Ein ungeklärtes, tödliches Schicksal

Am 09.07.1805 erblickte einer meiner Vorfahren das Licht der Welt. Seine stolzen Eltern ließen ihr Kind taufen und auch der Vater erschien bei diesem feierlichen Ereignis und alle blickten hoffnungsfroh in die Zukunft. Jener Mann war eigentlich Handwerker und zum Zeitpunkt der Taufe beurlaubter Soldat. Er war Musketier in der Compagnie (Kompanie) des Herrn Major von Niebelschütz im Infanterie Regiment von Tschepe und weilte damals wohl nur selten bei seiner lieben Familie. Das Leben, nein, die kriegsgeilen Menschen sollten sodann dafür sorgen, daß er nicht erleben durfte, wie sein Sohn aufwuchs und sein Leben lebte. Er durfte ihn nicht begleiten, aufwachsen sehen, mit ihm spielen, miteinander lachen und weinen, umarmen oder einfach nur für ihn da sein. Nichts von alldem wurde ihm zuteil. War es denn zu vermessen, sich eine derart f r i e d l i c h e Zukunft zu wünschen?

Und so zog er am 14.10.1806 in die Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt als Mitglied der preußischen Armee unter Friedrich Ludwig zu Hohenlohe-Ingelfingen und Ernst von Rüchel gegen die französischen Einheiten unter Napoleon Bonaparte und Louis-Nicolas Davout. Wie stets in allen Kriegen tobte ein sinnentleertes, törichtes, albernes und blutiges Gemetzel mit dem Ergebnis, daß ca. 33.000 Menschen auf deutscher Seite und ca. 15.000 auf französischer unnötig abgeschlachtet wurden. Und für was sind all jene Menschen und nicht zuletzt mein Vorfahre gestorben? Für nichts. Nie wieder erhielt jemand aus dem Kreise seiner Geliebten eine Nachricht von ihm. So sollte er seine geliebte Familie niemals wiedersehen, seine letzten Minuten bleiben für immer ungeklärt. Nur daß er den Tod fand, das ist gewiß. Viel zu früh im Rahmen sinnloser Kriegsspiele von unsagbar blutgierigen Menschen, die nur für Mord und Zerstörung lebten – wie unsere gesamte Spezies.

Selbst im Todeseintrag seiner Mutter, die vier Jahre später ihr Leben aushauchte, wurde das ungeklärte Schicksal ihres Sohnes nochmals thematisiert. Welch Trauer muß sie empfunden haben, wie viel Tränen hat sie vergossen und selbst auf dem letzten Weg ihrer eigenen Lebensreise wehte die Ungewißheit finster hernieder über den Verbleib ihres Sohnes. So ist es geschehen. Die Kriege und die Mordindustrie wurden später weiter perfektioniert und noch mehr liebe Verwandte aus meiner Familie mußten ihr kostbares Leben – wie schon immer – sinnlos für nichts lassen. Menschen. Bei all dem unendlichen Leid, was wir in unserer Geschichte wieder und wieder erfahren haben, lernen wir nicht dazu. Wir lernen – nichts! Wir haben uns keinen Deut verändert. Der nächste Krieg kommt, ganz bestimmt – versprochen!

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