Der untreue Herr Giersch?

Bereits im Jahr 1758 verwaltete der Kirchenvorsteher Gottfried Giersch die Kirchenkasse in Wollstein. Am 28.12.1759 findet sich die Nachricht von einem Vergleiche, den er und der Kirchenvorsteher Johann Christian Ralliger mit dem damaligen Pfarrer Franciscus Pocholski über die mehrerwähnten jährlichen Abgaben, Plebangeld genannt, abgeschlossen hatten.

Am 20.11.1766 gab es eine ausführliche Verhandlung über die Revision der von den beiden genannten Vorstehern und namentlich von dem Gottfried Giersch verwalteten Kirchenkasse und gelegten Kirchenrechnungen aus den Jahren 1758 bis 1766. Übrigens ist ihr Inhalt aber ein höchst bedeutender. Dem Giersch sollen laut dieser Verhandlung in bezug auf seine Kassenverwaltung und namentlich in Betreff der Rechnung über den Bau des Glöcknerhauses (1762), wie des Ankaufs der an den Grundherrn zu liefernden Schutztücher große Betrügereien und endlich ein Defect von 4.663 Floren nachgewiesen worden sein. Die Gemeinde führte deshalb Klage bei dem Grundherrn Raphael von Gajewski. Giersch suchte sich aufs Beste zu verteidigen, soll aber dem Herrn 50 Dukaten entweder als Strafe oder, um sich den Beistand des Herrn und der katholischen Kirche zu erkaufen, gegeben haben. Diese Angabe wird umso wahrscheinlicher durch die Art und Weise, wie der Grundherr die Sache vermittelte. Die Gemeinde war durch den schlechten Kassenverwalter bei dem Propst mit der erwähnten jährlichen Abgabe in einem Stillgang (Rückstand) von 1.400 Floren gekommen.

Auf die Vermittlung des Herrn erließ der Propst die Hälfte, so daß die Gemeinde um 700 Floren erleichtert wurde, und außerdem sollte Giersch noch 200 Floren zur Kirchenkasse zahlen, welchem Befehle er jedoch auch nicht Folge leistete. Gottfried Giersch starb, ohne die Kirchenbuße irgendwie befriedigt zu haben, am 7. November 1783 in einem Alter von 72 Jahren. Auf das Gesuch seiner Tochter Florentine, die im Begriff stand, sich mit dem Schuhmacher Gottlieb Winnenpfennig zu verheiraten, begab sich die Gemeinde aller ferneren Ansprüche an den Nachlaß des Vaters. Nur die beiden Kirchenstellen, die dem Giersch und seiner Frau eigentümlich gehört hatten, wurden der Kirche von der Erbin überlassen. Die betreffende Originalverhandlung vom 26. Juni 1784 von den Beteiligten und dem Pfarrer eigenhändig unterschrieben, befindet sich in den kirchlichen Papieren.

Quelle: Heinrich Gerlach: „Chronik der evangelisch-lutherischen Kirche und Gemeinde zu Wollstein von 1602 bis 1839“.

Ergänzung. Der Schuhmachermeister und Kirchenvorsteher Gottfried Giersch lebte von 1711-07.11.1783. Seine oben erwähnte Tochter Florentine ehelichte Gottlieb Winnenpfennig im August 1784. Auch Gottlieb Winnenpfennig war ein Schuhmachermeister und lebte von 1754-1825. Bereits sein Vater Gottfried (1722-1790) war ein Meister der Schuhmacherzunft. Familie Winnenpfennig stammte ursprünglich aus Friedrichsfelde bei Trebschen im Kreis Züllichau.

Giersch

Winnenpfennig

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