Aus dem Alltagsleben in Wollstein von 1738 bis 1740

Im Februar des Jahres 1738 kam ein Kirchenvisitator, der Archidiakonus Pawlowski, hier an. Er benahm sich höflich gegen Pastor von Geißler und ließ sich die Privilegien zeigen. Man benutzte diese Gelegenheit, um die Erlaubnis zur Reparatur des Turmes nachzuholen, wie erstaunt aber waren alle, da der Revisor 30 Dukaten für diese Erlaubnis forderte. Die Vorsteher beschlossen, für jetzt von diesem Gesuche abzusehen, aber es wurde ihnen erklärt, daß, wenn sie die 30 Dukaten nicht gäben, sie die Kirchenprivilegien nicht zurückerhalten würden. In dieser Not legte sich Pastor von Geißler aufs Bitten und erlange eine Ermäßigung bis auf 20 Dukaten, außer welcher Summe aber noch jedem Einzelnen aus der ansehnlichen Begleitung des Revisors bis zum Küchenjungen herab ein Geschenk gegeben werden mußte. Auch nahm der Revisor bei seiner An- und Abreise jedesmal ein ansehnliches Frühstück beim Pastor von Geißler ein. Es wurde ihm nun eine schriftliche Erlaubnis zur Ausführung des Turmbaues übergeben, von welcher man sogleich Gebrauch machte.

Baumeister Ebermann und Schlosser Grosser führten diesen Reparaturbau aus. Der genannte Revisor veranlaßte auch eine Veränderung in Betreff der Abgabe an den Pleban, die nicht eben zum Vorteile der evangelischen Gemeinde gereichte. Die evangelische Bürgerschaft vereinigte sich dahin, daß von nun an jeder Hausvater jährlich zwei Floren zur Entrichtung der Abgabe an den Pleban beitragen sollte. Im April dieses Jahres wurde noch der Pfarrer mit 170 Talern dafür bestraft, daß er im herrschaftlichen Hause zu Groß Nelke eine Trauung vorgenommen hatte. Auch wegen des erwähnten Turmbaues wurde die Gemeinde verklagt, als wäre die Erlaubnis überschritten worden. Der Propst von Ruchotsche untersuchte diese Sache und veranlaßte schon dadurch nicht unbedeutende Kosten.

Außer diesen immer wiederkehrenden, drückenden Abgaben mußte die Kirche auch an den Generalsenior der lutherischen Glaubensgemeinschaft in Groß-Polen einen jährlichen Beitrag zur gemeinschaftlichen Kasse zahlen, der nicht bestimmt gewesen zu sein scheint.

Im Januar 1739 legte der Kirchenvater Kolberg sein Amt nieder, und es trat B. A. Klein, Schwarz- und Schönfärber an seine Stelle. Die Kirche war damals 1760 Floren schuldig. Betrübend war der Abfall des Schneiders Rauwald, der aus Beuthen hierher gezogen kam, sich mehrere Jahre wohl genährt hatte und aus Ehrgeiz zur katholischen Kirche überging. Während eines sehr starken Gewitters wurde in Tloker Hauland der Wirt Bartsch mit seiner Frau und einem Dienstknaben vom Blitz erschlagen. In diesem Jahr machten noch mitten im Sommer die Wölfe viel Schaden.

Im Januar 1740 legte auch Blache sein Kirchenvateramt nieder, und es trat an seine Stelle Elias Pätzold, Bürger- und Bäckermeister, zur Seite des seitherigen Kirchenvaters Klein. In diesem Jahr war nichts von ungewöhnlichen Bedrückungen zu melden, dafür herrschte eine ungewöhnlich starke Kälte. Im See waren die Fische erfroren, und wer von denselben des Verbotes ungeachtet aß, erkrankte tödlich. Im Mai richteten die Schlossen, jedoch nur dicht um die Stadt herum, eine größere Zerstörung an. Der Pfarrer trat im Juli desselben Jahres nach achtzehnjährigem Witwenstand zum zweiten Male in den Ehestand mit Maria Magdalene, Witwe des Pastors Fiedler aus Schmiegel, geborene Heynin.

Quelle: Heinrich Gerlach: „Chronik der evangelisch-lutherischen Kirche und Gemeinde zu Wollstein von 1602 bis 1839“.

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