Gefangene der Zeit

Vor nicht langer Zeit las ich den Eintrag eines Mannes, der 59 Jahre alt wurde. Geboren wurde er im Jahre 1595. Was mag jener alles erlebt haben? Herausragend war sicherlich der 30jährige Krieg, den er nicht nur er- sondern auch überlebte. Er liebte, lachte, weinte, freute, litt und lebte. Wie wir heute noch. Gut 358 Jahre später las ich seinen Todeseintrag. Wer mag er gewesen sein? Und wie? Wie war er? Wie sah er aus? Und seine Familie? Seine Frau? Die Kinder? All das werde ich nie erfahren. Ich reihe ihn ein, in meinen Datenbestand von Tausenden Personen, die ich im Laufe der Jahre erfaßte. Tausende Unbekannte; Gesichtslose, die nicht zu meiner Familie zählen und nicht weniger Menschen, die zu meinen Vorfahren zählen. Nur die Namen. Geburts-, Heirats- und Sterbedaten. Selten mehr.

Wie gern würde ich sie alle kennenlernen, mehr erfahren. Doch sie sind Gefangene ihrer Zeit. Gefangen in einem Zeitalter, welches längst von dem unendlichen Nichts der Vergessenheit absorbiert wurde. Ja, so wie ich selbst ein Gefangener bin – gefangen in meiner eigenen Zeit. Genealogie. Eine meiner liebsten Beschäftigungen. Eintauchen und Versinken in die Vergangenheit. Und doch, und doch! Schlußendlich eine sinnlose Beschäftigung. Denn letzten Endes kratze ich nur an der Oberfläche toter Zeit, ohne wirklich tief in vergangene Leben eindringen zu können. Irrelevant, wie weit ich in die Geschichte zurückgehe. Was ist mit meinen Vorfahren vor 1000 Jahren? Vor 2000? Nirgends sind sie verzeichnet. Vergessen. Verflüchtigt in Raum und Zeit. Für immer und immer. Und ich? Ich werde ihnen irgendwann folgen, in das allumfassende Nichts. Ich werde das gleiche Schicksal teilen. Dereinst.

4 Antworten to “Gefangene der Zeit”

  1. Barden, Karin Says:

    Sie sprechen mir aus der Seele. Dankeschön für Ihre einfühlsamen Worte.
    Karin Barden

  2. ahnensuche Says:

    Hallo Karin,

    vielen Dank für Ihr Lob.

    Viele Grüße

    Marcus

  3. Ulrich J. Gülpen Says:

    Hallo Marcus,
    das 16. Jahrhundert war wohl eine besonders schlimme Zeit. Ich zolle meinen Respekt den vielen Vorahnen, die gerade da ge- und manchmal auch überlebt haben. Deine philosophischen Worte kann ich komplett unterschreiben, deswegen auch Dir meinen Respekt!
    Hochachtungsvoll
    Ulrich Josef

  4. ahnensuche Says:

    Hallo Ulrich Josef,

    vielen Dank für Deine Antwort. Ich pflichte Dir gerne bei – die Zeit muß sehr schlimm gewesen sein und für Frauen war es noch viel schwieriger. Aber unsere Vorfahren hatten sicher bei aller Härte auch heitere Momente, trotz aller Widrigkeiten schien die Sonne unter einem blauen Horizont und sie liebten und lachten. Und wer weiß, könnten sie heute unsere Zeit sehen, würden sie vielleicht sagen, „wie schlimm!“. So ist jeder gefangen in seiner Zeit. Dennoch, das schöne an der Genealogie ist es – eine Verbindung zu schaffen und damit auch die lieben Vorfahren zu ehren.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Marcus

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