Im Wandel der Zeiten

Ich recherchiere und forsche, sammele Informationen, werte Daten aus und beschäftige mich intensiv mit Kirchenbüchern und alten Urkunden. Somit gewinne ich neue Erkenntnisse über meine Familie und über meine Vorfahren. Und das weite Internet ermöglicht gar einen Kontakt mit Nachfahren, deren Linien sich von meinen direkten Vorfahren vielleicht vor 150 oder 200 Jahren trennten. Über neue Erkenntnisse freue ich mich und bin natürlich fasziniert. Aber sind diese Informationen wirklich neu? Ja. Doch nur für mich. Nur für mich.

Für Familienmitglieder, die lange verstorben sind, wären das keine neuen Zusammenhänge. Für jene war das einst selbstverständlich. Man kannte sich. Sie haben die verwandtschaftlichen Verhältnisse und nicht nur diese mehr oder minder gepflegt, bis irgendwann ignorante Nachkommen in die Welt traten, die sich für derlei nicht mehr interessierten. Mit anderen Worten, was ich heute mühsam recherchiere, wußte einst jeder in der Familie. Das war banales Allgemeinwissen.

Ein sehr geschätztes Familienmitglied von mir, seines Zeichens 85 Jahre alt – erzählte mir vor kurzem, daß er in dem Ort, wo er geboren wurde jeden einzelnen Menschen mit Namen kannte und heute noch weiß. Jedes einzelne Haus. Er wußte, wo sie herkamen und sogar, wen sie heirateten und woher diese stammten – sie kannten sich einfach; alle miteinander. Und heute? Wer kennt heute noch seine Nachbarn? Oder weiß gar, wie die Ehepartner heißen und wo sie herkamen? Und dann die eigene Familie. Wer kennt noch alle fernen Verwandten? Die Zusammenhänge? Wer interessiert sich dafür heute noch? Oh welch Wandel der Zeiten!

In meiner Familie bin ich der einzige, der sich mit dieser Thematik beschäftigt. Mir gelang es, ein wenig Licht in ein Dunkel zu bringen, was früher klar und einleuchtend war. Allerdings nur in einem reduzierten Rahmen von partiell 300 Jahren. Wenn meine unbedeutende temporäre Existenz für immer und immer ausgehaucht sein wird, wird dieses Wissen vermutlich erneut begraben werden. Und wer weiß, vielleicht lebt in 150 Jahren – sofern es dann noch Menschen gibt – erneut ein Familienforscher, der dann Erkenntnisse an den Tag bringt, „neues“ Wissen, was mir heute selbstverständlich erscheint. Das ist das Leben.

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