Mißbrauch auf hoher See

Die Münchener „Neuesten Nachrichten“ schreiben: „Wir halten es für unsere Pflicht, eine auf die deutsche Auswanderung bezügliche Mittheilung zu veröffentlichen, auf die Gefahr hin, damit eine Fluth von Erklärungen und Gegenerklärungen heraufzubeschwören. Ein junger Handwerker von München, dessen Charakter uns von seinen nächsten Bekannten als durchaus ehrenwerth und zuverlässig geschildert wird, warnt in einem Schreiben aus New Jork vor der Auswanderung auf Segelschiffen, deren Capitäne nicht durch Charakter, Energie und Kenntnisse die nöthige Sicherheit bieten. Er hat die Reise auf einem solchen Schiffe (dessen Heimath und Namen zu nennen wir uns vorbehalten) mitgemacht und giebt eine schreckliche Schilderung von den mangelhaften Einrichtungen und Entbehrungen, unter denen die Passagiere zu leiden hatten.

Doch es kam noch etwas – so heißt es wörtlich in dem Briefe – das selbst die rohesten Passagiere empörte; es war die sittliche Verkommenheit der Schiffsmannschaft; jedes junge Mädchen fiel diesen rohen Menschen zum Opfer, selbst Frauen schonte man nicht; empörten sich ihre Männer, so drohte man, sie wie Hunde niederzustechen; scheute sich doch unser zweiter Steuermann nicht, drei junge 16jährige Mädchen derart zu mißbrauchen, daß sie krank wurden, und ähnlich handelte der Capitän. Es wäre schrecklich, wenn dergleichen sich unter den Augen der norddeutschen Bundesgewalt wirklich häufig ereignete. Die Angelegenheit verdient die eingehendste Berücksichtigung Seitens der deutschen Presse – mindestens mit demselben Rechte wie die Krakauer Klostergeschichte.

Aus dem Jahr 1869. (Schreibweise original)

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