2 Pf Schaden erlitten. Durch die Wegräumung des Kranken wälzt sich also nun die betreffende Gemeinde die ihr nach 28 des vorallegirten Gesetzes auferlegte Verpflichtung einfach ab. Weitere Consequenzen verfolgt jene Gesetzesstelle nicht und so kann derselben auch ein Nachdruck nicht verschafft werden. Ordnungsstrafen Seitens der Königl. Landräthe gegen einen gefühllosen Schulzen würden kaum eine bessere Handhabung der erwähnten Gesetzesstelle herbeiführen, im schlimmsten Falle scheidet der Schulze aus seinem Amte oder er opfert schon für die Gemeinde 1 Thaler Ordnungsstrafe, weil dieselbe beim Fortschaffen des in ihre Armenpflege nicht unmittelbar gehörenden Armen dennoch besser wegkommt als beim Behalten desselben. Die Organe eines civilisirten Großstaates dürfen es daher für die Folge nicht dulden, daß Arme und Kranke auf die geschilderte Weise verladen werden.

In der Jetztzeit findet sich Niemand bereit, die Beköstigung nebst Wohnung und Wäsche eines Erwachsenen für 5 Sgr täglich herzugeben. Demgemäß wird es Behufs besserer Ausführung des § 28 des Unterstützungsgesetzes vom 6 Juni 1870 als unbedingt nothwendige Maaßregel erachtet, dies Gesetz dahin zu ergänzen, daß gegen denjenigen welcher einen Kranken oder Armen aus einer Ortschaft in die andere, Zwecks der Loswerdung der pflichtmäßig obliegenden Armenpflege wegen schafft, eine Strafe von 100 Thlr oder verhältnißmäßige Haft festgesetzt wird, ferner daß der Armenverband des losgewordenen Armen dennoch verpflichtet bleibt, die sämmtlichen Kur und Verpflegungskosten eines solchen Verarmten der zur Verpflegung durch Zufall hineingerissenen Gemeinde zu entrichten und endlich daß diese Kosten ohne Weiteres im Administrativwege beizutreiben sind. Dadurch würde ein wichtiges Ziel erreicht werden und das Verladen und Wegräumen der Armen und Kranken in kurzer Zeit verschwinden.

So trug es sich zu, im Jahr 1874. (Schreibweise original)

Anmerkung. Ohne explizite Ansätze prüfe ich nicht alle Jahrgänge der Geburten von Gloden, um oben genannten Wilhelm Heinrich zu identifizieren. Wer Hinweise auf jene Person hat, kann dies hier im Kommentarfeld melden oder per Mail (siehe Kontakt) oder als Mitglied der Wollstein-Mailingliste entsprechend in der Liste.

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