Eine traurige Beobachtung

Im Jahr 1906 ereignete sich eine betrübliche Begebenheit auf dem evangelischen Friedhof in Wollstein. Bäckermeister Günther wohnte direkt gegenüber und wurde Zeuge jener Tat, wie sie das gnadenlose Leben höchstselbst in traurigen Lettern niederschrieb. Der Handelsmann Johann Traugott M., 68 Jahre alt, besuchte das Grab seines Sohnes – und ließ sich mutmaßlich von der greifbaren Trauer und der allumfassenden Verzweiflung mitreißen und beschloß in seinem tiefen Kummer – dem Schmerz endgültig zu entfliehen und seinem Leben ein Ende zu bereiten.

In unmittelbarer Nähe des Grabes stand ein Baum, welcher sein dunkles Vorhaben ungerührt goutierte und so erhängte sich Johann Traugott und entsagte damit für immerdar dieser seltsamen Menschenwelt. Bäckermeister Günther zögerte nicht lange und eilte stante pede zum Ort des Geschehens und zerschnitt beherzt den Strick. Doch die Mühe war vergebens – der Tod war längst eingetreten.

Den Einwohnern von Wollstein wurde später verkündet: „An dem Grabdenkmal seines Sohnes auf dem evangelischen Kirchhofe erhängte sich der Händler und Hauseigenthümer Traugott M. in einem Anfall geistiger Umnachtung“.

Nun, die publizierte „geistige Umnachtung“ wage ich zu bezweifeln. Ein unfaßbarer Schmerz, eine Trauer, die einem die Luft zum Atem nimmt – mitnichten. Nur zwei Jahre nach diesem Ereignis betrat auch seine Frau jenen Pfad ohne Wiederkehr und vollzog die Vereinigung mit ihrer Familie im unendlichen Reich des Nichts. Und heute? Was bleibt? Nichts. Jene tragischen Personen sind seit langem für alle Zeiten vergessen; es ist fraglich, ob es Nachfahren gab oder gibt, die in manchen Stunden daran noch Anteil nehmen. Doch an dieser Stelle, in diesem Moment möge an jene Familie erinnert werden.

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