Auswanderungswut

Aus Thüringen wird unterm 14. April geschrieben: Die Auswanderung nimmt in allen Theilen unseres Landes auf eine unglaubliche Weise überhand und es dürften kaum Schiffe genug aufgebracht werden können, um alle die Europamüden an das seitige Gestade überzuschiffen. Es herrscht, so zu sagen, eine wahre Auswanderungswuth; Reich und Arm, Jung und Alt, Alles wälzt sich fort. Alte hochbetagte Leute, die vielleicht ihr Lebtag nicht an Auswanderung gedacht, suchen ihre sieben Sachen zu versilbern und wandern fort, indem man sie sagen hört: „Wir thun’s unsrer Kinder wegen.“

Dann ergreifen wieder solche den Wanderstab, die in wohlhabenden Verhältnissen sich befinden, die weder Kummer noch Sorge drückte, und fragt man bei ihnen nach dem Grund, dann heißt es: „Wir wollen uns fortmachen, ehe noch das Unglück über Deutschland hereinbricht.“ Kurz, im Hintergrunde der Seele eines jeden Auswanderers schlummert ahnungsvoll der Gedanke an ein verfallendes Deutschland.

Nicht von heute – aus dem Jahr 1850. (Schreibweise original)

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