Von dem 100. Geburtstag der Henriette Colino in Rothenburg an der Obra und ihrer würdigen Jubelfeier

Im Jahre 1809 erblickte ein Mädchen in der Provinz Posen das Licht der Welt und die stolzen Eltern ahnten wohl in keiner Weise, daß ihre Tochter über ein Jahrhundert Lebenszeit vor sich haben sollte…

Rothenburg an der Obra. Die Witwe Henriette Kühn, geborene Kolino, hierselbst, feierte am Montag den Tag der Vollendung ihres 100. Lebensjahres. Sie ist am 15. Februar 1809 in Rothenburg an der Obra (früher Rostarschewo) geboren. Am 7. Dezember 1845 verheiratete sie sich mit dem Schuhmacher Traugott Kühn, der im Jahr 1863 hierselbst verstorben ist. Frau Kühn hatte 5 Kinder, von denen 2 im erwachsenen Lebensalter gestorben sind. Die Jubilarin ist geistig und körperlich verhältnismäßig rüstig, und verrichtet in der Wirtschaft ihres Schwiegersohnes Gottlieb Kleu, der sie seit dem Tode ihres Ehemannes ernährt, sogar noch häusliche Arbeiten. Eine Brille gebraucht sie noch nicht; sie kann noch mit bloßen Augen eine Nadel einfädeln. Ueber die Geburtstagsfeier ist folgendes zu berichten:

Die hiesige Stadtkapelle spielte vor dem Hause der Jubelgreisin in aller Frühe drei Choräle. Um 11 Uhr vormittags erschienen bei dem hochbetagten Geburtstagskinde, das mit seinen Angehörigen versammelt war, die Vertreter der Behörden: Pfarrer Werner mit den Mitgliedern des evangelischen Gemeindekirchenrats, Bürgermeister Lieck mit den Mitgliedern des Magistrats und der Stadtverordneten-Versammlung, Hauptlehrer und Kantor Daubitz mit dem Sängerchor der Stadtschule. Nach dem Gesang hielt Herr Pfarrer Werner ein Gebet für die Jubilarin und überreichte als Geschenk der Kirchengemeinde eine Bibel. Sodann verlas Herr Bürgermeister Lieck unter Ueberreichung eines Allerhöchsten Gnadengeschenkes von 300 Mark ein an die Jubilarin gerichtetes Schreiben des Zivilkabinetts Seiner Majestät des Kaisers und Königs folgenden Inhalts:

Berlin den 15. Februar 1909.

Seine Majestät der Kaiser und König haben erfahren, daß es Ihnen durch Gottes Gnade vergönnt ist, am heutige Tage Ihr hundertstes Lebensjahr zu vollenden. Zu diesem seltenen Feste lassen Seine Majestät Ihnen Glück und Segen wünschen und haben Ihnen als Zeichen wohlwollender Teilnahme an Ihrem Ehrentage ein Gnadengeschenk von dreihundert Mark aus Allerhöchst ihrer Schatulle zu bewilligen geruht. Es gereicht mir zur Freude, auf Allerhöchsten Befehl Ihnen dieses Gnadengeschenk berfolgend zu übersenden.

Der Geheime Kabinetts-Rat.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses, Landrat v. Lucke, der dienstlich behindert war, persönlich zu erscheinen, hatte die Glückwünsche des Kreises Bomst unter Uebersendung eines Geschenkes von 25 Mark schriftlich übermittelt. Bürgermeister Lieck überreichte der Jubilarin den von der Stadt Rothenburg an der Obra gestifteten eisernen Kranz, dessen Schleifen die Widmung tragen, sowie eine Glückwunschadresse des Magistrats und der Stadtverordneten-Versammlung. Aus dieser Adresse ist zu erwähnen, daß in der Stadt Rothenburg an der Obra, die seit 1754 besteht, bisher eine gleiche Jubelfeier nicht gewesen ist. Bürgermeister Lieck schloß mit einem Hoch auf die Jubilarin, worauf der Gesang, „So nimm denn meine Hände“ erfolgte:

So nimm denn meine Hände und führe mich
bis an mein selig Ende und ewiglich.
Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt,
wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz
und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz.
Laß ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind,
es will die Augen schließen und glauben blind.

Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht,
du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht,
so nimm denn meine Hände und führe mich
bis an mein selig Ende und ewiglich!

Pfarrer Werner brachte die allseitige Freude und den Dank für das Allerhöchste Gnadengeschenk zum Ausdruck und schloß mit einem Hoch auf seine Majestät den Kaiser und König. Die Jubilarin dankte sichtlich bewegt für die Geschenke, insbesondere für das Allerhöchste Gnadengeschenk und sagte, daß das letztere auch ausreichen werde, die Kosten eines Grabdenksteines für sie zu bestreiten werde, wenn sie einst gestorben sein werde. Ein herbeigeholter Photograph machte verschiedene Gruppenbilderaufnahmen. Darauf ließ es sich der Schwiegersohn der Jubilarin, Herr Gottlieb Kleu nicht nehmen, die Angehörigen und Gäste gastlich zu bewirten.

Rothenburg an der Obra, im Februar 1909, (Schreibweise original).

Ergänzung. Am 07.12.1845 heiratete Anna Dorothea Henriette Colino den 19 Jahre älteren und geschiedenen Schuhmacher Johann Traugott Kühn in Rothenburg an der Obra. Ihre Ehe währte 18 Jahre, im September 1863 beschloß Traugott sein begrenztes Wirken auf dieser Welt und hinterließ fünf Kinder. Zu jener Zeit konnte ihr Schwiegersohn freilich noch nicht als Ernährer auftreten; dieser Fehler möge der Unkenntnis der damaligen Schreiber geschuldet sein.

Der in dem Beitrag erwähnte Schwiegersohn Gottlieb Kleu hieß korrekt: Johann Wilhelm Gottlieb Kley und wurde im Dezember 1845 geboren – im Alter von 26 Jahren schloß er den Bund der Ehe mit Johanne Wilhelmine Kühn. Die gemeinsame Tochter Martha übernahm im April 1910 die betrübliche Aufgabe, den Tod ihrer geliebten Großmutter zu melden – denn im Alter von 101 Jahren hauchte Henriette ihre temporäre Existenz für immerdar aus. Was für ein unendlich langes Leben und doch nur ein fragiler Moment im allgewaltigen Nichts des Seins. Möge sich ihre Hoffnung auf einen angemessenen Grabdenkstein erfüllt haben!

Liebe Anna Dorothea Henriette Colino – mit deinem hohen Lebensalter hast du etwas Besonderes in deiner Heimatstadt erreicht und entsprechend eine einzigartige Würdigung erfahren, die dort ihresgleichen suchte und demungeachtet lange, lange vergessen ist; doch heute soll hier an dieser Stelle nochmals an dich erinnert werden – von Herzen.

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