Nur eine flimmernde Erinnerung

Im Jahr 1847 wurde in Groß Nelke im Kreis Bomst in der Provinz Posen ein Mädchen namens Rosina Dorothea geboren. Genau zwei Jahre zuvor erblickte Johann August in dem gleichen Ort das Licht der Welt und ich bin geneigt anzunehmen, daß beide Kinder zusammen aufwuchsen und sich schon immer kannten. Vielleicht war ihre Vertrautheit intensiver Natur und entsprechend entwickelte sich eine romantische Liebe zwischen ihnen und so schlossen sie den Bund des Lebens zu Beginn des Jahres 1870. Möglicherweise traten sie auch nur aus pragmatischen Gründen in den Ehestand – das unendliche Meer der Zeit hat dieses Wissen gnadenlos mit sich fort gerissen. Im Mai jenen Jahres wurde ihre Verbundenheit mit der Geburt ihrer Tochter Emma gekrönt, welche hoffnungsvoll schreiend den temporären Weltgesang betrat. Doch das gemeinsame Glück – so es eines war – sollte mitnichten lange währen, denn die stets wahnsinnigen Politiker beschwörten einmal mehr die finsteren Wolken des Krieges herauf.

Und so entfaltete sich der Deutsch-Französische Krieg mit aller Macht am 19.07.1870. Auch Johann August sollte seinen unbedeutenden Beitrag in diesem absurden Konflikt leisten und wurde als Füsilier dem 1. Niederschlesischen Infanterie-Regiment Nr. 46 unterstellt. Wahrscheinlich war der Abschied von seiner geliebten Frau und seiner süßen Tochter ein schmerzhafter Moment für alle Beteiligten und ja, die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen werden alle in sich getragen haben. Doch wer konnte zu diesem Zeitpunkt auch nur im Ansatz erahnen, daß eine Rückkehr nimmermehr stattfinden würde? Wer wagte das Undenkbare zu denken?

Die Kompanie, in der Johann August eingesetzt war, nahm am 06.08.1870 in der Schlacht bei Wörth ihre tödliche Rolle ein und so hauchte der frisch vermählte Familienvater in einem Alter von nur 25 Jahren sein Leben aus – in der sinnlosesten Art und Weise, wie es nur in der Menschenwelt möglich ist. Seine kleine Tochter war an jenem Tage keine drei Monate alt. Und so weinten die Lieben in der Heimat und betrauerten ihren unersetzlichen Verlust, indessen das Gemetzel weiter tobte und seinen mörderischen Tribut einforderte. Die Trauer war nicht greifbar, der Schmerz nicht in Worte zu kleiden.

Rosina Dorothea blieb sieben Jahre lang allein – erst im Jahr 1877 trat sie erneut vor den Traualtar. In ihrer zweiten Ehe wurden sechs Kinder geboren und noch 1912 lebte sie in Karpitzko – nicht weit entfernt von ihrem Geburtsort. Vielleicht gedachte sie in der Rüste ihres Lebens an ihr kurzes Eheglück, damals im Jahr 1870 – was längst zu einer flimmernden Erinnerung der kalten, toten Vergangenheit wurde. Als schlußendlich ihr Leben beschlossen wurde, waren nun auch die letzten Gedanken daran vergessen – für immerdar. Die stillen Tränen waren nunmehr getrocknet; für alle Zeiten. Doch heute soll ihnen mit diesem meinem Artikel gedacht werden; an Rosina Dorothea & Johann August – an ihre einstige Liebe, die nur so kurz lächeln durfte.

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