Zum Jahreswechsel

Wieder naht jene Zeit, die wir innerhalb unseres willkürlichen Konstruktes der Zeit als Jahresende interpretieren und in der unabwendbaren Konsequenz beschließen wir die vergangene Phase und harren vielleicht in Hoffnung auf den nächsten Zeitabschnitt. Auch das noch nicht geborene, neue Jahr wird gleichwohl mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es für immerdar in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die wundervollen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein. So war die Ordnung der Dinge und so wird sie immer sein.

Vor 100 Jahren wurde der Erste Weltkrieg beendet; diese besondere Zahl nutze ich an dieser Stelle, um einmal mehr an meine Familienmitglieder zu erinnern, mit einem stillen Gedenken – die an diesem Wahnsinn teilnehmen mußten; obwohl die meisten von ihnen komplett divergierende Pläne für ihr Leben hatten. Ja, in erster Linie nämlich LEBEN und nicht für die Kriegsgeilheit einiger weniger selbiges hinzugeben. Nach meinem aktuellen Kenntnisstand nahmen – inklusiver bekannter Nebenlinien – 88 Verwandte an diesem Krieg teil und 54 davon sahen ihre Familien nie wieder. Ich kann mir nicht im Ansatz vorstellen, wie viel traurige Tränen vergossen wurden. Ein Krieg ohne Sinn, verbunden mit einem sinnlosen Sterben – so senkte sich also das Leichentuch hernieder. Mögen sie in ihrem kurzen Leben glückliche Momente erlebt haben – ich wünsche es ihnen nachträglich.

Wir sollten jedweden Moment genießen, so genußvoll als möglich, denn der Kreuzzug der endlichen Zukunft hat längst begonnen, auch dieses bald kommende Jahr unbarmherzig in die Erinnerung zu treiben. Diese Reise wird nie enden, sie führt uns in die omnipotente Unendlichkeit, wenngleich wir als stille Beobachter nur einen Moment im Nichts daran partizipieren werden. Gelebte Endlichkeit. Ich verabschiede dieses Jahr erneut mit Wünschen von den lieben Bürgern aus Wollstein, die einst freudig den Jahreswechsel vollzogen haben und vielleicht im Kreise ihrer Familien feierten. Die Fluten der mörderischen Zeit haben sie längst alle mit sich gerissen und verschlungen – für immer und immer. Ihre Wünsche und Grüße werden heute wieder lebendig und damit auch die Altvorderen – und für einen Moment an sie erinnern.

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