Muttermord

Das Jahr 1863. In der Kirche von Borui in der Provinz Posen (Bild unten) schlossen Johanne Juliane Emilie und Johann Traugott den Bund der Ehe. Unter den Gästen weilte auch ihr Bruder Samuel, der nur zwei Jahre später die deutsche Heimat für immerdar verließ, um einer ungewissen Zukunft der Hoffnung entgegen zu segeln. Im Jahr 1865 machte er sich nach Hamburg auf, um von dort nach Adelaide in Australien auszuwandern. Seine Schwester zog indessen mit ihrem Mann Traugott nach Gloden und gründete dort eine Familie. Die Ehe hielt 33 Jahre lang und endete mit dem Tod ihres Gatten, der sicherlich weit vor seiner Zeit verstarb. Ob die Verbindung glücklich war, kann nur vermutet werden.

Kirche in Borui, erbaut 1854, später mit Turm

Im Dezember 1867 erblickte ihr Sohn Gustav Adolf das Licht der Welt – so hielt sie also ihr kleines Baby in den Händen; jenes Kind, welche Jahre später zu ihrem Untergang führen sollte. Nach dem Tod ihres Mannes Traugott verbrachte sie ihr Leben als Ausgedingerin bei ihrem Sohn Gustav Adolf und dessen Angetraute Amalie Anna. Mittlerweile konnte sie fünf Enkelkinder vermelden. So zog die unwägbare Zukunft in die unendliche Vergangenheit ein und Anfang des Jahres 1902 nahm die Tragödie ihren Lauf.

An einem Morgen im kalten Januar wurde die 60jährige Johanne Juliane Emilie tot in ihrer Wohnung aufgefunden – das Königliche Distriktsamt zu Wollstein konstatierte, daß sie erschlagen wurde.

Die weiteren Ermittlungen des Distriktskommissarius ergaben, daß sie von ihrem eigenen Sohn und ihrer Schwiegertochter durch mehrere Beilhiebe ermordet wurde. Ein besonderes Augenmerk muß hier auf den neunjährigen Enkel Alfred gelegt werden, denn er berichtete von dieser schrecklichen Tat und belastete damit seine Eltern als Hauptzeuge schwer. Das Schwurgericht zu Meseritz verurteilte die beiden Mörder zum Tode. Doch mehr als ein Jahr nach der Tat wurden die Verurteilten zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe begnadigt.

Die weiteren Lebenswege von Gustav Adolf und Amalie Anna sind nicht bekannt und ob sie jemals die Freiheit zurück erlangten, ist ebenso ungeklärt. Zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung war Gustav 35 Jahre und Amalie 30 Jahre alt – im Jahr 1916 waren beide bereits verstorben. Ihr Sohn Alfred, der in dem Prozeß eine besondere Rolle einnahm, sollte seinen 24. Geburtstag nicht erleben. Auch die Beweggründe zu diesem entsetzlichen Muttermord lassen sich wohl nicht mehr entschlüsseln. All der Schmerz, all das Leid, all die Tränen haben sich längst verflüchtigt und wahrscheinlich gibt es niemanden mehr unter den Lebenden, der diese Geschichte aus dem Jahr 1902 noch kennt und darüber berichten könnte – wenn sie denn je weitergetragen wurde. Der Zeitenstrom des Lebens reißt alles mit sich – auch die schlimmsten Begebenheiten, die uns einst fassungslos zurück ließen. Was hätte sie wohl dazu gesagt, wenn man ihr von ihrem Lebensende berichtet hätte, just in jenem Moment, als sie ihr Baby in den Händen hielt? Wer erwartet schon das absolut Unbegreifliche? Möge Juliane Emilie zuvor schöne Jahre erlebt haben – das darf ich ihr nachträglich noch wünschen. Ja, das wünsche ich ihr – von Herzen.

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