Die Gründe für das Auswandern aus Deutschland

Ueber diesen Gegenstand hat der Landrath Boediker in Gladbach auf Grund amtlicher Quellen eine Arbeit veröffentlicht, worin er zwar, wie es von einem preußischen Beamten in diesem Falle nicht anders zu erwarten ist, sein Thema nicht erschöpfend behandelt, die aber in mehrfacher Beziehung ganz interessante Aufschlüsse gibt. Danach ist es festgestellt, daß jedesmal nach einem Kriege die Auswanderung zunimmt. Ganz besonders ist die Auswanderung nach dem letzten französischen Kriege gestiegen, obwohl in den Jahre 1871-1872 die Industrie einen riesigen Aufschwung genommen und die Arbeitslöhne in die Höhe gegangen waren.

Daneben dürfe nicht, außer Acht gelassen werden, daß die letzten Kriege in Verbindung mit der fortschreitenden Entwickelung und der Möglichkeit lohnenden Verdienstes dazu beigetragen haben, die allgemeine Wehrpflicht mit dreijähriger Dienstzeit Manchem als etwas Drückendes erscheinen zu lassen. Nicht nur in den neuen Provinzen, sondern auch in den alten habe die Auswanderung junger Männer beträchtlich zugenommen. Wichtiger noch als diese politischen Motive, welche naturgemäß bei nachlassender Kriegsfurcht und festerer Consolidation der politischen Verhältnisse zu wirken aufhören, sind die wirthschaftlichen Gründe der Auswanderung. Bei der gegenwärtigen ökonomischen Lage des deutschen Volkes und der herrschenden Zeitströmung gehen zur Auswanderung über:

1) der Handwerker in den kleinen Städten;
2) der kleine Grundbesitzer auf dem Lande;
3) Handwerksgesellen, Gehülfen und Fabrikarbeiter;
4) der ländliche Arbeiter;
5) das kleinstädtische und gewerbliche Gesinde; mithin keineswegs
allein die besitzlose Klasse.

Besonders aber sind es die ländlichen Arbeiter, welche sich nach Amerika wenden, weil ihr Verlangen nach eigener Scholle, in vielen Gegenden Deutschlands so schwer zu befriedigen ist. Nicht mit Unrecht ist die seit 1851 mehr als 120.000 Menschen umfassende mecklenburgische Auswanderung größtenteils auf eben dieses Moment zurückgeführt worden; in den östlichen Provinzen Preußen treibt die Schwierigkeit, sich ansässig zu machen und zu einigem Wohlstand zu gelangen, seit geraumer Zeit ebenfalls Viele über die See. Während in den Industriegegenden der Arbeiter wenigstens die Aussicht hat, bei dauernder Gesundheit zum Werkmeister und noch weiter zu avanciren, besteht diese Aussicht für den ländlichen Arbeiter so gut wie gar nicht.

Er lebt in den Verhältnissen seiner Eltern und Großeltern weiter, aus deren Banne es für ihn kaum einen Ausweg gibt. Und selbst wenn er es zu einem kleinen Besitz bringe, so nährt derselbe ihn entweder nicht oder nur kümmerlich bei den alles Maß übersteigenden Steuern. Die nordamerikanische Regierung unterstützt nach Boediker den Zuzug von Einwandern auf’s Lebhafteste und befödert somit auch ihrerseits nicht wenig die Auswanderung. Hierzu kommt die Billigkeit,
Gefahrlosigkeit und Bequemlichkeit der Auswanderung. Man sieht hieraus, das der Landrath des Pudels Kern wohl erkannt hat, wenn er die drückende Militärpflicht, welche den Bürger des deutschen Reichs von seinem 20. bis zu seinem 38. Lebensjahr, in eisernen Banden hält, als die Haupttriebfeder der Auswanderung bezeichnete.

Freilich stellt er dies als nur vorübergehend hin, aber wundern kann er sich eigentlich nicht darüber, wenn diese Auswanderung jetzt noch stärkere Dimensionen annimmt, als früher, besonders nach so überraschenden Enthüllungen, wie in den deutschen Kasernen, die Rekruten gedrillt werden.

Im Juli 1879. (Schreibweise original)

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