Das Leben eines Landstreichers

Carl Ferdinand Franz Christian Cords, Büchsenmacher, geboren zu Schönebeck, Sohn des jetzt in Delitzsch angestellten Steuer-Einnnehmers Cords. Alter 29 Jahre, geboren am 21. November 1835, Statur 66´´, schlank, Haar und Augenbrauen blond, Stirn hoch, Augen blaugrau, Nase aufgestülpt, Kinn oval, Bart blonder schwacher Schnurrbart, Gesicht oval gesund. Kennzeichen auf der linken Hand, zwischen Zeigefinger und Daumen eine Narbe.

Seit mehreren Jahren der Landstreicherei ergeben, lebt Cords nur vom Betrug und Betteln. Seine Heimath-Behörde hält ihn für unverbesserlich und bedauert, daß er seinem Vater, einem geachteten Manne, so viel Kummer und Schande gemacht habe. Nachdem Cords früher wegen Bettelns an verschiedenen Orten bestraft und er vergebens wegen müßigen Umhertreibens in die Heimath gewiesen worden war, erhielt er noch folgende Strafen: Im Herbst 1860 zu Strzelno wegen Bettelns und Straßenunfugs mehrere Tage Gefängniß, am 18. September 1860 zu Grünberg in Pr. wegen Landstreicherei 14 Tage Gefängniß, am 20. Oktober 1860 in Eilenburg wegen Bettelns 24 Stunden Gefängniß durch Urtheil des K. Kreisgerichts zu Stettin, vom 18. März 1861 wegen Erregung eines öffentlichen Aergernisses durch Verletzung der Schamhaftigkeit wegen Bettelns, Fälschung von Legitimations- und Führungs-Attesten 5 Monate Gefängniß, laut Urtheil desselben Gerichts vom 5. April 1861 wegen Beleidigung eines Beamten zu Stettin weiter 3 Wochen Gefängniß. Laut Urtheil des K. Landgerichts zu Aachen vom 29. Januar 1862 wegen Bettelns unter Vorspiegelung eines Unglücksfalles 14 Tage Gefängniß, worauf er 9 Monate lang in das Arbeitshaus Brauweiler gesperrt wurde.

Dort erhielt er am 22. Oktober 1862 einen Paß zur Auswanderung nach Amerika; allein er wanderte nicht aus, sondern strich in den meisten deutschen Ländern, Bettelei und Schwindelei treibend umher. Er wurde in Folge dessen ferner bestraft: Am 19. Mai 1863 vom Kurfürstl. Hess. Justizamt Netra wegen Bettelns mit 5 Tagen Gefängniß, am 23. Juni 1863 zu Paderborn wegen Bettelns, Landstreicherei, Führung eines falschen Namens und Fälschung von Legitimationspapieren zu 3 Monate Gefängniß und 1jähriger Einsperrung in das Arbeitshaus Benninghausen.

Hierauf ließ er sich am 16. Oktober 1864 einen Paß zum Eintritt in eine Arbeit zu Crefeld geben, den er aber zur fortgesetzten Landstreicherei benutzte. Er ging über Mayen, St. Wendel und Mainz nach Frankfurt und Offenbach, woselbst er auf Grund falscher Zeugnisse und unter der Rolle eines Taubstummen wahrscheinlich unter dem falschen Namen Oskar Felsenstein aus Schleswig bettelte. Er hatte auf Papier geschrieben, sein Vater, ein Prediger aus Schleswig, sei seiner deutschen Gesinnung wegen, vom Dänenkönig vertrieben worden und jetzt darbe derselbe mit Frau und 6 Kindern in Paderborn. Dieser Betrug scheint ihm viel Geld eingetragen zu haben, denn nach vorgefundenen Notizen hat er die Comité-Mitglieder der Schleswig-Holstein-Vereine aufgesucht.

Eine Familie zu Offenbach hat ihn ganz besonders reichlich an Geld und Kleidern beschenkt. Hierauf kam Cords auch hierher (Gießen) und verkaufte einen zu Offenbach geschenkt erhaltenen Rock für 7 Gulden. Dabei hatte er auf der Herberge geäußert: „bis morgen will ich zwei Röcke dafür haben – in Frankfurt habe ich 27 fl. zusammengeklopft und bin dort nicht eher weggegangen bis sie durchgebracht waren“. Gleich darauf wurde er hier verhaftet. Nachdem man über ihn nähere Erkundigungen eingezogen und ermittelt hatte, daß er in Offenbach auf betrügerische Weise gebettelt, hat man ihn, behufs seiner Bestrafung dorthin transportiren lassen, woselbst er zu einer geschärften Gef. Strafe von 4 Wochen verurtheilt worden ist.

Januar 1865. (Schreibweise original)

Anmerkung. Die Eltern waren Friedrich Wilhelm Cords und Friederike Amalia Eck.

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