Erneute Überschwemmungen in der Weichsel-Niederung

Im Jahr 1855 wurden die Bewohner der Weichsel- und Nogat-Niederungen dramatisch von extremen Überschwemmungen heimgesucht, welche unendliches Leid mit sich brachten. Fast 30 Jahre später erlebten die dort heimischen Menschen eine leidvolle Fortsetzung beachtlichen Ausmaßes und so war 1884 zu lesen…

Aufruf zur Hülfe.

Die so oft durch Überschwemmungen verheerten Weichsel- und Nogat-Niederungen sind in den Tagen des 26. bis 28. Juni d. J. wiederum durch eine Fluth heimgesucht worden, wie sie zur Sommerzeit in gleicher Höhe in diesem Jahrhundert nicht stattgefunden hat. Dadurch sind nicht nur sämmtliche Außendeiche, sondern auch die meisten der nur durch Sommer- und Staudeiche eingewallten Niederungen unter Wasser gesetzt worden. Auch haben die vollständig eingedeichten Niederungen unterhalb Thorn und Kulm Deich- und Schleusenbrüche erlitten.

Die Gesammtgröße des überschwemmten landwirthschaftlich benutzten, größtentheils sehr fruchtbaren Bodens ist auf 15,000 Hektaren und der verursachte Schaden auf 3 bis 4 Millionen Mark geschätzt. Da das Wasser nur langsam abgeflossen ist und auf manchen Ländereien bis zu 8 Tagen und länger gestanden hat, so sind die überströmten Feldfrüchte durchweg vernichtet, was um so empfindlicher ist, als der schöne Stand der Saaten nach einer Reihe geringer Erndten die besten Hoffnungen erweckte. Noch keine Hochfluth ist zu so ungünstiger Zelt eingetreten.

Die Heu- und Kleeerndte war kaum begonnen. Alles gemähte Heu ist fortgeschwemmt, das ungemähte verschlickt oder verfault. Waizen und Sommergetraide, Kartoffeln und Zuckerrüben sind gänzlich verloren, von Roggen nur ein sehr unbedeutender Bruchtheil noch verwerthbar. Die vorgeschrittene Jahreszeit gestattet nicht, von Futtergewächsen abgesehen, dem Boden eine neue Erndte abzugewinnen. So gehen denn die betroffenen Niederungsbewohner einer schweren Zeit entgegen. Zwar haben sich in allen betheiligten Kreisen Hilfsvereine gebildet und die Grundbesitzer der Höhe und der verschont gebliebenen Niederungen sind mit dankenswerther Bereitwilligkeit bestrebt gewesen, ihren Nachbarn über die ersten Schwierigkeiten hinwegzuhelfen.

Aber diese Hülfe reicht nicht aus. Es handelt sich darum, eine große Zahl meist kleiner Grundbesitzer und Pächter vor bitterer Noth und wirtschaftlichem Verfall zu schützen. Die Unterzeichneten, beauftragt von einer aus allen Theilen der Provinz beschickten zahlreichen Versammlung, wenden sich daher an den in ähnlichen Fällen oft bewährten Mildthätigkeitssinn ihrer Landsleute mit der dringenden Bitte, nach Kräften zur Linderung der Noth beizusteuern.

Im August 1884. (Schreibweise original)

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