Von Galizien nach Brasilien?

In der letzten Zeit trafen aus Galizien Meldungen über stürmische Szenen ein, welche sich auf den Bahnhöfen von Tarnopol, Lemberg und Krakau abspielten. Es handelte sich um ganze Gruppen von bäuerlichen Auswanderern, welche, nachdem sie Haus und Hof verkauft hatten, die Reise nach Brasilien antraten und auf den oben genannten Bahnhöfen von den Polizeiorganen an der Weiterreise verhindert wurden. Schließlich mußten die Polizeiorgane diesen Leuten die Fahrt gestatten, da kein gesetzlicher Grund vorlag, die Reise derselben ins Ausland zu hindern. Es wandern nämlich nur alte, nicht militärpflichtige Familienväter mit ihren Weibern und Kindern aus. Die Ursachen des Auswanderungsfiebers der ruthenischen Bauern in Galizien sind noch nicht klar, allein jedenfalls wird es nothwendig sein, daß sich die Regierung mit der Auswanderungsfrage beschäftigt, weil dieselbe zu einer öffentlichen Misere sich umzugestalten droht.

Auch in Wien riefen die ruthenischen Auswanderer kürzlich an verschiedenen Orten stürmische Szenen hervor, welche wir im Nachstehenden schildern: Vor einigen Tagen trafen aus der Umgebung von Tarnopol gegen 140 ruthenische Familien ein. Am Nordbahnhofe wurden sie von den hiesigen Polizeiorganen verständigt, daß laut einer Mittheilung des österreichischen Konsulats in Genua die unentgeltliche Weiterbeförderung der galizischen Auswanderer nach Brasilien eingestellt wurde. Es wurde ihnen daher der Rath ertheilt, nach Galizien zurückzukehren. Die Bauern befolgten diesen Rath nicht und traten trotzdem die Reise nach Genua an. In der Grenzstation Cormons angelangt, theilte ihnen der dort amtierende österreichische Polizeikommissär mit, daß laut eingelangter Verständigung seitens der italienischen Regierung das letzte Schiff, welches in diesem Winter unentgeltlich Auswanderer nach Brasilien beförderte, am 27. Januar bereits abgegangen sei, und da sie keine Schiffskarten besäßen, so müßten sie über Wien nach Galizien zurückkehren.

Viele Auswanderer hatten genügende Geldmittel mit sich und sagten, sie würden sich schon in Genua Schiffskarten kaufen. Es wurden ihnen aber bedeutet, daß die italienische Regierung ohne Schiffskarten keinen Auswanderer die Grenze passieren lasse. Es wurden nun in Cormons aus den Mitteln der Auswanderer Eisenbahnfahrkarten nach Wien gekauft und alle – gegen 200 Personen – nach Wien zurückbefördert. Diese Auswanderer trafen nun mit der Südbahn in Wien ein und boten ein schreckliches Bild des Elends und der Verzweiflung. Mit schwerem Gepäck beladen, die Mütter mit ihren Säuglingen an der Brust, kleine Knaben und Mädchen, ihren Eltern weinend folgend, entstiegen sie den Coupes. Die Menge wurde in die Gepäckhalle des Südbahnhofes gebracht. Es herrschte dort begreiflicherweise eine ungeheure Verwirrung, da die Polizisten sich nur schwer mit den Auswanderern in ihrer Muttersprache verständigen konnten. Mütter suchten ihre Kinder, die Männer schleppten ihre schweren Koffer und riesig großen Bündel, und die Kinder trugen Blechkannen mit Wasser gefüllt.

Die Auswanderer erklärten, daß sie nach Galizien nicht mehr zurückkehren wollen. Sie hätten dort ihr Haus und ihr Feld verkauft, den Erlös für die Fahrkarten nach Genua ausgegeben, sie seien jetzt mittellos; sie wollten entweder nach Brasilien fahren oder in Wien bleiben, denn zu Hause würden sie Hungers sterben. Nach einer Weile traten die Männer zu einer Berathung zusammen, und es wurde beschlossen, eine Deputation, bestehend aus 27 Männern, zum Kaiser zu entsenden. Die Deputation wurde sofort gewählt und machte sich auf den Weg in die Hofburg. Als die 27 Delegirten auf dem Burgplatz kamen, wurden sie um ihr Begehren befragt. Sie erklärten, sie wollten zu ihrem Kaiser, welcher sowohl über Wien, als auch über Galizien herrsche, damit er ihnen gestatte, entweder nach Brasilien zu reisen oder in Wien zu bleiben. Es wurden vier von den Auswanderern thatsächlich in die Kabinettskanzlei geführt, wo sie vom Regierungsrathe Sawicki empfangen wurden.

Dieser befragte sie umständlich um ihr Begehren, sagte ihnen aber, daß es Sache der Polizei sei, ob sie in Wien bleiben können. Diesen Bescheid brachten die vier harrenden 23 Bauern. Die Bauern verließen nun die Hofburg, von wo aus sie von Polizisten in die Polizeiwachstube in die Regierungskasse geführt wurden. Dort verblieben sie bis 12 Uhr Mittags und wurden mittelst Schubwagen auf den Nordbahnhof gebracht. Inzwischen spielten sich auf dem Südbahnhofe herzzerreißende Szenen ab. Die Frauen und die Kinder der 27 Delegierten jammerten und wehklagten um ihre Männer und Väter. Sie glaubten, man habe diese in eine Falle gelockt, um sie von ihren Familien zu trennen. Da die Unglücklichen seit früh im Gepäckraume froren, wurde ihnen gegen 11 Uhr Vormittags der Militärwartesaal geöffnet. Die Gepäckträger auf der Südbahn, von Mitleid gerührt, veranstalteten unter sich eine Geldsammlung, um für die kleinen Kinder, welche nichts zu essen hatten, Milch zu kaufen. Einer von den Gepäckträgern eilte in die Steierische Milchmeierei um fünfzig Liter Milch. Als die Steierische Milchgenossenschaft die Bestimmung der Milch erfuhr, stellte sie den Auswanderern achtzig Liter Milch unentgeltlich zur Verfügung.

Das Jammern der Frauen und Kinder der siebenundzwanzig abwesenden Delegierten, welche, wie bereits erwähnt, noch Mittags auf den Nordbahnhof gebracht wurden, dauerte unterdessen fort. Um halb fünf Uhr Nachmittags fuhren am Südbahnhofe zwei offene Streifwagen vor, um die Auswanderer zum Nordbahnhofe zu befördern. Diese weigerten sich aber ganz einschieben, die Wagen zu besteigen Ebenso weigerten sie sich auch, die zwei angekommenen Schubwagen zu besteigen. Die Szenen, die sich hier abspielen, sind schwer zu schildern; die Frauen warfen sich unter Jammern und Schreien zu Boden und erklärten, sie würden sich nicht vom Flecke rühren, und auch die Kinder leisteten verzweifelten Widerstand und mußten von den Wachmännern förmlich in die Wagen getragen werden. Schließlich gelang es der Polizei, alle Auswanderer in die Wagen zu bringen.

Auf dem Nordbahnhofe wurden die ersten 27 Auswanderer, welche die Deputation zum Kaiser gebildet hatten, in die Arbeiterkantine, unterhalb des Nordbahn-Postamtes gebracht. Auch diese jammerten um ihre Frauen und Kinder. Weder das Zureden des Polizei-Oberkommissärs Kalinowicz, welcher sich mit ihnen in ihre Muttersprache verständigte, noch die beruhigenden Worte des Polizei-Bezirksleiters Oberkommissärs Kenda und des Polizeikommissärs Semek vermochten die Leute zu beruhigen. Die Männer weigerten sich, Speise oder Trank zu sich zu nehmen, und erst, nachdem der erste Transport vom Südbahnhofe mit den Auswanderern eingetroffen war, beruhigten sie sich einigermaßen.

Das Bild, welches sich in den Nachmittagsstunden in der weiten, aber niedrigen und dumpfen Arbeiterkantine am Nordbahnhofe darbot, spottete jeder Beischreibung. Der Raum war mit Auswanderern überfüllt, der Fußboden war mit allerlei Gepäck bedeckt, auf demselben hockten weinende Kinder, wehklagende Weiber und jammernde Männer, die stets nur immer wieder sagten: „Wir werden doch nach Brasilien gehen!“ In einem anderen Winkel des Saales, an einem langen nichtgedeckten Tische saß der Polizei-Oberkommissär Kalinowicz, Polizeikommissär Semek und ein Zivilwachmann. Dort wurde von denjenigen, welche noch Geld hatten, Geld für Fahrbillets nach Tarnopol, denn alle Auswanderer stammen aus der Tarnopoler Gegend, in Empfang genommen und ihre Namen aufgeschrieben. Dann besorgte der Zivilwachmann den Ankauf der Fahrkarten. Mit großer Umsicht leitete der Bezirksleiter der Leopoldstadt, Polizeirath Kenda, die Aktion, und seiner Intervention ist es zu danken, daß alle Auswanderer mit dem um halb 8 Uhr abgehenden Krakauer Zuge nach Galizien befördert werden konnten.

Gegen zwanzig Bauern erklärten, daß sie ganz mittellos seien. Diese würden ins Polizeigefangenhaus gebracht und werden morgen per Schub nach Galizien befördert werden. Die Einwaggonierung der Auswanderer bot einige Schwierigkeiten. Einige Bauern erklärten, sie wollen durchaus in Wien bleiben und hier Arbeit suchen, andere sagten, sie hätten englisches Geld – was auch richtig war – und wollten es in Wien einwechseln; wieder andere, besonders die Frauen, klagten, daß sie ihr Reisegepäck nicht haben, es fehlten ihnen ihre Polster und der Bündel mit Brod. Es gelang schließlich, alle Auswanderer in vier Waggons unterzubringen und um halb 8 Uhr fuhren die Auswanderer in die Heimath!

Was werden sie dort in der Winterszeit anfangen? Um Spottpreise haben sie Haus und Hof verkauft, der Erlös des Verkaufes ist auf die Reisen von Tarnopol nach Wien, von da nach Cormons und von dort retour nach Wien und Tarnopol aufgegangen. Wie es kam, daß die Bauern sich zur Auswanderung entschlossen, illustriert die Mittheilung mehrerer Bauern aus dem Dorfe Bucnow. Der dortige Gemeindeschreiber Martin Kloc sei, so sagen sie, von Haus zu Haus gegangen, um im Auftrage der Bezirkshauptmannschaft, diejenigen zu konskribieren, welche nach Brasilien auswandern wollen. Er sagte ihnen, „der Kaiser habe befohlen, daß die ärmeren Bauern ihr Haus verkaufen und nach Brasilien auswandern mögen“.

In einem andern Dorfe wurde mit mittelst Trommelschlages bekannt gemacht, daß man ungehindert nach Brasilien auswandern könne. Die Bauern sagten auch, daß „Herren“ in Lemberg die Auswanderer unterstützten. Wahrscheinlich meinten sie den „St. Rafael Vereins.“ Die Bauern klagten auch über einen gewissen Trubacki aus Lemberg, welcher von ihnen per Familie 50 Gulden verlangte, um sie über die Grenze zu bringen. Da sie ihm diesen Betrag nicht zahlen wollten, so habe er deren Zurücksendung von Cormons nach Galizien bewirkt. Die Bauern erklärten bei der Abreise: „Wir kommen bald wieder hierher; wir müssen nach Brasilien, wir haben zu Hause nichts mehr zu thun, wir werden dort Hungers sterben.“

Im Jahre 1896. (Schreibweise original).

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