Eine Waisenanstalt für Mädchen in Wollstein

Im Januar 1830 machte Konsistorialrat Dr. Jacob zu Posen dem Wollsteiner Pfarrer das „höchst gütige Anerbieten“, daß er bereit wäre, bei der Gründung einer Mädchenwaisenanstalt 150 Reichstaler spenden zu wollen. Die Etablierung einer solchen Einrichtung kam jedoch nicht zustande, gleichwohl es dem Pfarrer „sehr drückend auf dem Herzen lag“. Erst im September 1836 wurde ein Statut und eine Hausordnung für die zu errichtende „Marienstiftung“ entworfen; Herr Dr. Jacob erhöhte seine Spende auf 200 Reichstaler und zahlte selbige im Juli 1837 aus. Der Land- und Stadtgerichtsrat Wenzel aus Wollstein übernahm die sichere und zinstragende Unterbringung des Geldes.

Weiterhin wurde ein Gesuch an die königlichen Beamten des Ortes und an die hiesige Bürgerschaft und an die wohlhabenderen Bewohner der Umgebung ausgesprochen. Herr Rittmeister von Dziembowski versprach ein Geschenk von 20 Reichstalern und auch aus Widzim und Karge wurden fortlaufende Beträge zugesichert. Als bisheriger Leiter der Angelegenheit zog sich der Arzt Dr. Schneider zurück – seine Stellung als Arzt forderte ihren Tribut – und so übernahm der Rentier Kunze den Vorstand der Marienstiftung. Sodann trat am 31. Oktober 1837 die Anstalt endlich in das Leben und zwar im evangelischen Schulhaus in der obersten Giebelstube, welche extra angemietet wurde.

Als Waisenmutter wurde die Witwe von Müllermeister Franke, geborene Päch bestimmt und die ersten Waisen der Einrichtung waren: Johanne Juliane Becker, Tochter des verstorbenen Gottfried Becker und Wilhelmine Helm, die jüngste uneheliche Tochter von Frau Helm, geborene Schmidt. Letztere wurde jedoch Anfang September 1838 von Frau Helm wegen einer „wohlverdienten, mäßigen Züchtigung zurückgenommen“. Stattdessen wurde Mathilde Block, jüngste Tochter des verstorbenen Gärtners Martin Block und dessen Witwe, nun verehelichte Richter aus Wollstein aufgenommen. Am 14. Dezember 1838 wurde die komplett verwaiste Friederike Charlotte Doyl (wohl Deul) als dritter Zögling aufgenommen. Im Februar 1839 wurde die Marienstiftung durch Verfügung der königlichen Regierung bestätigt.

Bis März 1839 war das Kapital der Stiftung auf 300 Reichstaler angewachsen. Am 12. April wurde nun das vierte Mädchen willkommen geheißen: Eleonore Hoffmann, Tochter des verstorbenen Hauptmannes Hoffmann aus Groß Nelke, welcher seine Witwe „mit sieben unerzogenen Knaben in der drückensten Armut hinterlassen hat“. – – – Wahrscheinlich hat das Waisenhaus im Zeitenrad der Geschichte noch weitere Mädchen aufgenommen und in entsprechender Weise aufgezogen und in das Leben entlassen.

Quelle: „Chronik der evangelisch-lutherischen Kirche und Gemeinde zu Wollstein von 1602 bis 1839. Von Pfarrer Heinrich Gerlach.

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